Stand: 23.01.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Städtisches Krankenhaus Kiel: Erst Verluste, dann Fusion?

von Daniel Kummetz, Julia Schumacher und Sofia Tchernomordik

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Hat 2018 ein großes Defizit gemacht: das Städtische Krankenhaus Kiel.

Es sind klare Worte, mit denen das Städtische Krankenhaus Kiel die eigene Lage beschreibt: "Auf einem historischen Tiefstand" sei das wirtschaftliche Ergebnis, die Folge einer "dramatischen Ergebnisverschlechterung" und einer "sehr schwachen" Leistungsentwicklung. So steht es im Jahresabschlussbericht für 2018 des Tochterunternehmens der Stadt Kiel, der vor Kurzem im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde. In Zahlen: Das Haus mit mehr als 1.000 Mitarbeitern hat in dem Jahr 3,6 Millionen Euro Defizit gemacht, das "schlechteste Jahresergebnis in den vergangenen 20 Jahren" wie das Städtische Krankenhaus selbst in dem Bericht einräumt. Darin erklärt das Unternehmen auch, dass es eine Fusion mit einem anderen Krankenhaus für sinnvoll hält.

Krankenhäuser unter wirtschaftlichem Druck

Schleswig-Holstein Magazin -

Ein Krankenhaus kann zum Verlustgeschäft werden. Das ist dem Städtischen Krankenhaus Kiel im Jahr 2018 passiert. Wie können Kliniken dem wirtschaftlichen Druck standhalten?

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In Konkurrenz zu anderen Kliniken

"Das Ergebnis in dem Jahr hat uns gezeigt, wie anfällig ein Krankenhaus in der heutigen Zeit für Fallzahl-Schwankungen ist", sagt Roland Ventzke, Geschäftsführer des Städtischen Krankenhauses Kiel im Interview mit NDR Schleswig-Holstein. Die Klinik hat mit mehr Umsatz durch Patienten gerechnet - die Planung sah 2.600 Patienten mehr vor als tatsächlich kamen. Wer in Kiel ins Krankenhaus muss, hat die Wahl: Das Städtische konkurriert mit verschiedenen Fachkrankenhäusern, aber vor allem mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH).

"Wenn in einem Jahr deutlich weniger Patienten kommen, dann führt das unweigerlich zum Defizit", sagt Ventzke. Denn die laufenden Betriebskosten muss das Krankenhaus mit Patienten erwirtschaften. Und mehr noch: Etwa 30 Prozent der Ausgaben für Investitionen, die eigentlich die Bundesländer vollständig bezahlen sollen, muss das Haus selbst stemmen. Hinzu kam laut Jahresabschluss noch der Personalmangel - und deshalb hohe Ausgaben für Zeitarbeitsfirmen.

Krankenhaus reduziert Bettenzahl

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Leitet seit dem Jahr 2000 das Städtische Krankenhaus: Geschäftsführer Roland Ventzke.

Die Reaktion des Krankenhausmanagements auf das laut Ventzke "sehr, sehr schlechte Jahr" 2018: ein Tritt auf die Bremse. Ventzke plante im vergangenen Jahr "deutlich vorsichtiger" und baute sein Haus um, meldete Betten in der Krankenhausplanung ab und trimmte es auf eine bessere Auslastung. So arbeiten Chirurgen und Internisten nun auf einer Station zusammen, um Patienten zu versorgen, die an den inneren Organen behandelt wurden. Ventzke sagt, das verbessere so auch die Versorgungsqualität. Laut Ventzke waren die Sparmaßnahmen erfolgreich, er spricht von einem "ausgeglichenen Ergebnis" für das Jahr 2019.

Eigentlich hatte das Management eine andere Entwicklung der Kapazität vorgesehen: Seit Jahren wird auf dem Gelände des Krankenhauses gebaut - bestehende Gebäude werden modernisiert, neue entstehen. Dabei ging es der Krankenhaus-Leitung nicht nur darum, auf den aktuellen Stand zu kommen, sondern auch um eine Ausweitung der Kapazitäten.

Fusion mit dem FEK Neumünster vorgeschlagen

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Möglicher Fusionspartner: das Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster.

Die Krankenhausleitung um Ventzke hat noch einen weiteren großen Umbau im Kopf: den Zusammenschluss mit einer anderen Klinik. "Seitens der Geschäftsführungen des Friedrich-Ebert-Krankenhauses Neumünster und des Städtischen Krankenhauses Kiel wurde den Entscheidungsgremien beider Städte vorgeschlagen, die Häuser fusionieren zu lassen", schreibt das Städtische Krankenhaus dazu in seinem Jahresabschluss 2018. Und weiter: So gebe es die Gelegenheit, "wirtschaftliche Ressourcen zu heben" und die ständig wachsenden Qualitätsanforderungen besser abzudecken. "Es wird ganz definitiv in beiden Häusern in beiden Städten große Versorgungskrankenhäuser brauchen, und die werden auch bleiben", sagt Ventzke im Interview mit NDR Schleswig-Holstein.

Das Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster ist ähnlich groß wie das Städtische Krankenhaus in Kiel und hat einen ähnlichen Auftrag: Es ist auch ein Schwerpunktversorger - schreibt aber seit Jahren ausschließlich schwarze Zahlen. 2018 erwirtschaftete es beispielsweise einen Überschuss von 1,8 Millionen Euro.

