Stand: 16.06.2020 05:00 Uhr

Studie: Kein Abbau von Plastik in der Tiefsee

4.000 Meter unter dem Meeresspiegel, weit von Norddeutschland entfernt - im Ostpazifik: Eine Unterwasserkapsel taucht zu Forschungszwecken in die Tiefe, untersucht den sandigen Boden. Die Kamera, die die Umgebung filmt, überträgt alles auf einen Bildschirm, den Meereswissenschaftler des Geomar genau beobachten. Plötzlich bleibt der Blick der Forscher an der Kante eines weißen Objekts hängen, das aus dem Sand hervorlugt - und ganz augenscheinlich nicht in die Meereswelt gehört. Der Greifarm des Tauch-Roboters zieht es hoch und hält es vor die Linse: Es ist eine intakte Plastikverpackung, ein Quarkbecher. Diese Szene spielte sich im Jahr 2015 ab -jetzt erscheint eine Studie im Fachmagazin "Nature", die die Frage nach Haltbarkeit von Plastik neu beleuchtet.

Produkt wird seit über 20 Jahren nicht mehr produziert

Doch zurück zum Fund: Als die Forscher den Quarkbecher entdecken, entscheiden sie, dass sie ihn bergen müssen. Zu ungewöhnlich ist dieser Fremdkörper - und zu gut erhalten an diesem einsamen Ort. "Da war bloß der Deckel aufgerissen, der klebte noch dran - ansonsten war die Packung leer", erzählt Matthias Haeckel vom Geomar heute. "Völlig unbeschädigt. Das sah so aus, wie gerade aus dem Regal genommen und dann unten hingelegt." Damals leitet Haeckel das Projekt in der Tiefsee. In detektivischer Arbeit recherchiert der Forscher, von wo die Plastikverpackung stammen könnte und wie alt sie ist. Anhand einer norddeutschen Postleitzahl auf dem Deckel findet er heraus: Das Produkt wurde bis in die späten 90er-Jahre produziert - danach gab es die Marke nicht mehr.

Forscher: Kein mikrobieller Abbau von Plastik in der Tiefsee

Die Packung muss also mindestens 20 Jahre am Boden der Tiefsee gelegen haben, schlussfolgern die Forscher. "Dass man solchen Müll in der Tiefsee so gut datieren kann - also dass man weiß, wie lange er da liegt - das ist sehr selten", sagt Haeckel. Mit Wissenschaftlerkollegen zerlegt er den Plastikbecher anschließend in seine Einzelteile. "Unsere Analysen haben gezeigt, dass es überhaupt keinen Anlass dazu gibt, dass dort mikrobieller Abbau von Plastik in der Tiefsee stattfindet", weiß Biochemiker Stefan Krause, der auch am Geomar forscht.

Erstaunt seien die Forscher darüber nicht gewesen - es habe aber die Befürchtungen bestätigt. "Unsere Studie zeigt jetzt, dass Plastik zwar als Lebensraum für Bakterien dient, wir haben aber keinen Abbau festgestellt", sagt Krause. Man könnte davon ausgehen, dass Plastikgegenstände in der Tiefsee lange - über geologische Zeiträume hinweg - präsent bleiben. Die Forscher sind sich sicher: Das Plastik in der Tiefsee wird über Jahrmillionen hinweg Lebensräume verändern.

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