Eine Drohnenaufnahme eines landwirtschaftlichen Betriebs mit einem großen Teich. © NDR

Spargelhof Schäfer: Schimmel, Ekelfleisch und Drohungen?

Stand: 24.08.2021 17:00 Uhr

Rumänische Erntehelfer sprechen von einem menschenverachtenden Umgang mit ihnen auf dem Spargelhof in Wiemersdorf im Kreis Segeberg. Der Landwirt streitet die Vorwürfe ab. Juristen sehen die Staatsanwaltschaft in der Pflicht zu ermitteln.

Eine Recherche von Sven Brosda und Philipp Eggers

Spargel mit Biss, jungen Kartoffeln, Katenschinken und Sauce Hollandaise. Ganz klassisch. Oder doch mit Rinderfilet oder Lachs? Das Spargelfest auf dem Hof bei Bauer Schäfer in Wiemersdorf wird jedes Jahr Wochen vorher im Kalender angestrichen, erzählen Dorfbewohner. Ausgezeichnet sei der Spargel, von Gourmet-Qualität, das sei weit über den Kreis Segeberg hinaus bekannt.

Krummer Rücken für den Mindestlohn

Gestochen wird der Wiemersdorfer Spargel vor allem von osteuropäischen Arbeitern. Die meisten kommen aus Rumänien. 9,50 Euro zahlt ihnen der Landwirt pro Stunde, also den zu dem Zeitpunkt gültigen Mindestlohn. Abgeben müssen sie 7,50 Euro pro Tag, damit sie auf dem Hof in Unterkünften schlafen dürfen, 4 Euro für das Mittagessen kommen oben drauf. Das geht aus ihren Verträgen hervor. Mehr als die erste Stunde Mindestlohn pro Tag müssen sie also allein dafür einsetzen, um in Wiemersdorf arbeiten zu dürfen. Vollpension - Frühstück und Abendbrot - kostet 4,87 Euro pro Tag extra. Ein Internet-Zugang würde von Spargelbauer Schäfer mit 45 Euro im Monat berechnet werden. Pro Erntehelfer.

Schimmel in Unterkunft?

Der Spargelbauer bringt seine Arbeiter in Wohncontainern und in einem vor 35 Jahren ausgebauten landwirtschaftlichen Gehöft in Wiemersdorf unter. Auf Facebook gibt er Einblicke, dieses Gebäude nutze er überwiegend als Corona-Quarantäne-Station. Kommen neue Arbeiter, würden sie dort für zehn Tage untergebracht und mehrfach auf Corona getestet.

Eine weiße, verschimmelte Tür. © NDR
In dem Gehöft in Wiemersdorf gebe es Schimmel, berichten ehemalige Erntehelfer.

Doch in dem Gebäude gebe es Schimmel, unter anderem an der Eingangstür, dunkle Flecken auch an der Decke und an einigen Wänden, erzählen ehemalige, rumänische Erntehelfer von Schäfer. Einer von ihnen sagt, er sei Asthmatiker, die Sporen könne er nicht ab. Außerdem sei dort mehrmals über Tage das warme Wasser ausgefallen.

Experte: Schimmel gefährlich

Der Lübecker Diplom-Ingenieur Klaus Peter Böge schaut sich die schwarzen Stellen auf den Fotos an. Der Fachmann von der Schimmelambulanz sagt, dass es sich dort um Schimmelbefall handle. Das sei ein bauliches Problem, außerdem wurde seiner Einschätzung nach die falsche Farbe in dem Haus verwendet. Schimmel sei gefährlich und müsse beseitigt werden, weil Sporen für die Bewohner krank machend seien. Schäfers Rechtsanwältin teilt uns schriftlich mit, dass es in einer der Unterkünfte angeblich Schimmelbefall geben soll, sei ihrem Mandanten nicht bekannt.

Durfte Spargelhof nicht verlassen werden?

