Stand: 08.12.2019 19:29 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Sülfeld: Ein Dorf hält zusammen

von Anne Passow

Als plötzlich überall in Sülfeld (Kreis Segeberg) Aufkleber des "Aryan Circle" klebten, zogen auch Gabi Schwarz, ihre Tochter und Enkel los, um diese zu entfernen. "Uns begegneten zwei Männer mit sehr aufrechtem Gang und starrem Blick. Einer ist auf uns zugekommen, hat meiner Tochter in die Augen geguckt und hat gesagt: Heute Abend gibt's Hausbesuche." Eine andere Frau und einen Mann aus Sülfeld griff der Neonazi damals körperlich an und verletzte sie. Seit diesem Vorfall Mitte Oktober lässt das Thema Neonazis die 3.000-Einwohner-Gemeinde nicht mehr los.

300 Menschen waren anwesend

Und so war die Turnhalle am Sonntag zum Bürgerdialog so voll, dass noch Bänke dazugestellt werden mussten. Etwa 300 Menschen waren gekommen. Gesprächspartner waren Gemeindevertreter, die Polizei, Vertreter des Landesdemokratiezentrums und der Regionalen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus. Es wurde klar, dass Angst ein Thema ist. So äußerte sich ein Bürger besorgt, um eine ausländische Familie, die im Dorf lebt. Gefragt wurde auch: Was können wir tun, um unsere Kinder zu schützen? Und was machen wir, wenn Rechte zu uns nach Hause kommen und uns bedrohen?

Bei Bedrohung alle informieren

Ein Vorschlag, der aus dem Publikum kam: Wenn jemand bedroht wird, informiert er sofort die Nachbarschaft - zum Beispiel über soziale Medien. Die kommen dann und zeigen Präsenz. Ein Vorschlag: Auch Kinder könnten in wechselnden Diensten gebracht und abgeholt werden. Auch um mögliche Anwerbeversuche von Neonazis an Schulen ging es. Die Kinder würden im Unterricht darauf vorbereitet, sagte eine anwesende Lehrerin.

Zerstochene Reifen

Klar wurde auch: Die Sülfelder haben schon viel erreicht, indem sie zusammenstehen - und Flagge gegen rechts zeigen. So organisierten sie einen "Anti-Nazi-Spaziergang" durch das Dorf. Viele beteiligten sich bei der Anti-Nazi-Demo in Bad Segeberg im November. Und Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) besuchte kürzlich das Dorf, um mit 800 Menschen beim Spiel der Handballfrauen des SV Sülfeld ein Zeichen gegen rechts zu setzen. Solidarität sei tatsächlich ein gutes Gegenmittel, um rechte Umtriebe gar nicht erst zu hochkochen zu lassen, sagte Torsten Nagel vom Regionalen Betreuungsteam gegen Rechtsextremismus. Aber dieser Zusammenhalt braucht auch Rückendeckung. Denn auf den "Anti-Nazi-Spaziergang" folgten zum Beispiel zerstochene Reifen. Die Polizei fuhr und fährt immer wieder Streife im Dorf.

Wachsam bleiben

Der 23-Jährige, der im Oktober zwei Sülfelder angegriffen hatte, sitzt weiter in U-Haft, informierte Holger Matzen von der Polizei. Eine Frau, die der Szene angehöre, sei weggezogen, weil sie sich offenbar von ihrem Freund getrennt habe. Mindestens ein aktiver Neonazi lebe noch im Dorf, verhalte sich aktuell aber ruhig, so Matzen. Torsten Nagel von den Regionalen Betreuungsteams gegen Rechtsextremismus warnte aber davor, sich zurückzulehnen. Es gebe weiterhin viele Neonazis in der Region, zum Beispiel den verurteilten Neonazi Bernd T. "Es gibt einen Boden für Rechtsextremismus, und es gibt einen Boden für Rassismus innerhalb der Gesellschaft. Auf diesem Boden können Rechtsextreme, wie die Gruppe des 'Aryan Circle' ihre Leute rekrutieren", so Nagel. Man müsse wachsam bleiben.

Guter Zusammenhalt

Gabriele Ahlers ist das. Die 51-Jährige lebt seit 15 Jahren in Sülfeld. Bei der Attacke des Neonazis im Oktober war sie nicht dabei, hat ihre Nachbarn danach aber unterstützt. "Es ist schrecklich, wenn man als normaler Bürger so unvermittelt angegriffen wird. Damit rechnet man erst mal einfach nicht." Angst hat sie aber nicht mehr. "Dafür haben wir einen viel zu guten Zusammenhalt", betont sie.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.12.2019 | 18:00 Uhr

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