Stand: 22.07.2020 05:00 Uhr

Supermarkt statt Party: Noel Tagoes Corona-Weg

von Rafael Czajkowski

Der Ton ändert sich - mal höher, dann wird er wieder tiefer. Hört er kurz auf, fängt er ein paar Meter weiter im Raum wieder an. Es ist ein kontinuierliches Summen - ab und zu kommen auch noch laute Bläser hinzu. So richtig still wird es dank der Haarschneidemaschinen und Föhne aber nie in dem Barber-Studio in der Kieler Innenstadt. Und plötzlich mischen sich noch dröhnende Bässe unter die Friseur-Geräusche. DJ Noel Tagoe hat zwei große Lautsprecher aufgestellt. Er selbst steht hinter den digitalen Plattentellern in einer Ecke des Raumes und mischt die nächsten Songs zusammen.

Dritter Auftrag in vier Monaten

"Back to the roots", sagt Noel Tagoe mit einem breiten Grinsen im Gesicht. So habe er mal angefangen vor etwa zehn Jahren, erzählt er. Partys in kleinen Clubs mit wenigen Leuten. Über die Jahre wurden daraus Hochzeiten, Events mit bis zu 1.000 Menschen, drei Auftritte pro Woche - bis zum Beginn der Corona-Pandemie. Der Job in dem Kieler Barber-Studio ist sein dritter Auftrag in den vergangenen vier Monaten.

"Es ist an der Zeit, nicht immer an sich zu denken"

Mitte März brachen alle Aufträge für Noel Tagoe weg. Weil er Zeit hatte, bot er bei Facebook seine Hilfe an: Er ging zusammen mit seinen Freunden für alte und kranke Menschen in Kiel einkaufen - ehrenamtlich und ohne Liefergebühren. "Es ist gerade echt an der Zeit nicht immer an sich zu denken, sondern einfach zu helfen, weil es jeden treffen kann", sagte Noel Tagoe damals im NDR Schleswig-Holstein Magazin. Drei Wochen lang fuhr er von Supermarkt zu Supermarkt. "Nachdem ich beim NDR gesehen wurde, haben die Menschen auch noch mehr Vertrauen aufgebaut und direkt angerufen."

Familienvater findet neuen Job

Probleme bereiteten ihm damals die handgeschriebenen Einkaufszettel, die nicht immer leicht zu entschlüsseln waren. Aber auch die Begriffe "Wurzeln", "Rüben" oder "Kohlrabi" stellten ihn anfangs vor Herausforderungen. "Ich habe danach eine Teilzeitstelle bei Aldi angenommen", sagt er heute. Dadurch habe er sein Wissen in Sachen Gemüse verbessern können. Gleichzeitig konnte der Vater von zwei Kindern so überhaupt wieder etwas Geld verdienen. "Ich bin mir auch nicht zu schade für so einen Job", sagt Tagoe heute. Manchmal müsse man im Leben einfach Umwege gehen.

Keine schlechte Laune

Sein Job im Kieler Friseursalon ist eher ein Freundschaftsdienst. Von seinem langjährigen Bekannten Alan Ouramari bekommt Noel Tagoe fürs Auflegen 100 Euro. "Er versucht immer viel und er versucht immer viel zurückzugeben", sagt der Friseur über seinen Freund. "So wie ich ihn kenne, ist er immer dankbar für alles, was er hat. Und er ist immer glücklich, immer gut drauf. Ich hab ihn noch nie mit schlechter Laune gesehen", sagt Ouramari.

Kleine Aufträge als Investement

Dass er mit 100 Euro für einen Auftrag nicht seine Fixkosten decken kann, weiß Noel Tagoe. Doch für ihn sei es nicht entscheidend, viele Zuhörer zu haben, sagt er. Es gehe darum, mögliche Auftraggeber zu treffen - auch bei so kleinen Jobs, wie im Kieler Barber-Studio. "Jede Visitenkarte von mir ist im Schnitt 500 Euro wert. Wenn von zehn Leuten nur zwei sagen: Ja, für diese Hochzeit, für diese Veranstaltung, den nehm' ich, dann habe ich schon gewonnen", sagt der 30-Jährige.

Vom Einkaufshelfer zum Verkäufer

An diesem Tag kann Noel Tagoe fünf Visitenkarten verteilen. Auch, wenn große Partys mit 1.000 Menschen oder mehr noch warten müssen, ist es für ihn ein Anfang. Seinen Job bei Aldi will der hauptberufliche DJ aber erstmal behalten. So lange bis er wieder mehr Aufträge hat. "Immerhin weiß ich jetzt was Kohlrabi und Rüben sind", sagt Noel Tagoe mit einem lauten Lachen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein 18:00 | 23.07.2020 | 18:00 Uhr

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