Stand: 10.09.2019 05:00 Uhr

"Team Endstation": Alltag im Pflegeheim

von Christian Schepsmeier

Das kleine Pflegeheim "Seniorenhof Flintberg" in Gammelby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) steht vor großen Herausforderungen: Einer der 27 Bewohner gerät in eine seelische und körperliche Krise, es mangelt an Personal, der finanzielle Druck wächst. Wie das Team Lösungen sucht und findet, zeigt die Dokumentation "Team Endstation".

Ein schriller Ton gellt durch den Flur, hallt durch das ganze Haus, piekst ins Ohr, nicht zu überhören: Einer der 27 Bewohner braucht Hilfe. Als Pfleger Martin Röder das Zimmer betritt, sitzt Herr Ferres schon aufrecht auf dem Bett, die Knie hochgezogen, das Gesicht verzerrt, er wimmert vor Schmerzen. Martin beugt sich zu dem alten Mann hinunter, legt ihm eine Hand auf die Schulter: "Rücken?" - "Ja", sagt der 93-Jährige. Martin schenkt dem Bewohner ein Glas Wasser ein, gibt ihm eine Schmerztablette. "Was ist das denn für eine Granate?" - "Ibuprofen."

Das Team im Pflegeheim „Flintberg“ kümmert sich um 27 alte Menschen. © NDR/Christian Schepsmeier

Team Endstation

Doku & Reportage -

Der Alltag im Altenpflegeheim: eine nicht endende Reihe von Entscheidungssituationen. Das "Team Endstation" muss trotz akutem Personalengpass schnell und kompetent handeln.

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Pfleger Röder ist alleine in der Nacht

Herr Ferres schluckt die Tablette, und Martin horcht auf: Aus der offenen Zimmertür dringt schon der nächste Alarmton ins Zimmer, immer gleich laut, immer gleich schrill, immer gleich wichtig. Martin weiß ja nicht, wer es diesmal ist und wie wichtig es ist. Er ist im Nachtdienst allein, darf keinen der 27 Bewohner unbeaufsichtigt lassen: "Wenn es nicht besser wird, noch mal melden, okay? Ich komm' in fünf Minuten noch mal rein", sagt er zu Herrn Ferres und eilt ins nächste Zimmer.

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93-Jähriger: "Ich möchte lieber tot sein"

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Im "Seniorenhof Flintberg" sucht man Lösungen für große Herausforderungen.

Der alte Mann bleibt leise stöhnend auf dem Bett sitzen. "Ich habe keine Lust mehr", sagt er, "ich möchte lieber tot sein." Er ist seit ein paar Wochen neu im Seniorenhof Flintberg, fühlt sich häufig allein, und die Schmerzen in Nacken und Rücken lassen ihm keine Ruhe. In dieser Nacht kommt Martin noch öfter in das Zimmer von Herrn Ferres. Er redet mit ihm über das Alleinsein als Witwer, bettet ihn neu, am Ende findet der alte Mann eine Position, in der er ohne Schmerzen schlafen kann. "Besser?", fragt Martin, "ja, besser", sagt Herr Ferres.

Das Team will Ferres im Auge behalten

Ein paar Tage später. Martin sitzt mit dem Pflegedienstleiter Michael Scheunemann und der Pflegerin Frauke Nordenfels im Besprechungsraum des Pflegeheims. Thema in dieser halben Stunde: Herr Ferres. "Er ist ja unser Problemkind", sagt der Pflegedienstleiter, und Frauke Nordenfels antwortet: "Ja. Essen verweigern, trinken verweigern, ständig am Sauerstoff, weil er das Gefühl hatte, dass er keine Luft mehr kriegte."

Martin hatte das Gespräch angeregt, um die körperliche und seelische Krise des alten Mannes zur Teamsache zu machen. Die drei sind sich einig, dass sie Herrn Ferres in den kommenden Wochen genau im Auge behalten müssen. "Wenn er jetzt noch irgendeine Erkrankung kriegt, dann haben wir ein Problem", sagt Scheunemann.

Kontakt zu anderem Bewohner macht Hoffnung

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"Da stimmt die Chemie", sagen die Pfleger über den neuen Kontakt zwischen Herrn Ferres (r.) und Herrn Brandenburg.

Immerhin gibt es auch eine vielversprechende Entwicklung, berichtet Frauke Nordenfels: In den Tagen vor dem Gespräch habe sie Herrn Ferres immer häufiger im freundlichen Plausch mit einem anderen Bewohner beobachtet. "Er genießt das richtig, da stimmt die Chemie, die beiden tun einander gut", sagt sie, "letztens kam sein neuer Bekannter zu Herrn Ferres und hat ihn einfach mitgenommen - nach draußen an die frische Luft."

Die drei einigen sich auf einen Notfallplan: In den folgenden Wochen führt das Team genau Buch darüber, wie es Herrn Ferres geht, was ihm hilft und was nicht. "Wir wollen ihn da wieder herausholen", sagt Pflegedienstleiter Michael Scheunemann.

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Kein Personal: Chefin springt immer wieder selbst ein

Ein kalter Wintertag, draußen ist es stockfinster, kurz nach halb sieben morgens: Die Chefin des Pflegeheims ist mal wieder selbst als Pflegerin eingesprungen. Frühschicht für Anja Lohmann, sie huscht von Zimmer zu Zimmer, weckt die Bewohner, verteilt Medikamente am Frühstückstisch und trifft auch auf Herrn Ferres: "Können Sie mir eine neue Matratze geben? Ich kann auf meiner so schlecht schlafen", fragt Ferres. "Klar, das machen wir gleich heute", antwortet Lohmann.

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Sie arbeitet in dieser Zeit immer öfter selbst in der Pflege, weil sie die Dienste anders nicht besetzen kann. Und auch ihr Team muss in dieser Zeit besonders flexibel sein: Dienste tauschen, für einander einspringen, oft fehlt eine Betreuungskraft zur Entlastung der Pfleger.

Mehrere Mitarbeiter hatten den Betrieb verlassen, drei Stellen sind zu dieser Zeit unbesetzt. Eine schwierige Situation für das Pflegeheim - und besonders für die Chefin. Anja Lohmann hat das Heim vor ein paar Jahren von ihrer Mutter geerbt. Angesichts der täglichen Herausforderungen für ihr Heim sagt sie: "Das ist ja eigentlich mein Kind, und wenn das in Gefahr gerät: Natürlich, das belastet."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.09.2019 | 19:30 Uhr

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