Stand: 14.12.2018 19:39 Uhr

Spieleabend XXL: Wo Brettspiele verboten sind

von Torsten Creutzburg

Die Tasten der Tastatur wechseln im Sekundentakt von Rot auf Grün, von Gelb auf Violett, Lichtschläuche hängen über dem Rechnergehäuse, auf dem Monitor klebt ein kleiner LED-beleuchteter Schneemann und irgendwo zwischen Energydrinks, Coladosen und Fertignudeln sitzt Kim Reichenberg und spielt. Der 27-jährige Flensburger spielt schon seit Donnerstagabend, seit er zusammen mit vier Freunden zur NorthCon angereist ist und sich hier häuslich eingerichtet hat.

NorthCon: LAN-Party in Neumünster

Viel daddeln und wenig schlafen

Seit neun Jahren kommt Kim nun schon zu Deutschlands größter LAN-Party, um zusammen mit den anderen knapp 1.300 Gamern vier Tage lang viel zu Daddeln und wenig zu Schlafen. Mindestens zwölf bis 14 Stunden am Tag kommen da für den Mitarbeiter eines Servicecenters locker zusammen, worüber sich Kim freut, denn die NorthCon ist "jedes Jahr im Dezember ein fester Termin. Man nimmt sich extra zwei Tage Urlaub, um dann von Donnerstag bis Sonntag nonstop zu Zocken."

Damit das problemlos klappt, haben die Veranstalter groß aufgefahren: In Halle 1 der Holstenhallen Neumünster liegen unter, neben und zwischen den zehn Tischreihen mehr als drei Kilometer Kabel und 1.000 Steckdosen. Dazu noch eine 10-GB-Internetleitung, die 100-fach schneller als der heimische Internetanschluss ist und schon kann die Party beginnen.

Mit einem gebrauchten Super-Nintendo fängt alles an

Mit dem fünften Geburtstag beginnt für Kim die Daddelleidenschaft, denn da bekommt er von seinen Eltern einen gebrauchten Super-Nintendo geschenkt. Früher spielt er noch "Super Mario World" und "Joshi's Island", heute sind es eher actionreiche und grafikaufwändige Videospiele wie "Half Life", "World of Warcraft", "FIFA19" oder "Call of Duty".

Die Auswahl ist riesig, da braucht man viel Zeit. So verbringt Kim anfangs nach Feierabend rund fünf Stunden am Tag mit Daddeln - jetzt sind es noch rund eineinhalb Stunden, "weil ich eine Freundin habe und die auch ihre Zeit haben möchte", meint er lächelnd.

"Computerspiele sind mein Ventil von der Arbeit" erklärt der 27-Jährige. "Es ist dieses Aufatmen. Andere Rauchen, andere Trinken, andere treiben exzessiv Sport nach Feierabend - ich spiele."

Stapel der Schande

Damit ist er nicht allein. Mehr als 34 Millionen Deutsche zocken regelmäßig Videospiele, so der Verband der deutschen Games-Branche. Tendenz steigend, auch in Schleswig-Holstein, wo rund 1,2 Millionen Menschen spielerisch am Rechner sitzen, so wie Kim Reichenberg.

Er gehört außerdem zu einem besonderen Kreis und zwar derer, die einen sogenannten "Pile of Shame" angehäuft haben: Einen Stapel der Schande, denn Kim spielt alles. Insgesamt hat er um die 250 Games, die meisten allerdings nur kurz angespielt und dann wieder weggelegt, denn ständig lockt eine neues Spiel.

Der Markt ist riesig. Allein in Deutschland werden jährlich mehr als 45 Millionen Computer- und Konsolenspiele verkauft. Hinzu kommt noch Hardware wie Rechner, Grafikkarten, Monitore und VR-Brillen, was der deutschen Games-Branche allein 2018 einen Umsatz von 3,35 Milliarden Euro beschert hat - doppelt so viel, wie die Musikindustrie durch CD-Verkäufe und Downloads umgesetzt.