Die ehemaligen Erntehelfer aus Rumänien erheben weitere, schwere Vorwürfe. Ihnen soll gesagt worden sein, dass sie den Hof beziehungsweise die Spargelfelder nicht verlassen dürfen, zum Einkaufen zum Beispiel. Erst nach einer Betriebsversammlung zum Ende der Spargelsaison durften sie sich demnach auch in der Umgebung frei bewegen. Ein Rumäne versichert uns, dass er den Hof von Christian Schäfer rund einen Monat nicht verlassen durfte. Hätte er dagegen verstoßen, dann wäre er nach Hause geschickt worden. So sei es ihm angedroht worden. Eine andere, ehemalige Erntehelferin ergänzt, das sei mit allen Arbeitern so passiert. Die Rumänen hätten sich an die Hof-Regeln gehalten, weil sie in Wiemersdorf Geld verdienen wollten, in ihrer Heimat gebe es kaum Jobs.

Spargelbauer Schäfer lässt über seine Rechtsanwältin ausrichten, dass zu keinem Zeitpunkt den Mitarbeitern weder ausdrücklich noch in sonstiger Weise verboten wurde, das Gelände zu verlassen. Teil des Corona-Hygienekonzeptes sei es gewesen, nicht notwendige Kontakte einzuschränken, um so eine größtmögliche Sicherheit vor einem Corona-Infektionsgeschehen zu gewährleisten. Schäfer habe seine Mitarbeiter gebeten, den Kontakt zu betriebsfremden Personen nicht ausufern zu lassen. Was "ausufern" genau bedeutet, lässt die Anwältin auch auf Nachfrage offen.

Nötigung? Freiheitsberaubung?

Prof. Dr. Jochen Bung © NDR
Prof. Dr. Jochen Bung sieht nach den Aussagen der Erntehelfer dringenden Handlungsbedarf durch die Staatsanwaltschaft.

Der Hamburger Strafrechtler und Rechtsphilosoph Prof. Dr. Jochen Bung sieht in den Aussagen der Rumänen einen Arbeitsauftrag für die Staatsanwaltschaft. Die Behörde müsse den Dingen nachgehen und ermitteln. Er meint, wenn die Menschen den Hof tatsächlich nicht verlassen durften, dann sei das strafrechtlich gesehen mindestens eine Nötigung. Bung würde es aufgrund ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation in ihrem Heimatland für vertretbar halten, dass die Schwelle zur Freiheitsberaubung erreicht werden kann. Vor allem vor dem Hintergrund, dass ihnen damit gedroht worden sein soll, ihre Jobs zu verlieren - sie also kein Einkommen mehr hätten. Rumänien zählt zu den ärmsten Ländern innerhalb der EU.

Laden ausschließlich für Saisonarbeiter

Bei Facebook setzt Landwirt Schäfer vor allem seinen Spargel in Szene, ein eigenes Kochbuch ist geplant, außerdem wirbt er auf seiner Seite für seinen liebevoll gestalteten Hofladen. Draußen gibt es Sitzgelegenheiten, dazu frische Blumen, dekoriert auf alten Holzschubkarren. In dem Hofladen bietet Schäfer seinen Kunden nach der Spargelsaison unter anderem frisch gebackene Torten, frisches Brot, frische Kartoffeln von seinen Feldern und regionale Erdbeeren aus dem Nachbardorf, sowie Dekoartikel an. Abseits davon gibt es auf dem Hof einen zweiten Laden - exklusiv für die rumänischen Saisonarbeiter. Publikumsverkehr gibt es in der Halle, in der auch Traktorreifen, Schläuche und landwirtschaftliche Geräte eingelagert werden, nicht. Dort bietet Schäfer nach unseren Recherchen Produkte von Discountern und Supermärkten an, die er an seine Erntehelfer weiterverkauft. Auf Biertischen werden aus Kartons heraus Lebensmittel, Getränke, Duschgel oder Rasierschaum angeboten. Schäfers Hofpreise werden mit einem schwarzen Filzstift direkt auf die Originalverpackung geschrieben.

