Stand: 21.06.2018 20:01 Uhr

Taube: "Viele Schlupflöcher im neuen Düngegesetz"

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Der Kieler Agrarwissenschaftler Friedhelm Taube ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik des Bundesministeriums.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat Deutschland wegen zu hoher Nitratbelastung im Grundwasser verurteilt. Die Substanz wird vor allem in der Landwirtschaft zur Düngung von Äckern eingesetzt. Im Jahr 2017 wurde eine neue Dünge-Verordnung beschlossen, die für weniger Nitrat im Grundwasser sorgen soll. Laut einer Studie der Kieler Christian-Albrechts-Universität verringern die strengeren Regeln für das Düngen in Deutschland die Belastung von Böden und Wasser kaum. Friedhelm Taube von der Kieler Christian-Albrechts-Universität sagte im Interview mit NDR Schleswig-Holstein, dass wissenschaftliche Empfehlungen weitgehend missachtet worden seien. Der Agrarwissenschaftler stellt der Neuregelung ein schlechtes Zeugnis aus.

Nach Einschätzung der Brüsseler Behörde hat es die Bundesrepublik seit Jahren versäumt, strengere Maßnahmen gegen die Gewässerverunreinigung durch Nitrat zu ergreifen. Wie groß ist denn das Problem?

Friedhelm Taube: Wir haben europäische Standards. Die europäische Nitratrichtlinie gibt diese Standards vor. (...) Wir haben andere Länder wie Dänemark, die eine hohe Tierdichte haben. Dort hat man ursprünglich sogar höhere Nährstoffüberschüsse gehabt wie in Deutschland oder den Niederlanden. Man hat aber Maßnahmen ergriffen und umgesetzt, die dazu beigetragen haben, dass die Gewässerqualität deutlich besser geworden ist. Es geht aber nicht nur um das Nitrat im Grundwasser, dass ist nur ein Indikator für ein Gesamtproblem - und zwar die gesamten Stickstoffüberschüsse.

Was heißt das genau?

Taube: Stellen Sie sich vor, die Böden sind voll. Es ist keine erhöhte Aufnahme-Kapazität für Stickstoff da, und sie produzieren dann im Durchschnitt Deutschlands 100 Kilogramm Überschuss pro Hektar und Jahr. Dann bedeutet das umgerechnet 250.000 Lkw-Ladungen Stickstoff-Dünger jedes Jahr, die im Wasser und in der Atmosphäre landen.

Wie problematisch ist das?

Wenn wir diese Situation lange fortführen, dann wird es negative Konsequenzen in der Zukunft haben - nicht heute, aber in der Zukunft. Es wird negative Konsequenzen für das Grundwasser haben, unsere nachfolgenden Generationen werden wesentlich mehr zahlen müssen. Diese Stickstoffüberschüsse landen auch in der Luft und machen da entsprechende Schäden. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Kosten, die durch Stickstoffüberschüsse in der Landwirtschaft verursacht werden, dass die in Deutschland umgerechnet rund fünf Milliarden Euro betragen. Diese Kosten zahlen wir alle. Die Landwirte kriegen aber bereits fünf Milliarden Euro in der sogenannten ersten Säule in der Agrapolitik, damit sie belohnt werden für die erhöhten Umweltstandards in der EU im Vergleich zum Rest der Welt. Diese erreichen sie aber nicht. Deshalb zahlt der Verbraucher doppelt.

Die letzte Düngeverordnung stammt aus dem Jahr 2006. Nach langem Hin und Her setzte die Bundesregierung strengere Regeln fürs Düngen in Kraft, die seit rund einem Jahr gelten. Warum hat das so lange gedauert?

Taube: Es sollte eigentlich im Jahr 2012 eine neue Düngeverordnung verabschiedet werden. Das hat sich extrem lange hingezogen - aber nicht aufgrund der Probleme der wissenschaftlichen Erkenntnisse, da war alles klar. Aber der politische Prozess war schwierig, weil natürlich Bauernverbände versucht haben, den Status quo zu erhalten. Dementsprechend lange hat es gedauert.

Was war Ihrer Meinung nach das Problem?

Taube: Wenn ein Bundeslandwirtschaftsministerium eine Arbeitsgruppe einsetzt, die ein Jahr lang mit 30 Leuten Vorschläge erarbeitet - und da sind auch schon Menschen dabei, die nah am Agrarsektor stehen und die durchaus Vorschläge machen, die für den Agrarsektor vergleichsweise Milde sind -, und dann reicht es immer noch nicht. Die Politik entscheidet dann aufgrund von Einflussnahmen bestimmter Personengruppen etwas ganz anderes, dass es noch mal komplett aufweicht, dann wird es problematisch. Dann muss man sagen, dann ist es hier ein klassisches Politikversagen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse in Gesetzestexten nicht mehr erkennbar sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Taube: Es gibt eine Regelung, die sich damit beschäftigt hat, wie man mit Nährstoffüberschüssen - gerade beim Stickstoff - in Intensivregionen umgehen soll - also dort, wo umgerechnet mehr als 2,5 Kühe pro Hektar stehen. Die Experten hatten vorgeschlagen, dass dort ein maximaler Überschuss an Stickstoff pro Hektar und Jahr von 120 bis maximal 130 Kilogramm schon ein großes Entgegenkommen an den Sektor akzeptabel ist. Und was steht jetzt drin mit allen Schlupflöchern und Ausnahmegenehmigungen? Bis über 200 Kilogramm, also fast eine Verdopplung. Das hat nichts mit seriöser Politik fürs Allgemeinwohl zu tun, sondern das ist eine Politik, die einige wenige befördert und die große Breite guter Landwirtschaft betraft. Es werden die Schlechten legalisiert und die Guten betraft.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.06.2018 | 19:30 Uhr

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