Stand: 20.01.2020 23:43 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

System Krankenhaus: Eine für alle in der Nacht

Von Sofia Tchernomordik, Daniel Kummetz und Julia Schumacher

Die lauten Rufe eines Patienten hallen durch die Flure der kardiologischen Station: "Erika! Bitte einmal antreten! Erika! Erika!" Es ist 21.13 Uhr. Die Pflegerin Maria Ahmed hat Nachtdienst und geht mit schnellen Schritten zu ihm. Er liegt auf dem Flur. "Hallo. Ich bin Maria", sagt sie. Der Mann ruft nicht nach ihr, und das weiß sie. Er sucht Erika, ein Fragment aus seiner Erinnerung. Der Patient ist dement und bereits mehrfach gestürzt. Jetzt schaut er sie an und fragt: "Entfernen Sie dieses Gestrüpp da?" Wie er plötzlich auf diese Frage kommt, bleibt unklar - Gestrüpp ist weit und breit jedenfalls nicht zu sehen. Sein Bett steht auf dem Flur, damit Maria Ahmed den Mann mehr im Blick hat.

Pflegenotstand in Krankenhäusern

Schleswig-Holstein Magazin -

Etwa 1.000 Pfleger fehlen laut Krankenhausgesellschaft in Schleswig-Holstein. Auch im Städtischen Krankenhaus in Kiel ist die Lage angespannt.

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Ahmed ist nachts für 32 Patienten auf der Herzstation im Städtischen Krankenhaus Kiel zuständig. Sie muss die Patienten mit Medikamenten versorgen wie Insulinspritzen, Antibiotika-Infusionen oder Schmerzmitteln nach Operationen. Erst seit einem Jahr ist die 24-Jährige mit ihrer Ausbildung fertig. "Nachts entscheidet man alles alleine, das finde ich besonders schwer", sagt sie.

Patienten können nicht schlafen

Eigentlich bräuchte der demente Patient auf dem Flur ein eigenes Zimmer und mehr Beständigkeit, als ein Nachtdienst leisten kann. Immer wieder versucht er, aufzustehen. "Bringen Sie mich bitte zurück in meine eigene Bude?", fragt er. Ahmed dunkelt die Lichter um ihn herum ab: "Besser?", fragt sie. "Na ja", sagt er nur - und bleibt wach.

Ahmed dreht ihre erste von drei Runden in der Nacht. "Hallo. Wir kennen uns ja schon vom Wochenende", begrüßte sie eine Patientin. "Wie geht es Ihnen? Alles gut so weit?" Die Patientin kann nicht schlafen, wünscht sich ein Schlafmittel, in ihrer Akte ist aber kein entsprechendes Medikament verzeichnet. Maria Ahmed muss nachfragen, welche Ärztin für sie zuständig ist. Doch die ist im Haus unterwegs. Maria Ahmed muss warten. Und die Patientin auch. Die Rufklingel ertönt, sie unterbricht ihre Runde: "Hallo, Sie haben geklingelt." Es klingelt wieder, dieses Mal auf der anderen Seite des Flures. Auch dieser Patient muss warten.

Interview

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Eine Patientin röchelt, ihr Bett ist voller Blut

Mittlerweile ist die Ärztin auf Maria Ahmeds Station angekommen und verschreibt die benötigten Schlaftabletten. Es ist bald Mitternacht. Plötzlich geht die Tür auf und Maria Ahmed hastet los. Das Bett einer Patientin ist voll mit Blut, sie röchelt schwach. "Du musst sofort kommen, wenn du nicht gerade am Stechen bist!", ruft sie zu der Ärztin. Es besteht der Verdacht auf Lungenembolie, das bedeutet Lebensgefahr. Sie läuft zum Notfallwagen, schiebt ihn hastig ins Patientenzimmer. Die Patientin ist orientierungslos, sie nimmt immer wieder ihre Sauerstoffmaske ab. Ahmed läuft kurz wieder raus, blickt in die Akte, blättert. Sie weiß jetzt, dass die Patientin eine Verfügung unterschrieben hat, dass sie nicht wiederbelebt werden möchte. Aber so weit kommt es nicht, die Frau überlebt. Eine harte Nacht: "Es hängt alles zusammen: der Personalmangel, der Zeitmangel. Dadurch ist die Belastung ziemlich hoch."

Nachtschicht im Städtischen Krankenhaus Kiel

Betriebsrat: 140 Pfleger müssten eingestellt werden

Der Betriebsrat des Städtischen Krankenhauses Kiel beklagt, dass jede fünfte Schicht wegen Ausfällen unbesetzt bleibt oder von Kollegen übernommen werden muss. In den Nachtschichten ist es besonders schwierig, weil die Besetzung dünn ist. Die Pflegedirektorin Sabine Schmidt beklagt: "Uns bleibt häufig nicht die Zeit, Patienten gerecht zu werden, zu sprechen, in Ruhe zuzuhören. Die Pflege ist immer mit einem Fuß schon wieder auf dem Sprung und gedanklich schon beim nächsten Patienten." In diesem Jahr müssten nach Angaben des Betriebsrates mindestens 140 Pfleger eingestellt werden, damit alle Schichten besetzt und alle Patienten gut versorgt werden können. Die Krankenhausleitung will in diesem Jahr 80 zusätzliche Pfleger einstellen und damit die Schichten auf den Stationen entlasten - auch die in der Nacht.

Seit diesem Jahr bekommen Krankenhäuser aufgrund einer gesetzlichen Regelung zwar von den Krankenkassen mehr Geld für die Pflege. "Allerdings", sagt Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein, "ist der Markt eigentlich leergefegt." Das sei ein politisches Problem: "Es wurde zu lange gespart, um Pflegekräfte entsprechend einstellen zu können." Deswegen fehlt jetzt der Nachwuchs: Insgesamt etwa 1.000 Pfleger fehlen laut Krankenhausgesellschaft in Schleswig-Holstein.

Nachtschicht schafft nur das Wichtigste

"Ich muss zusehen, dass ich das Wichtigste schaffe - und den Rest lasse ich dann liegen, was für den darauffolgenden Dienst nicht so schön ist", erzählt Maria Ahmed. "Aber im Nachtdienst ist es manchmal nicht anders machbar. Man muss gucken, wie man durchkommt." Um 6.38 Uhr läuft die Übergabe. Die Kollegen von der Frühschicht sind da. Maria Ahmeds Schicht ist für heute zu Ende. Doch schon um 20 Uhr ist sie wieder hier für ihre nächste Nachtschicht.

Fünfteilige Serie

NDR Schleswig-Holstein hat sich auf Spurensuche begeben: In einer fünfteiligen Serie geben wir Einblicke in das Städtische Krankenhaus Kiel. Wir stellen vor, wie das System Krankenhaus funktioniert - und warum es so fehleranfällig ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.01.2020 | 10:00 Uhr

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