Erntehelfer: Es gab abgelaufene Fleischprodukte

Das Etikett von einer Packung Schweine-Hackfleisch. © NDR
Unter anderen dieses Produkt finden die Erntehelfer auf dem Hof und fotografieren es.

Die rumänischen Erntehelfer mussten dort nach eigenen Angaben einkaufen, weil sie den Hof, wie sie sagen, bis zur Betriebsversammlung nicht verlassen durften. Anfang Juni gingen die Rumänen ein letztes Mal in den "Erntehelfer-Shop", wie ihn Schäfers Rechtsanwältin nennt. Dort wurden ihnen nach eigenen Angaben abgelaufene Lebensmittel angeboten, teilweise waren die Verbrauchsdaten mehr als zwei Monate drüber. Außerdem wurden Haltbarkeitsdaten geschwärzt, sagen sie.

Lebensmittel gelten als nicht mehr sicher

Lebensmittelexperten schreiben, dass unter anderem Hackfleisch aus mikrobiologischer Hinsicht sehr leicht verderblich sei. Gekühltes Hackfleisch zum Beispiel aus einem Discounter oder Supermarkt werde deshalb nicht mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern mit einem Verbrauchsdatum versehen. Sobald das Verbrauchsdatum abgelaufen sei, dürfe das Produkt nicht mehr abgeben werden. Einfrieren verlängere das Verbrauchsdatum nicht. Außerdem sei das Einfrieren sowieso nur unmittelbar nach der Herstellung erlaubt. Die zuständige Lebensmittelaufsicht im Kreis Segeberg bestätigt diese Einschätzung. Die Behörde schreibt weiter, grundsätzlich dürften Lebensmittel in Fertigpackungen nur vollständig gekennzeichnet in den Verkehr gebracht werden. Zur verpflichtenden Kennzeichnung gehörten das Mindesthaltbarkeitsdatum oder das Verbrauchsdatum. Diese Informationen dienten dem Schutz der Gesundheit des Verbrauchers. Werde das Mindesthaltbarkeitsdatum oder das Verbrauchsdatum geschwärzt, dann sei die Ware nicht mehr verkehrsfähig.

Der Hamburger Strafrechtler Bung ergänzt, jemand, der verdorbene Lebensmittel unter die Leute bringt, nehme in Kauf, dass ihnen schlecht wird, im harmlosesten Fall, im schlimmeren Fall könne sich auch eine Lebensmittelvergiftung einstellen. Die Aussagen der Rumänen lösen eine Ermittlungspflicht der Strafverfolgungsbehörden aus, meint Bung.

Spargelbauer Schäfer lässt Vorwürfe dementieren

Ein Interview, auch zu den Lebensmitteln, will uns Spargelbauer Schäfer nicht geben. Seine Rechtsanwältin schreibt, dass zu keinem Zeitpunkt jemals abgelaufene Lebensmittel oder gar Fleischwaren an die Saisonerntehelfer verkauft, geschweige denn solche angeboten wurden. Die Anwältin schreibt weiter, es wurden nicht die Verbrauchsdaten geschwärzt oder ähnliches, sondern die Preise der Waren mit einem Edding aufgetragen und selbstverständlich abgelaufene Lebensmittel entsorgt worden.

Gefühlt wie Sklaven

Die rumänischen Erntehelfer bleiben bei ihrer Darstellung. Sie sind Anfang Juni von Wiemersdorf mit dem Auto 2.000 Kilometer zurück in ihre Heimat gefahren. Eine Erntehelferin sagt, sie hätten sich auf dem Hof wie Sklaven gefühlt, auf die Situation konnten sie nicht reagieren, es sei zu schlimm gewesen. Als sie dann über die rumänische Grenze fuhr, sei sie sehr froh gewesen, endlich wieder zuhause zu sein - nach drei Monaten Arbeit auf dem Spargelhof in Wiemersdorf. Dorthin zurück wollen sie und ihre Kollegen nie wieder.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 24.08.2021 | 17:00 Uhr

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