Sieben Monate altes Kind stirbt bei Rettungseinsatz

Stand: 24.09.2021 05:00 Uhr

Ein Elternpaar aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg macht einem Notarzt schwere Vorwürfe. Nach einem Rettungseinsatz im Januar ist ihr sieben Monate alter Sohn gestorben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

von Andreas Schmidt

"Manchmal denke ich, dass ich dem Teufel die Tür aufgemacht habe", sagt Martje Ratzow und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie hat mit ihrem Mann Niklas den Alptraum aller Eltern erlebt. Ihr Kind Lönne ist vor ihren Augen gestorben. Was es noch schlimmer für sie macht, ist, dass Lönne zu dem Zeitpunkt in der Obhut eines Notarztes war. Was es aber schier unerträglich macht, ist die Überzeugung, dass ihr Kind leben könnte.

Krampfanfall am Abend

Es ist der 18. Januar 2021. Gegen 21.15 Uhr singt Martje Ratzow Lönne sein Schlaflied. Lönne ist zu dem Zeitpunkt sieben Monate alt. Er ist das dritte Kind der Familie Ratzow, die weit draußen im Kreis Herzogtum Lauenburg einen landwirtschaftlichen Betrieb hat. Nach einigen Minuten merkt Martje Ratzow, dass Lönnes Pupillen sich nach oben wegdrehen, er beginnt zu zucken, ein Krampfanfall. "Solche Anfälle sind recht häufig bei Kindern", meint Dr. Michael Corzillius, Leiter des Rettungsdienstes der Berufsfeuerwehr in Kiel. "Eigentlich nichts Besonderes, der Krampfanfall muss aber durchbrochen werden, um Folgeschäden zu vermeiden."

Rettungsdienst alarmiert

Auch für die Ratzows ist Lönnes Anfall nicht ganz so erschreckend, da sie ein ähnliches Erlebnis mit ihrem älteren Sohn Joost hatten. Dennoch rufen sie den Rettungsdienst. Die Notfallsanitäter treffen zuerst ein, einige Minuten später der Notarzt Dr. H. Er betreibt eine hausärztliche Praxis, fährt aber auf Honorarbasis immer wieder auch Rettungseinsätze. Im Haus war die Lage beim Eintreffen des Notarztes noch relativ stabil, wie die Eltern berichten. Lönne hat ein entkrampfendes Zäpfchen von den Sanitätern bekommen. Beim nächsten Anfall will Dr. H. einen Zugang legen, um Lönne intravenös Medikamente zu geben. Das scheitert, wie so häufig bei kleinen Kindern. Daher bohrt H. einen Schienbeinknochen an, um einen sogenannten intraossären Zugang ins Knochenmark zu legen. Die Prozedur ist sehr schmerzhaft. Deswegen bekommt Lönne noch als lokales Betäubungsmittel Lidocain in den Markraum.

Arzt: Lidocain muss vorsichtig dosiert werden

"Man muss das Lidocain sehr vorsichtig dosieren," meint Dr. Michael Corzillius. "Man muss es so niedrig dosieren, dass es vor Ort seine Wirkung entfaltet, aber keine Wirkung auf den gesamten Körper." Kurz nachdem Lönne das Lidocain bekommen hat, beobachtet Martje Ratzow eine Veränderung. "Ich hatte meine Hände auf Lönnes Brustkorb und habe gespürt, dass er aufgehört hat zu atmen. Ich habe gebrüllt: Er atmet nicht mehr, er stirbt. Tun sie was."

Dr. H. und die Sanitäter beginnen Lönne zu reanimieren, versuchen sein Herz wieder zum Schlagen zu bringen, legen einen Tubus, um ihn zu beatmen. Mehr als eine Stunde lang kämpfen sie um das Leben des kleinen Jungen - vergeblich. Dr. H. will Lönne noch vor Ort für tot erklären, aber die Eltern bestehen darauf, dass er noch in die Universitätsklinik nach Lübeck (UKSH) gebracht wird.

Nach Recherchen von NDR Schleswig-Holstein erkennt erst der Kinderarzt am UKSH Lübeck, dass der Tubus nicht richtig in der Luftröhre liegt. Das bedeutet, dass Lönne nicht richtig beatmet werden konnte. "Wir nennen so etwas ein never-Event," sagt Dr. Corzillius. "Etwas, das wir unbedingt vermeiden müssen, weil es so lebensbedrohlich ist." Dokumente, die NDR Schleswig-Holstein einsehen konnte, deuten außerdem darauf hin, dass Lönne eine tödliche Überdosis Lidocain im Blut hatte.

Fehler im System?

Der Kreis Herzogtum Lauenburg hat den Rettungsdienst an das Deutsche Rote Kreuz (DRK) abgegeben. Das DRK wiederum vergibt die Notarztschichten an einen Verein. Der beschäftigt Ärzte wie Dr. H. auf Honorarbasis. Auf die Frage von NDR Schleswig-Holstein, welche Nachweise Notärzte über ihre Erfahrungen und Fortbildungen für Kindernotfälle erbringen müssen, antwortet der Kreis: "Keine, die über diejenigen hinausgehen, die zum Erwerb der Approbation und der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin beziehungsweise des Fachkundenachweises Rettungsdienst erforderlich sind." Das bedeutet, dass Dr. H. seit seiner Zulassung als Notarzt keine weiteren Trainings für Kindernotfälle absolvieren musste. Landesweit gibt es keine Vorschrift, die regelt, wie Notärzte sich fachspezifisch fortbilden müssen.

Eltern erstatten Anzeige

In der Nacht zum 19. Januar erklären die Ärzte in der Kinderklinik des UKSH in Lübeck Lönne für tot. Die Eltern erstatten umgehend Anzeige. Die Lübecker Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Arzt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Der Notarzt hat bislang auf die Anfragen von NDR Schleswig-Holstein nicht reagiert.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 24.09.2021 | 19:30 Uhr

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