Streetworker sensibilisiert Jugendliche für Alkoholsucht

Stand: 09.02.2021 06:00 Uhr

Als Teenager rutscht Ingo Malchow in die Alkoholsucht. Inzwischen ist er seit 28 Jahren trocken - und spricht mit Jugendlichen in Elmshorn offen über seine Erfahrungen.

von Lisa Synowski

Streetworker Ingo Malchow schaut in die Kamera. © NDR Foto: Lisa Synowski
Wenn Ingo Malchow Jugendliche trifft, erzählt er seine Geschichte. Das sei die beste Prävention, findet der 52-jährige Streetworker.

Jeden Freitag am späten Nachmittag streift sich Ingo Malchow seine Arbeitsweste über. Sie ist grau und von vorne unauffällig. Doch auf der Rückseite prangt in reflektierenden Buchstaben das Wort "Streetworker". Der 52-Jährige ist so auch in der Dunkelheit gut zu erkennen, wenn er seine wöchentliche Runde durch Elmshorn beginnt. Der gelernte Sozialtherapeut arbeitet für die Stadt. Als Streetworker will er mit Jugendlichen ins Gespräch kommen, ihnen eine Anlaufstelle für ihre Ängste und Sorgen bieten. "Das geht am besten auf der Straße. Hier fühlen sich viele Jugendliche zu Hause, das ist ihr Wohnzimmer", erklärt Ingo Malchow und läuft los. Durch eine Unterführung weg vom Bahnhof, hin zum angrenzenden Parkhaus.

Jugendliche bleiben zu Hause

Normalerweise treffen sich hier am Wochenende viele Jugendliche und junge Erwachsene. Seit dem Lockdown vergehen ganze Tage, an denen Ingo Malchow niemanden antrifft. Auch jetzt, um 17 Uhr, ist es leer. Ingo Malchow bleibt vor einer Sitzgruppe stehen, die die Stadt extra für junge Menschen angelegt hat. Ihm fehlen die Jugendlichen, sagt er. Denn: "Mein Job ist für mich kein Beruf, sondern eine Berufung. Ich habe mich da vor vielen Jahren bewusst für entschieden, um junge Menschen zu unterstützen und sie vor allem auch für die Gefahren von Drogen und Alkohol zu sensibilisieren." Er macht sich Sorgen, dass sich Alkohol- und Drogenkonsum im Lockdown nach drinnen verlagern, totgeschwiegen werden. "Nur weil man das Problem nicht mehr sieht, heißt es ja nicht, dass es weg ist", sagt er.

Dass ihm gerade das Thema Alkohol besonders am Herzen liegt, hat einen Grund: Ingo Malchow ist trockener Alkoholiker, hat einen harten Weg raus aus der Sucht hinter sich.

Seit 28 Jahren trocken

Schon im Alter von 14, 15 Jahren trinkt er, um cool zu sein, erinnert sich Ingo Malchow. Mit Mitte zwanzig ist er bei drei Wodka-Flaschen am Tag angekommen. Damals braucht er den Alkohol, um überhaupt funktionieren zu können. Viele Freunde und Verwandte wenden sich von ihm ab, in seinem Job als Ausbilder bei der Bundeswehr wird er immer unzuverlässiger. Doch Ingo Malchow trinkt weiter - bis seine Frau ihn verlässt und seinen dreijährigen Sohn mitnimmt. Ein Weckruf. Der gebürtige Pinneberger macht eine Therapie, bildet sich zum Sozialtherapeuten weiter und entscheidet, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Inzwischen ist er seit 28 Jahren trocken. Im Eigenverlag hat er ein Buch über seinen Weg aus der Sucht herausgebracht, gibt Präventionsunterricht an Schulen und spricht auch als Streetworker offen über seine Vergangenheit.

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Eine Stunde später ist Ingo Malchow in der Innenstadt von Elmshorn angekommen. Viel ist auch hier nicht los, doch trotzdem trifft der Streetworker jetzt auf einige Jugendlichen, die ihm zuwinken oder kurz anhalten, um zu plaudern. Über zwei junge Erwachsene freut er sich besonders. Die beiden hat er lange nicht gesehen, sie betreiben inzwischen einen Friseursalon und einen Eisladen. "Ich kenne die beiden seit zehn Jahren, und damals hatten sie jede Menge Blödsinn im Kopf. Und jetzt zu sehen, was aus ihnen geworden ist, das ist einfach toll, und macht mich auch ein bisschen stolz."

"Man fühlt sich von ihm ernst genommen"

Nach einer weiteren Runde durch die Stadt steht noch einmal das Parkhaus auf seinem Programm. Denn am späteren Abend trifft sich hier oft die Tuner-Szene der Stadt, trotz kalter Temperaturen und Lockdown. Und tatsächlich: Dieses Mal wartet schon eine kleine Gruppe junger Erwachsener auf Ingo Malchow. Sie kennen ihn, und haben Respekt vor seiner Geschichte. "Man hört nicht oft, dass jemand so offen über das Thema Alkoholsucht spricht. Das lässt einen auf jeden Fall ganz anders über das Thema Alkohol nachdenken. Und mit Ingo kann man auch anders reden als zum Beispiel mit den Eltern. Man fühlt sich von ihm ernst genommen", sagt einer von ihnen. Ingo Malchow freut das. Er will auch deswegen weiterhin jeden Freitag durch Elmshorn laufen und seine Geschichte erzählen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin Schleswig-Holstein – mit Mandy Schmidt und Horst Hoof | 09.02.2021 | 07:12 Uhr

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