Stand: 18.07.2019 15:55 Uhr

Sea-Watch: Rackete ruft EU zum Handeln auf

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Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete auf dem Weg zur gerichtlichen Anhörung. Das Verfahren könnte sich länger hinziehen.

Die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs "Sea-Watch 3", Carola Rackete hat nach ihrer Vernehmung durch die italienische Staatsanwaltschaft die EU aufgerufen, eine Lösung bei der Verteilung von Migranten zu finden. "Es ist mir sehr wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass es gar nicht um mich als Person gehen soll, sondern es sollte um die Sache gehen", sagte sie in der sizilianischen Stadt Agrigent. "Wir haben Tausende von Flüchtlinge in einem Bürgerkriegsland, die dort eigentlich dringend evakuiert werden müssten. Und ich erwarte von der Europäischen Kommission insbesondere, dass sie sich möglichst schnell dazu einigt, wie diese Bootsflüchtlinge in Europa aufgeteilt werden sollen."

Die Befragung dauerte rund vier Stunden. Eine schnelle Entscheidung, ob es zu einem Prozess kommt oder die Vorwürfe fallen gelassen werden, zeichnete sich aber nicht ab. Nach Angaben ihres Anwalts Alessandro Gamberini gehört Rackete nicht mehr zur aktuellen Crew des Rettungsschiffs "Sea-Watch 3". Generell ist es normal, dass die Seenotretter ihre Crew nach Einsätzen austauschen. Die "Sea-Watch 3" liegt zudem derzeit in Sizilien an der Kette und kann nicht ausfahren. Rackete kündigte nacch der Vermehmung an, dass sie nach Deutschland zurückkehren würde.

Gegen die in Schleswig-Holstein geborene und im niedersächsischen Hambühren aufgewachsene Rackete wird wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und gegen ein Kriegsschiff ermittelt. Außerdem wird ihr vorgeworfen, Beihilfe zur illegalen Einwanderung geleistet zu haben. Dafür müssten ihr allerdings Absprachen mit libyschen Schleppern nachgewiesen werden.

Sea-Watch: Wichtig, dass die "Sea-Watch 3" wieder freigegeben wird

Die Hilfsorganisation Sea-Watch hatte im Vorfeld erklärt, in früheren Fällen hätten sich entsprechende Vorwürfe stets als haltlos erwiesen. "Wir gehen davon aus, dass das wieder passiert", sagte Sprecher Oliver Kulikowski. Sea-Watch erwartet allerdings keine rasche Entscheidung der italienischen Staatsanwaltschaft. "Wir tun aber alles, um eine schnelle Entscheidung zu ermöglichen und erwarten, dass das Gericht letzten Endes feststellen wird, dass wir rechtmäßig gehandelt haben", so der Sea-Watch-Sprecher. Wichtig sei, dass das Schiff "Sea-Watch 3" wieder freigegeben werde.

Entscheidung wohl erst nach dem Sommer

Eine Ermittlungsrichterin hatte den zunächst gegen Rackete verhängten Hausarrest wieder aufgehoben. Die Staatsanwaltschaft in Agrigent werde voraussichtlich erst nach dem Sommer entscheiden, ob es zu einem Prozess kommen soll oder ob die Vorwürfe wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung fallen gelassen werden, so Staatsanwalt Salvatore Vella. Rackete sei frei, sagte Vella. Die 31-Jährige hält sich seitdem an einem geheimen Ort in Italien auf.

Ein Porträtbild von Gerald Knaus, Vorsitzender des österreichischen Thinktanks Europäische Stabilitätsinitiative (ESI), © Europäische Stabilitätsinitiative (ESI)

Knaus: "Politische Strategie ist gescheitert"

NDR Info - Aktuell -

Über die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer gibt es noch immer keine Einigung zwischen den EU-Mitgliedsstaaten. Fragen dazu an den Migrationsexperten Gerald Knaus.

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Die Staatsanwaltschaft von Agrigent kündigte inzwischen gegen Racketes Freilassung Berufung vor dem römischen Kassationshof an. Damit will sie klären, wie Italien mit Seenotrettungsschiffen umgehen kann, die trotz Verbots in italienische Gewässer einfahren. Rackete ihrerseits reichte Klage gegen Italiens Innenminister Matteo Salvini ein, wegen Verleumdung und Anstiftung zum Hass in den sozialen Netzwerken.

Rackete: "Müssen alle Migranten aus Libyen retten"

In Interviews rechtfertigt Rackete ihre Entscheidung und betont, dass Deutschland und andere europäische Staaten "eine historische Verantwortung an den Umständen in Afrika noch aus der Kolonialzeit" hätten. Die Sea-Watch-Kapitänin hat daher Europa zur Aufnahme Hunderttausender Migranten aufgefordert, die sich derzeit in Libyen befinden. "Die müssen dort sofort raus in ein sicheres Land", so Rackete.

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Die deutsche Kapitänin erhielt von der Stadt Paris und Barcelona Auszeichnungen für ihren Mut bei der Flüchtlingsrettung. Eine Internetkampagne zur Unterstützung der 31-Jährigen bei den Gerichtskosten und zur Fortsetzung der Flüchtlingsrettung durch Sea Watch brachte binnen weniger Tage mehr als 1,4 Millionen Euro ein.

Mit Schiff der italienischen Behörden zusammengestoßen

Carola Rackete war Ende Juni mit dem Rettungsschiff "Sea-Watch 3" mit 40 Flüchtlingen an Bord unerlaubt in den Hafen von Lampedusa eingefahren und festgenommen worden. Zuvor hatte sie zwei Wochen vor der Insel gekreuzt und über ein legales Anlanden verhandelt. Beim Einlaufen in den Hafen hatte die "Sea-Watch 3" ein Boot der italienischen Behörden touchiert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.07.2019 | 15:00 Uhr

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