Tourismus im Corona-Jahr 2020: Fast alle sind Verlierer

Stand: 16.03.2021 20:00 Uhr

Um 19,6 Prozent ist die Zahl der Übernachtungen laut Tourismusagentur Schleswig-Holstein im Corona-Jahr 2020 zurückgegangen. Ein Minus von sieben Millionen. Betroffen sind fast alle Beherbergungsarten.

von Hauke Bülow

Campingplätze sowie Vermieter von Ferienhäusern- und Wohnungen seien deutlich besser durch die Krise gekommen als andere Beherbergungsbetriebe. Das erklärten die Tourismusagentur Schleswig-Holstein TASH und das Wirtschaftsministerium vergangene Woche. Erfasst wurden dabei allerdings laut TASH lediglich die größeren gewerblichen Vermieter. Den kleineren privaten Vermietern ist dagegen nicht zum Jubeln zumute, zeigt ein Blick auf die Ostsee-Insel Fehmarn (Kreis Ostholstein).

Keine Hilfen für private Vermieter

Familie Böhrs hat einen Resthof auf Fehmarn © NDR Foto: Hauke Bülow
Familie Böhrs hat einen Resthof auf Fehmarn. Ihre Zielgruppe: Menschen mit Hund.

Susanne Böhrs ist verzweifelt. Gemeinsam mit ihrer Familie vermietet sie zwei Ferienwohnungen auf Fehmarn. Zielgruppe: Menschen mit Hund. "Wir sind normalerweise rund ums Jahr ausgebucht“, erzählt die Vermieterin. Der Lockdown im Frühjahr 2020 habe dann reingehauen. "Unser Hauptproblem ist, dass wir keinerlei Beihilfen bekommen und in den letzten 12 Monaten schon sieben Monate nicht vermieten durften“, sagt Susanne Böhrs. Und so habe sie maximal die Hälfte ihrer sonstigen Einnahmen verbuchen können.

Vermietung meist nur Nebenerwerb

Das Problem erläutert Daniel Rousta vom Verband der Eigentümer von Ferienwohnungen und Ferienhäuser. Häufig seien die Vermieter nicht gewerblich tätig, sondern versteuern ihre Einnahmen als Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung. Zudem sei die Vermietung in den meisten Fällen nicht der Haupterwerb der Vermieter, sondern ein Nebenerwerb beispielsweise für die Altersvorsorge. Und so seien sie von staatlichen Corona-Hilfen ausgeschlossen, während Kosten für Kredite, Steuern, Versicherungen, Instandhaltung oder Energie weiterlaufen.

Susanne Böhrs spricht von einem Dilemma, in dem sich die privat geführten Ferienwohnungen befänden. Sie appelliert an die Politik, die Beherbergung in den Ferienwohnungen- und Häusern im Land wieder zu erlauben. Viele Besitzer stünden sonst vor der Privatinsolvenz. 

Jugendherberge Fehmarn: Minus 55 Prozent bei Übernachtungen

Solche Aktivitäten vermisst Herbergsvater Johannes Bethcke © NDR Foto: Hauke Bülow
Solche Aktivitäten vermisst Herbergsvater Johannes Bethcke.

Zu den großen Verlierern in der Corona-Krise zählen laut Tourismusagentur Schleswig-Holstein auch die Jugendherbergen. Auch Johannes Bethcke ist aktuell nicht zum Lachen zumute. Er ist Herbergsvater der Jugendherberge auf Fehmarn. Der Frühling 2020 war bei ihm von Stornierungen und Umbuchungen geprägt. Nur kleinere Ferienfreizeiten hätten unter strengsten Hygienemaßnahmen stattfinden können, so Bethcke.

Dafür haben im vergangenen Jahr deutlich mehr Familien einen Urlaub in der Jugendherberge Fehmarn gebucht als im Vorjahr. Der Anteil stieg von 18 Prozent auf 42 Prozent. Sie konnten die Jahresbilanz dennoch nicht mehr retten. Die Übernachtungszahlen brachen um 55 Prozent ein. Rücklagen für Krisenjahre haben Jugendherbergen aufgrund ihrer Gemeinnützigkeit kaum, da sämtliche Einnahmen direkt in die Struktur der Häuser reinvestiert würden, erklärt der Herbergsvater. Auf die aktuelle Situation blickt er wehmütig. "Uns fehlen die Gäste sehr. Es fehlt Leben in der Herberge. Wir sind in Kurzarbeit und können kaum dem Job nachgehen, den wir lieben: Gastgeber sein.“

