AKW Brokdorf ist in der Silvesternacht vom Netz gegangen

Stand: 01.01.2022 17:37 Uhr

In Schleswig-Holstein wird kein Atomstrom mehr produziert. Das AKW Brokdorf ist infolge des Atomausstiegsbeschlusses in der Nacht zu Sonnabend vom Netz gegangen. Das Kraftwerk war 35 Jahre lang in Betrieb.

Gemäß Atomausstieg endete die Laufzeit von Schleswig-Holsteins letztem Atomkraftwerk Brokdorf in der Nacht zu Sonnabend. Der Meiler speiste demzufolge am Freitag letztmals Strom ins Netz ein. Damit endet die Zeit der Atomkraft in Schleswig-Holstein.

"Anlage gegen Mitternacht vom Netz nehmen"

Kraftwerksleiter Uwe Jorden sagte: "Unser Plan ist, dass wir gegen Mitternacht die Anlage vom Netz nehmen." Und genau das ist passiert. Der Betreiber zog am Sonnabend ein positives Fazit der AKW-Zeit in Brokdorf: "Seit seiner ersten Netzsynchronisation am 14. Oktober 1986 hat das Kraftwerk Brokdorf bis zum heutigen Tag mehr als 380 Milliarden Kilowattstunden Strom (brutto) erzeugt", hieß es in einer Mitteilung des Betreibers PreussenElektra.

2011 hatte die damalige Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Für jedes Kernkraftwerk gab es einen konkreten Termin - und für Brokdorf wurde der 31. Dezember 2021 festgelegt.

"Hohe Frustration bei Mitarbeitern"

Für die 320 Mitarbeiter im AKW Brokdorf war es kein leichter Tag. "Mit der damaligen Entscheidung war natürlich eine hohe Frustration bei den Mitarbeitern da, weil sie es nicht verstanden haben. Mittlerweile haben wir uns damit arrangiert", so der Kraftwerksleiter. Für den Rückbau benötigt der Betreiber Preussen Elektra nur noch jeden fünften Mitarbeiter. Es soll aber grundsätzlich keine Entlassungen geben. Geplant sind Altersteilzeit und Vorruhestandsregelungen.

Rückbauantrag muss noch geprüft werden

Der bereits 2017 gestellte Rückbauantrag muss noch von der Atomaufsicht in Kiel geprüft werden. Der dafür zuständige Minister Jan-Philipp Albrecht (Grüne) sagt dazu: "Wenn noch Brennstäbe in der Anlage sind, sind eine erhöhte Sicherheit und viele Gutachten notwendig. Ich denke aber, dass wir 2023 in den Rückbau einsteigen können."

Viel Gewerbesteuer

Viele der 1.000-Einwohner-Gemeinde Brokdorf bedauern das Aus für das Kernkraftwerk, denn die Anlage hat jahrelang Gewerbesteuern in die Kassen gebracht. Brokdorf konnte so eine Sporthalle, ein Freibad und eine Eissporthalle bauen. Nun muss die Gemeinde den Gürtel enger schnallen. "Wir als Gemeinde werden versuchen, diese Veränderungen so gut es geht in den Griff zu bekommen", sagte Bürgermeisterin Elke Göttsche (CDU).

Für die Atomkraftgegner in der Region bedeutet das Aus des Atomkraftwerks ein Erfolg ihrer jahrelangen Bemühungen. Ein Sprecher der Anti-AKW-Organsisation Ausgestrahlt bezeichnete den 31. Dezember 2021 als einen Festtag.

Große Demos in den 1980er Jahren

Brokdorf stand jahrzehntelang im Blickpunkt der bundesweiten Öffentlichkeit. Vor allem die Demonstration 1981 mit geschätzten 100.000 Teilnehmern sorgte für Schlagzeilen. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und offener Feindschaft zwischen Befürwortern und Kritikern der Kernkraft.

Nach Rückbau keine grüne Wiese

2039 sollen die Arbeiten zum Rückbau des Meilers abgeschlossen sein, so Umweltminister Albrecht. Eine grüne Wiese wird dann aber noch nicht zu sehen sein, meint der grüne Minister. Denn die abgebrannten Brennelemente werden im Standort-Zwischenlager eingelagert - und das soll solange in Brokdorf bleiben, bis ein bundesweites Atommüll-Endlager gebaut ist.

Krümmel und Brunsbüttel schon länger vom Netz

Die Reaktoren Krümmel und Brunsbüttel wurden nach schweren Pannen bereits vor Jahren abgeschaltet. Der Druckwasserreaktor Brokdorf mit einer Netto-Leistung von 1.410 Megawatt ist seit 1986 in Betrieb. Er hat gut 360 Milliarden Kilowattstunden produziert. In der Nacht von Freitag auf Sonnabend werden außerdem die Meiler im niedersächsischen Grohnde und im bayerischen Grundremmingen abgeschaltet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 31.12.2021 | 17:00 Uhr

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