Stand: 25.10.2019 05:00 Uhr  - NDR Info

Tierversuche: "Ein noch nicht ersetzbares Übel"

von Ines Burckhardt, NDR Info

Die Fotos und Videos aus einem Tierversuchs-Labor im Hamburger Süden haben deutschlandweit für Entsetzen gesorgt. Ein Tierschützer hatte sich als Mitarbeiter eingeschleust, um die Aufnahmen machen zu können, auf denen einige Mitarbeiter Tiere quälen. Seitdem wird viel über das Thema diskutiert. Was ist überhaupt erlaubt und wie werden die Versuche kontrolliert?

Bild vergrößern
Gerhard Schultheiß steht in Schutzkleidung vor Kästen mit Versuchsmäusen in Räumen der Universität Kiel.

Gerhard Schultheiß ist einer der wenigen, die mit uns sprechen möchten. Den meisten Wissenschaftlern, die NDR Info angefragt hat, ist das Thema "Tierversuche" momentan zu heikel. Schultheiß und seine Kollegin beraten als Tierschutz-Beauftragte der Universität Kiel die Forscher vor Tierversuchen - und sie kontrollieren die Experimente dann auch. "Wir haben hier nichts zu verstecken. Deshalb sind wir - damit meine ich jetzt generell die Universität - sehr offen. Auch, wenn Tierrechtsorganisationen wie PETA anfragen, bekommen sie von uns selbstverständlich Antwort."

Etwa 70 Prozent aller Tierversuche mit Mäusen

An der Uni Kiel wird vor allem an 4.500 Mäusen, aber auch an Ratten und an einigen Rindern, Schweinen und Fröschen geforscht. In ganz Deutschland finden etwa 70 Prozent aller Tierversuche mit Mäusen statt, elf Prozent mit Ratten. Die Zahl der Tiere, an denen Experimente durchgeführt werden, ist heute sehr viel höher als noch vor zehn Jahren.

Virus wird gespritzt

Gerhard Schultheiß geht in einen kleinen, belüfteten Raum mit etwa 80 Kästen, in jedem wuseln mehrere kleine, braune Mäuse. Im Radio läuft NDR 2 - der Sender ist auch während der Verhaltenstests einige Stockwerke höher eingeschaltet, damit die Mäuse sich wie in ihrer gewohnten Umgebung entspannen. Teilweise sind die Mäuse genetisch modifiziert. Ihnen wird ein Virus gespritzt, das die betroffene Nervenzelle im Gedächtnis lahmlegt. Der Virus sei für die Mäuse ungefährlich, sagt Schultheiß. "Wenn wir das injizieren, geht dieses Virus in ein Areal - und dann untersuche ich: Hat dieses Areal einen Einfluss auf unseren Verhaltenstest oder nicht?"

Forschung zu Parkinson, Schizophrenie und Alzheimer

Die Experimente sollen zur Grundlagen-Forschung über Parkinson, Schizophrenie und Alzheimer beitragen. "Diese Tiere hier leiden meiner Ansicht nach definitiv nicht." Bei anderen Versuchen an der Universität Kiel haben die Tiere aber Schmerzen, wie Schultheiß sagt. Etwa in der Tumorforschung. "Hierfür haben wir aber im individuellen Versuch ein Abbruch-Kriterium, wo das individuelle Leiden für das Tier zu viel wird und das Tier von den Leiden erlöst werden muss." Sprich: Das Tier wird dann getötet. Die Tierpfleger der Uni müssen alle Tiere jeden Tag begutachten und Auffälligkeiten melden, mehrmals im Jahr kommt auch das Veterinäramt vorbei – allerdings bisher immer mit Ankündigung.

Gerhard Schultheiß nennt die Tierversuche ein "Übel, das wir noch nicht ersetzen können." "Auf der einen Seite wird von den Ärzten verlangt, dass sie Arzneimittel zur Verfügung stellen - und dieses Wissen muss ja irgendwo herstammen. Und die breite Öffentlichkeit nutzt gerne Dinge", meint Schultheiß. "Ein künstliches Hüftgelenk zu implantieren, ist nicht einfach, das musste vorher an einigen Tieren erprobt werden."

Erfolgreich bei Mäusen, bei Menschen nicht

Kritiker wie Corina Gericke von der Organisation "Ärzte gegen Tierversuche" sagen aber: Forschungsergebnisse lassen sich nicht einfach vom Tier auf den Menschen übertragen. "Krebsmäuse zum Beispiel sind schon millionenfach geheilt worden. Auch Schlaganfall-Mäuse, da gibt es 600 Medikamente, die bei der Schlaganfall-Maus gewirkt haben. Und wenn man es dann am Menschen probiert, funktioniert es nicht." Gericke fordert mehr Gelder für alternative Forschung, etwa zu Mini-Organen, die aus menschlichen Zellen gewonnen werden. "Das sind sinnvolle Methoden, die für den Menschen relevant sind, weil eben menschliche Zellen verwendet werden. Und nicht künstlich krank gemachte Mäuse."

Mehr Kontrollen gefordert

Wissenschaftler wie Gerhard Schultheiß widersprechen: Viele Grundlagen könne man nicht "in vitro", also im Glas, erforschen, sondern man müsse einen Organismus wie den einer Maus beobachten. In einem Punkt ist er sich mit den Tierschützern aber einig: Die Veterinärämter sollten Labore häufiger und auch unangemeldet kontrollieren - um Zustände wie im LPT Labor in Hamburg zu verhindern.

Weitere Informationen

Tierversuchslabor soll stärker kontrolliert werden

21.10.2019 14:30 Uhr

Nach Tierquälerei-Vorwürfen soll das Tierversuchslabor LPT im Landkreis Harburg verschärft kontrolliert werden. Missstände in der Tierhaltung wurden bislang nur teilweise behoben. mehr

NDR 90,3

Tausende protestieren gegen Tierversuchslabor

19.10.2019 15:00 Uhr
NDR 90,3

Mehr als 7.000 Tierschützer haben bei einer Demo in Hamburg-Neugraben gegen ein Versuchslabor im Kreis Harburg und dessen Betreiber in Hamburg demonstriert. Die SOKO Tierschutz hatte in dem Labor heimlich gefilmt. mehr

Landesamt kontrolliert Labor für Tierversuche

16.10.2019 15:05 Uhr

Nach Vorwürfen von Tierschützern gegen ein Tierversuchslabor im Landkreis Harburg haben die zuständigen Behörden die Anstalt kontrolliert. Die Prüfung sei noch nicht abgeschlossen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 25.10.2019 | 06:50 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

04:19
Schleswig-Holstein Magazin
02:48
Schleswig-Holstein Magazin