Komplizierte Förderprogramme

Um die finanziellen Folgen für die Jugendherbergen abzumildern, hat der Bund im März weitere Hilfen beschlossen. Weitere 100 Millionen Euro sollen laut Bundesfamilienministerium für Jugendherbergen und Bildungsstätten zur Verfügung gestellt werden. Allerdings sei das Beihilferecht sehr komplex, erläutert Katharina Pauli vom DJH-Landesverband Nordmark e.V., weil sich einige Förderprogramme gegenseitig ausschließen würden bzw. gegeneinander angerechnet werden müssten. Daher lasse sich für 2020 noch nicht final sagen, wie hoch die staatlichen Hilfen für die Jugendherbergen sein werden. Die Umsatzeinbußen teilen sich die 45 Jugendherbergen im Verband solidarisch.

Herbergsvater Johannes Bethcke fordert von der Politik konkrete Öffnungsperspektiven, sofern es die Infektionslage zulasse. Wichtig für ihn sei, dass keine vorschnellen Verbote von Klassenfahrten ausgesprochen würden. Sie seien normalerweise Hauptzielgruppe mit über 40 Prozent aller Gäste.

VIDEO: Corona-Krise: Jugendherbergen kommen an wirtschaftliche Grenze (3 Min)

IFA-Hotel Fehmarn blickt auf durchwachsenes Jahr

Auch die Hotels in Schleswig-Holstein haben kein weiteres Rekordjahr hinter sich - im Gegenteil. Um rund 30 Prozent ist die Zahl der Übernachtungen nach Angaben der Statistiker zurückgegangen. Das hat auch das IFA-Hotel am Südstrand auf Fehmarn zu spüren bekommen. Insbesondere im Frühjahr, als die Beschäftigten Gäste nach Hause schicken mussten, die zum Teil gerade erst angereist waren.

Im Sommer dann erlebten Hoteldirektorin Jutta Zimmermann und ihr Team einen "Buchungsansturm“, der kaum zu bewältigen gewesen sei. Trotzdem konnte das Hotel mit seinen insgesamt 420 Zimmern und Wohnungen umsatzmäßig die langen Lockdown-Zeiten nicht kompensieren. Dem Betrieb helfe aktuell das Kurzarbeitergeld enorm, um die Beschäftigten zusammenzuhalten. Die Situation und die Perspektivlosigkeit der Belegschaft tue ihr allerdings im Herzen weh, sagt Direktorin Jutta Zimmermann. Die Gastronomie ist komplett geschlossen, sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit. Ihre Hoffnung ist, dass sie das Hotel in den kommenden Wochen nicht öffnen und direkt darauf wieder schließen muss. Das wäre die größte Frustration und der größte Aufwand.

Campingplätze trotzen der Corona-Krise

Familie Muhl vom Campingplatz Strukkamp Huk auf Fehmarn © NDR Foto: Hauke Bülow
Familie Muhl vom Campingplatz Strukkamp Huk auf Fehmarn hofft, Ostern wieder Gäste empfangen zu können.

Während die anderen Beherbergungsbetriebe im Land massive Einbußen erlitten haben, können die Campingplätze nicht klagen. Sie konnten zwar durch den Lockdown im Frühjahr erst später öffnen als in den Vorjahren, dafür haben sie in den Sommermonaten offenbar einiges wett machen können. Laut Tourismusagentur Schleswig-Holstein stieg die Zahl der Übernachtungen um neun Prozent. Sehr zufrieden mit der Entwicklung ist deshalb Hinrich Muhl vom Campingplatz Strukkamp Huk im Süden von Fehmarn.

Der Platz habe davon profitiert, dass Auslandsreisen kaum möglich waren, erklärt Muhl die gute Entwicklung im Sommer 2020. Bei telefonischen Buchungsanfragen kam sein Team kaum hinterher. Auch in diesem Jahr rechnet Hinrich Muhl mit einer vollen Auslastung der 700 Stellplätze in den Sommermonaten. Die Vorbuchungen seien besser als die Jahre zuvor. Die Betreiber-Familie hofft aber auch, möglichst schon zu Ostern wieder Gäste empfangen zu können. Im Hintergrund laufen dafür bereits die Vorbereitungen, auch wenn aktuell unsicher ist, wann die Campingplätze im Land wieder öffnen dürfen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 16.03.2021 | 19:30 Uhr

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