Stand: 26.04.2020 18:04 Uhr

Thor Heyerdahl: Odyssee des "Klassenzimmer unter Segeln"

34 Schüler waren als "Klassenzimmer unter Segeln" mit dem Traditionssegler "Thor Heyerdahl" auf den Weltmeeren unterwegs, mehr als ein halbes Jahr lang. Mittendrin kam die Corona-Pandemie und die Schüler durften für 47 Tage das Schiff nicht verlassen. Jetzt sind sie wieder in Kiel angekommen.

Über die Kieler Förde brüllen die Schüler den Namen "Thor Heyerdahl" - den Namen ihres Schiffs. Die Rufe sind bereits zu hören, bevor das Schiff in die Schwentine einbiegt. Hier am Kieler Seefischmarkt ist der Heimathafen des Schul-Schiffs. Zahlreiche Eltern und Geschwister aus ganz Deutschland wollen ihre Kinder nun endlich in Empfang nehmen. Darunter auch Sabine Stark aus Kronshagen bei Kiel. Sie ist die Mutter des 15 Jahre alten Julian: "Ich sehe schon aus der Ferne, dass er so glücklich guckt und ich freue mich riesig!" Die Freude und die Anspannung waren in den vergangenen Wochen größer als sonst, denn dieses Mal war einfach alles anders im "Klassenzimmer unter Segeln".

Letzter Landgang auf den Bermudas

Spanien, Marokko, Kanaren, Panama und Kuba - die erste Etappe der Reise verlief abenteuerlich, aber wie geplant: Tagsüber hatten die Schüler Unterricht, kümmerten sich um Aufgaben an Bord und hatten - natürlich - in jedem Hafen Landgänge. Doch dann kam die Corona-Pandemie. "Auf den Bermudas haben wir das letzte Mal regulär eingekauft und das Schiff betankt, danach verwehrten uns sämtliche Häfen Landgänge", erklärt Kapitän Detlev Soitzek. "Wir mussten teilweise an wirklich ungünstigen Ankerplätzen anlegen, zwischenzeitlich drohte uns der Diesel auszugehen. Es war ein ziemliches Hin- und Hergeschiebe", sagt der Kapitän mit dem grauen Bart.

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[Platzhalter]  Foto: Sebastian Parzanny

Die "Thor Heyerdahl" erreicht Kiel

Knapp ein halbes Jahr war die "Thor Heyerdahl" unterwegs. Am Anfang schien alles gut zu klappen, dann kam die Corona-Pandemie. Jetzt kam das Schiff wieder in Kiel an. Bildergalerie

Lebensmittel von der Kaikante

Besonders das Beschaffen von Proviant wurde zum komplizierten Unterfangen: Über das Kieler Büro der "Thor Heyerdahl" wurden Einkaufslisten an Kontaktleute in den Häfen weitergeleitet. Sie kümmerten sich darum, alles zu beschaffen. Dann wurden Paletten an der Kaikante abgestellt. An Bord mussten die Schüler die Verpackungen der Produkte desinfizieren.

Einziger Lichtblick und ein wenig Normalität: In Den Helder in den Niederlanden durften die Jugendlichen sich in einem wenige Quadratmeter großen Feld direkt vor dem Schiff tagsüber bewegen.

Ein tränenreiches Wiedersehen

Während der Kapitän nach der Ankunft in Kiel - natürlich von Bord aus - kurz über die Reise berichtet, sitzen Eltern und Geschwister der Schüler in mehreren Stuhlreihen hintereinander an der Kaikante - mehrere Meter auseinander, alle tragen Schutzmasken. Denn die Kieler Behörden haben den Empfang der Schüler nur unter strengen Auflagen genehmigt.

Unter den Segeln der "Thor Heyerdahl" herrscht hingegen noch einige Minuten lang eine ganz andere Stimmung. Eine, die auf einmal wirkt, wie aus einer anderen Welt oder einer anderen Zeit: Zur Verabschiedung gibt es ein "Massenkuscheln" der Schüler, die sich in den Armen liegen - noch komplett ohne Sicherheitsabstand oder Schutzmasken. Schließlich waren sie eh wochenlang auf dem Schiff "gefangen".

Der große Moment

Schließlich ist es soweit: Begleitet von ihren Lieblingsliedern dürfen die ersten Schüler einzeln die "Thor Heyerdahl" verlassen, liegen ihren Eltern sofort in den Armen und es rollen Tränen. "Ich freue mich riesig und ich bin gespannt auf die ganzen Geschichten", sagt Sabine Stark. Ihr Sohn Julian ergänzt: "Ich hab das noch gar nicht realisiert. Es wird sicher ungewohnt jetzt, wir hatten ja vorher mit Corona nichts zu tun."

Lernen, wieder an Land zu leben

Detlev Soitzek ist schon seit vielen Jahren Kapitän. Ein Mann, der schon vieles gesehen und erlebt hat und der den Eindruck vermittelt, ihn könne so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Nach dem kurzen Empfang für die Schüler, während die Familien schon auf dem Weg zu ihren Autos sind, wirkt dann aber auch er sehr nachdenklich: "Ich dachte, ich wäre gut vorbereitet auf die Situation, aber das mit den ganzen Schutzmasken hat mich nun wirklich schockiert, muss ich sagen. Ich glaube, wir müssen nun erst mal wieder lernen, hier an Land zu leben."

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Die Schüler arbeiten an einem Segel © Klassenzimmer unter Segeln Foto: Klassenzimmer unter Segeln

Corona: Schüler sitzen auf "Thor Heyerdahl" fest

Seit fast einem halben Jahr sind knapp 40 Schüler als "Klassenzimmer unter Segeln" unterwegs - auf der "Thor Heyerdahl", mit Heimathafen Kiel. Wegen der Corona-Pandemie dürfen sie nirgends mehr von Bord gehen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.04.2020 | 17:00 Uhr

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