E-Sport ist Sport

Täglich stundenlang Computerspielen, über Jahre hinweg, dazu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung - das hat bei Kim Reichenberg Spuren hinterlassen. Er hat Übergewicht, steht offen dazu und ist aber auch stolz: Vor drei Jahren hat er die Reißleine gezogen, sich im Fitnesscenter angemeldet und rund 40 Kilo abgenommen. "Das ging "einfach so", sagt Kim. "Aktuell fühle ich mich wohl. Ich weiß jetzt aber auch, wenn ich was ändern möchte, kriege ich das hin."

So energisch wie Kim das sagt, vertritt er auch die Meinung, dass E-Sport auch Sport ist, "sogar Hochleistungssport." Beim Zocken an Computer oder Konsole geht es um mehr, als nur um den Wettkampf. Es geht um Hand-Augen-Koordination, taktisches Denken, Schnelligkeit. "Deshalb bin ich der Meinung, dass man E-Sports als Sport sehen darf", meint Kim. "Sport hat nicht nur was mit Bewegung zu tun, denn Schach oder Darts sind ja auch Sportarten."

Entspricht nicht dem Sportverständnis des Landessportverbandes

Das sieht der Landessportverband Schleswig-Holstein, als Sprachrohr von rund 2.600 Vereinen, traditionell anders. Demnach entsprechen "eGaming-Angebote mit ihren Strukturen und Inhalten in ihrer Gesamtheit nicht dem Sportverständnis und dem Wertesystem" des Verbandes, heißt es da in einem offiziellen Statement.

Die Landesregierung geht da einen anderen Weg und will den Gaming-Trend nutzen, um Schleswig-Holstein als Vorreiter im Bereich E-Sport zu etablieren. So hat die Regierung erst vor kurzem eine Förderung beschlossen, die unter anderem den Aufbau einer E-Sport-Akademie an der Westküstebeinhaltet.

Weg mit dem Klischee-Gamer

E-Sport hin oder her, für Wenke Ziegler aus Neumünster zählt an den vier Tagen der NorthCon vor allem: Teamgeist, Gemeinschaft, Spaß und Hilfsbereitschaft. Vor allem, weil sie hier als Frau eine kleine Ausnahme ist.

"Egal welches Problem man hat, man wird gleich immer mit einer helfenden Hand empfangen. Es ist schon lustig, denn beim Spielen treten wir oft mit Spitznamen an und teilweise gucken die Kerle nicht schlecht, wenn sie von einer Frau auseinander genommen werden", meint die zierliche Bürokauffrau lachend. Dabei ist sie als Frau in der Gaming-Branche keine Seltenheit, denn von den deutschlandweit 34 Millionen Gamern sind immerhin 47 Prozent Frauen.

"Das ist wahre Kunst"

Dafür ist sie mit ihren 27 Jahren fast noch ein Küken, denn der Altersdurchschnitt bei Gamern in Deutschland liegt bei 37 Jahren. Aber es gäbe leider immer noch zu viele Vorurteile, meint Tischkollege Kim Reichenberg, während er seinen Controller kurz zur Seite legt: "Der heutige Gamer ist nicht mehr der Nerd von früher. Dieses Vorurteil vom Klischee-Gamer mit pickligem Gesicht und fettigen Haaren sollte aus dem Kopf der Menschen verschwinden. Was wir hier spielen, ist außerdem echte Kunst. Da sitzen Menschen dahinter, die sich die Stories ausdenken und 3D Figuren modellieren. Das ist wahre Kunst", kommentiert er, bevor er sich wieder das Headset aufsetzt, die Hand an den Controller legt und sein Fantasyspiel weiterspielt.

 

Weitere Informationen

1.300 Computerspieler zocken auf der Northcon

13.12.2018 19:30 Uhr

Am Donnerstagabend ist die NorthCon in Neumünster gestartet. Auf Norddeutschlands größter LAN-Party messen sich bis Sonntag 1.300 meist junge Spieler bei verschiedenen Computerspielen. mehr

Schleswig-Holstein wird eSport-Land

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Schleswig-Holstein hat die Erarbeitung einer eSport-Strategie im Koalitionsvertrag verankert. "Wir glauben, dass eSport gewaltiges Potenzial besitzt", so Landtagsvizepräsident Andresen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 13.12.2018 | 19:30 Uhr

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