Stand: 08.07.2019 18:56 Uhr

Sea-Watch: Anhörung verschoben, Hetze im Netz

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Der Anhörungstermin für Kapitänin Rackete verzögert sich um voraussichtlich zehn Tage.

Eigentlich sollte die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete am Dienstag wegen des Vorwurfs der Begünstigung zur illegalen Einwanderung in der sizilianischen Stadt Agrigent vor Gericht erscheinen. Allerdings wurde der Termin jetzt seitens des Gerichtes verschoben, da in Italien diese Woche ein Streik der Staatsanwälte angekündigt ist. Wie die Hilfsorganisation Sea-Watch inzwischen mitteilte, ist ein neuer Termin für den 18. Juli geplant.

Die in Schleswig-Holstein geborene und im niedersächsischen Hambühren aufgewachsene Rackete war Ende Juni mit dem Rettungsschiff "Sea-Watch 3" mit 40 Flüchtlingen an Bord unerlaubt in den Hafen von Lampedusa eingefahren und festgenommen worden. Zuvor hatte sie zwei Wochen vor der Insel gekreuzt und über ein legales Anlanden verhandelt.

Entscheidung wohl erst nach dem Sommer

Die Staatsanwaltschaft in Agrigent werde voraussichtlich erst nach dem Sommer entscheiden, ob es zu einem Prozess kommen soll oder ob die Vorwürfe wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung fallen gelassen werden, so Staatsanwalt Salvatore Vella. Rackete sei frei und könne auch bis zu diesem Termin nach Deutschland zurückkehren, sagte Vella. Die 31-Jährige hält sich weiterhin an einem geheimen Ort in Italien auf. Ob sie die Verzögerung für einen Besuch in Deutschland nutzen wird, ist noch unklar.

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Eine Ermittlungsrichterin hatte vergangene Woche den zunächst gegen Rackete verhängten Hausarrest wieder aufgehoben. Jedoch muss sich die Kapitänin laut ihres Verteidigers immer noch gegen den Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung sowie des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und gegen ein Kriegsschiff wehren. Die "Sea-Watch 3" war beim Einlaufen in den Hafen mit einem Schiff der italienischen Behörden zusammengestoßen.

Fragwürdige Theorien kursieren im Netz

Die gesamte Rettungsaktion der "Sea-Watch 3" wird in den sozialen Medien und in den Kommentaren zur medialen Berichterstattung sehr kontrovers diskutiert, wobei auch viele unbewiesene Behauptungen und unsachliche Vermutungen die Runde machen. Ganz offen wird der Hilfsorganisation und der Kapitänin etwa vorgeworfen, zu lügen, sich als Retter zu tarnen und tatsächlich als Partner von Schleusern Flüchtlinge direkt an der Küste aufzunehmen.

Zuletzt wurde der Kapitänin und ihrer Crew vorgeworfen, sie hätten die Flüchtlinge direkt in Libyen abgeholt oder sie dort nicht abgeliefert - obwohl sie doch den Hafen von Bouri in Libyen angelaufen seien.

Sea-Watch hört Vorwurf nicht zum ersten Mal

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Aus Seenot gerettete Menschen an Bord der "Sea Watch 3": Im Netz wird offen gegen die Retter gehetzt, die als Partner der Schleuser bezeichnet werden.

"Das stimmt nicht", dementiert ein Sprecher der Sea-Watch-Zentrale in Berlin entschieden solche Gerüchte. Der angegebene "Hafen von Bouri" sei "ein Ölfeld auf hoher See in internationalen Gewässern", das offiziell zu Bouri gehört, so der Sprecher, der den Vorwurf schon häufiger gehört hat.

Tatsächlich kursieren im Netz viele Links zu der Schiffs-Tracking-Website "vesselfinder.com". Den Links zufolge ist die "Sea-Watch 3" am Abend des 12. Juni - dem Tag, an dem die Flüchtlinge an Bord genommen wurden - als einlaufendes Schiff in dem libyschen Hafen Bouri registriert worden.

Angeblicher Hafen ist ein Offshore-Ölbohrfeld

Laut Sea-Watch hat sich ihr Rettungsschiff an dem Tag in internationalen Gewässern aufgehalten und etwa 47 Meilen vor der libyschen Küste 53 Flüchtlinge in einem nicht seetauglichen Schlauchboot entdeckt und an Bord genommen. Auch auf anderen, kostenpflichtigen Schiffs-Tracking-Websites mit etwas genauerer Auflösung wird diese Darstellung von Sea-Watch eindeutig bestätigt. Dort ist zu sehen, dass die "Sea-Watch 3" am Nachmittag den Kurs Richtung Lampedusa geändert hat und am Abend um 21.06 Uhr das Ölfeld "Bouri" passiert hat - rund 75 nautische Meilen von der Küste entfernt.

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Die Grafik zeigt den Kurs der "Sea Watch 3" am 12. Juni - dem Tag, an dem das Schiff laut Online-Kommentatoren den Hafen von Bouri angelaufen sein soll.

Schon durch eine einfache Suche des Hafens von Bouri im Internet oder nur genauerem Hinsehen auf der oft zitierten Website "vesselfinder.com" kann dies ganz einfach verifiziert werden: Schon ein Klick auf die Koordinaten von Bouri öffnet eine Karte mit der Position des angeblichen "Hafens von Bouri" - 75 Meilen vor der Küste, bestehend aus zwei Bohrplattformen und einer Öl-Verladestation.

Ein anderes Rettungsschiff, das aktuell in den Schlagzeilen ist - die "Alan Kurdi" -, ist laut "vesselfinder" gleich an zwei Tagen hintereinander als einlaufendes Schiff in Bouri registriert worden - allerdings nie als auslaufendes Schiff. Allein das könnte Leser von Schleuser-Theorien im Zusammenhang mit Rettungsschiffen schon stutzig machen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.07.2019 | 15:00 Uhr

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