Stand: 19.04.2018 16:04 Uhr

Schulbeginn verschieben? Pro & Contra

Die schleswig-holsteinischen Grünen fordern einen späteren Schulbeginn: Schüler sollen zukünftig nicht mehr zur ersten, sondern zur zweiten Schulstunde mit dem Unterricht starten. Einen entsprechenden Antrag will die Partei am Freitag auf ihrem Landesparteitag in Eckernförde stellen. Befürworter des Vorhabens argumentieren mit der Anpassung an den Schlafrhythmus vieler Schüler - es gibt aber auch Argumente dagegen.

Ein späterer Schulbeginn sei besser an die Schlafgewohnheiten von Schülern angepasst - deshalb befürwortet Michael Frömter einen späteren Schulbeginn.
Pro: Schlafmangel macht krank

von Michael Frömter

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Michael Frömter gehört seit mehreren Jahren der Nachrichten-Redaktion von NDR 1 Welle Nord an.

Schüler und Lehrer kennen das: Sie quälen sich frühmorgens aus dem Bett, um zwischen 7.30 und 8 Uhr zur ersten Stunde in der Schule zu sein. Das bedeutet: aufstehen spätestens um 6.30 Uhr, für Fahrschüler auf dem Land meist noch früher. Sie müssen zum Teil schon weit vor 6 Uhr aus den Federn, um den Schulbus rechtzeitig zu erreichen. Geistig fit und aufgeweckt ist da kaum einer der Kinder und Jugendlichen, eher schläfrig bis komatös.

Jeder Erwachsene sollte das nachfühlen können, da jeder weiß, wie er sich fühlt, wenn es ihm an Schlaf mangelt. Und nicht ohne Grund gehört Schlafentzug zu den geächteten Foltermethoden. Mediziner und Schlafforscher halten gerade bei Kindern von zwölf Jahren und älter den Schulbeginn hierzulande für viel zu früh. Bei Schulkindern sei das Gehirn sehr aufnahmefähig - vorausgesetzt, die Regenerationsphase sei lang genug, um Erlerntes im Langzeitgedächtnis zu verarbeiten, so die Experten. Sie raten deshalb zu mindestens neun bis zehn Stunden Schlaf pro Nacht. Weniger bedeutet: Die Konzentration lässt nach, Kinder und Jugendliche werden gereizter oder depressiv. Schlafmangel macht also krank.

Laut Spiegel Online hat eine Forschergruppe in den USA an einem Kinderkrankenhaus herausgefunden, dass schon mit einer halben Stunde mehr Schlaf am Morgen die Jugendlichen motivierter waren, seltener den Unterricht schwänzten und sich weniger oft als deprimiert beschrieben. Fakt ist: In vielen EU-Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien fängt die Schule erst um 9 Uhr an. Warum das nicht einfach auch hier mal versuchen, wenn wir an unsere Kinder denken?

An sich sei ein späterer Schulbeginn keine schlechte Idee, findet Stefan Eilts. Aber ist das ganze auch problemlos umsetzbar?
Contra: Erst die Rahmenbedingungen schaffen

von Stefan Eilts

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Stefan Eilts arbeitet im Recherchepool des NDR Schleswig-Holstein, aber auch für die Sportredaktion.

Kinder müssen oft zu früh aufstehen. Das ist wissenschaftlich belegt - und das weiß jede Mutter, die frühmorgens um 6.20 Uhr schon mal an ihrem mürrischen Sohn gerüttelt hat, um ihn zu wecken. Und das weiß jeder Vater, der beim Frühstück um kurz nach 7 Uhr seine müde Tochter antreiben musste, endlich aufzuessen, "weil wir sonst zu spät kommen!" Es ist also überhaupt keine Frage: Vielen Kindern würde ein späterer Schulbeginn, verbunden mit weniger Stress am Morgen, gut tun. Aber bevor wir das übers Knie brechen, bitte erst ein paar Fragen beantworten.

Die Wichtigste: Wie soll das im Alltag einer durchschnittlichen vierköpfigen Familie organisiert werden, in der heutzutage oft sowohl Vater als auch Mutter berufstätig sind? Von Alleinerziehenden ganz zu schweigen. Wer erklärt dem Chef der Mutter, dass diese nun immer eine Stunde später zur Arbeit kommt, weil sie ihr Kind erst um 9 Uhr bei der Schule abliefern kann? Da braucht es erst mal flächendeckend Arbeitgeber, die den Eltern in ihrer Belegschaft sehr viel Flexibilität einräumen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das nicht in allen Fällen funktioniert - man denke nur an Schichtdienstler.

Am Ende müsste also am Morgen oft Betreuung organisiert werden - zum Beispiel über Schulbetreuungsvereine. Diese sind an vielen Orten vorhanden, an anderen bislang nur nachmittags oder stellenweise gar nicht. Und vor allem kostet mehr Betreuung die oft schon unter horrenden Kitabeiträgen ächzenden Eltern weiteres Geld. Also, liebe Landespolitiker: richtige Idee, gerne umsetzen - aber erst die finanziellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen!

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.04.2018 | 17:00 Uhr

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