Ökonom: Bei Fusion muss Personal rotieren

Ventzke spricht davon, "im Versorgungsbereich Synergien zu realisieren". Wie so etwas aussehen kann, weiß Gesundheitsökonom Karl-Heinz Wehkamp. Er war zuletzt Professor für Management im Gesundheitswesen an der Uni Bremen, forscht weiter dort und ist nun auch Berater. "Synergien im Versorgungsbereich zu realisieren, würde heißen, dass man nicht an beiden Orten das gesamte Spektrum der Versorgung vorhält." Fachgebiete bekämen einen Hauptstandort an einem der beiden Orte. "Es gibt Abteilungen mit einem Chefarzt für beide Städte, und das Personal muss dann rotieren: mal hierhin, mal dorthin fahren." Das könnte heißen: "Dienstag gibt es Operationen in der einen Stadt und am Montag und am Donnerstag in der anderen."

Die Idee: Gemeinsam Anforderungen erfüllen

Entscheiden müssen darüber die Kommunalpolitiker in Kiel und Neumünster. Die wappnen sich gerade, wie der Geschäftsführer des Friedrich-Ebert-Krankenhaus, Alfred von Dollen, auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein zu dem Fusionsvorschlag schreibt: "Die Städte Kiel und Neumünster schreiben zurzeit gemeinsam die Leistung für die Erstellung eines Gutachtens zur Überprüfung einer möglichen Fusion aus." Daraus sollten sich Chancen, Risiken und Folgen ergeben.

Roland Ventzke © NDR

Ventzke: Anforderungen an Qualität werden immer höher

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Das Städtische Krankenhaus Kiel (SKK) strebt eine Fusion mit dem Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster an. Der SKK-Geschäftsführer Roland Ventzke spricht über die Gründe.

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Sollte die Fusion nicht gelingen, so steht es im Kieler Jahresabschluss 2018, "muss das Städtische Krankenhaus damit rechnen, unter Umständen einige Schwerpunktversorgungsbereiche aufzugeben." Ein Haus darf bestimmte OPs nur anbieten, wenn sie häufig gemacht werden und genug Spezialisten angestellt sind. Erfüllt ein Krankenhaus diese Bedingungen nicht, darf es die Leistungen nicht abrechnen. Die städtischen Häuser in Neumünster und Kiel - so die Logik - hätten zusammen mehr Kompetenzen und erfüllten mehr Anforderungen.

System verlangt viel von den Mitarbeitern

Doch selbst mit einer Fusion ist das Grundproblem der Krankenhäuser nicht vom Tisch: "Das Problem ist eine nicht auskömmliche Finanzierung und der ständige wirtschaftliche Druck", sagt Ventzke. Und in der Tat ist das Städtische mit den wirtschaftlichen Problemen nicht allein. Auch andere Krankenhäuser haben zuletzt Verluste ausgewiesen: etwa die Sana-Kliniken Ostholstein (u.a. Eutin, Oldenburg), die imland-Kliniken (Rendsburg und Eckernförde) oder die Westküstenkliniken (Heide und Brunsbüttel) hatten rote Zahlen in den Jahresabschlüssen. Auf Dauer mit ausgeglichenen Ergebnissen zu arbeiten, sei sehr schwer, sagt Ventzke. "Das verlangt sehr, sehr viel von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Er wirbt für eine bessere finanzielle Ausstattung der Häuser: "Ich glaube, wir würden noch viel besser versorgen können, wenn wir mehr Geld hätten und mehr Mitarbeiter einstellen könnten."

Fünfteilige Serie

NDR Schleswig-Holstein hat sich auf Spurensuche begeben: In einer fünfteiligen Serie geben wir Einblicke in das Städtische Krankenhaus Kiel: Wie funktioniert das System Krankenhaus - und warum ist es so fehleranfällig?

Serie: System Krankenhaus

System Krankenhaus: Der Patient als Ware

22.01.2020 19:30 Uhr

Krankenhäuser müssen mit Patienten Geld verdienen, abgerechnet über Fallpauschalen. Was für Effizienz sorgen soll, birgt allerdings Risiken - wie ein Fall aus dem Städtischen Krankenhaus Kiel zeigt. mehr

System Krankenhaus: Eine für alle in der Nacht

20.01.2020 10:00 Uhr

In den Kliniken gibt es sehr wenig Pflegepersonal. Besonders spürbar ist das in der Nacht. Eine Reportage aus dem Städtischen Krankenhaus Kiel. mehr

Pflege im Krankenhaus: "Die Lage ist sehr schlimm"

21.01.2020 19:30 Uhr

Im Städtischen Krankenhaus Kiel kümmern sich 650 Pflegekräfte um die Patienten - viel zu wenige. Die Mitarbeiter befinden sich deshalb in einer Notlage, sagt Pflegedirektorin Sabine Schmidt. mehr

System Krankenhaus: Ärzte unter Druck

20.01.2020 08:00 Uhr

Kliniken müssen effizient sein und gleichzeitig Patienten bestmöglich versorgen. Dieser Konflikt wird zur Last für Mediziner, wie eine Schicht mit einer Ärztin im Städtischen Krankenhaus Kiel zeigt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.01.2020 | 08:00 Uhr

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