Schlaganfall: Karteikarten als Unterstützung von Patienten

Stand: 14.07.2021 14:50 Uhr

Schlaganfall-Patienten müssen viele Hindernisse im Alltag überwinden. Dabei kann ein Karteikartensystem helfen, das von einem Norderstedter entwickelt wurde.

Nach einem Schlaganfall wird das Leben meist plötzlich zu einer großen Herausforderung: Körperliche Funktionen sind gestört oder unwiederbringlich verloren gegangen, kognitive Fähigkeiten eingeschränkt - und noch Schlimmeres kann folgen. "Damals hat man mir gesagt: eine Überlebenschance im unteren einstelligen Prozentbereich", erzählt Jürgen Langemeyer aus Norderstedt (Kreis Segeberg). "Woran ich mich sehr gut erinnere, ist der Chefarzt in der Reha-Klinik, der zu mir sagte: 'Das mit dem Gehen können Sie vergessen. Stellen Sie sich mal drauf ein, dass Sie den Rest Ihres Lebens im Rollstuhl verbringen'." Das war vor 18 Jahren - und es ist ihm erspart geblieben. "Im Grunde habe ich ein zweites Leben bekommen", sagt Langemeyer.

Beim Arzt überfordert

Seine Frau sei dem damals 43-Jährigen eine wichtige Stütze gewesen in der schweren Zeit, gab ihm Kraft und Zuversicht. Nach seinem Gehirnschlag ging aber erstmal vieles nicht, vor allem bei der Behandlung: Beim Arzt war Langemeyer oft sprachlos, fühlte sich überfordert, wusste nicht, welche Probleme er alle ansprechen soll. Es sind Situationen mit viel Frust, die den Norderstedter nach einer Lösung suchen lassen - mit Erfolg: Er entwickelt ein Karteikartensystem, das es ihm und anderen Schlaganfall-Patienten erleichtern soll, sich besser auf Arztbesuche vorzubereiten. Auf jeder Karte ein Problem, das nach einem Schlaganfall auftreten kann.

Karten helfen in der Kommunikation

Das simple und einleuchtende Prinzip erklärt Langemeyer so: "Diese fünf Karten nehme ich mit. Und wenn dann meine Ärztin fragt: 'Herr Langemeyer, wie geht’s Ihnen?', dann kann ich sagen: Sehen, Augen, Tiefensensibilität, Gleichgewicht, Gehen und Autofahren." Das System dient als kognitive Unterstützung, gibt den Patienten etwas Autonomie zurück - und erleichtert den Kommunikationsprozess. Langemeyer gaben sie den roten Faden vor: "Und bevor wir jetzt über diese fünf Punkte nicht gesprochen haben, gehe ich hier nicht raus."

Bisher mehr als 3.500 Karteiboxen verschickt

Mittlerweile hat Langemeyer einen Selbsthilfe-Verein gegründet, produziert seine selbst entwickelten Karten. Mehr als 3.500 Karteiboxen hat der Verein mittlerweile schon verschickt - an Praxen und Patienten, finanziert durch Sponsoren. Wie sein System bei den Therapeuten ankommt, interessiert Langemeyer sehr.

Eine Ergotherapie-Praxis aus Preetz (Kreis Plön) nutzt es jetzt schon länger als ein Jahr. "Viele Patienten reagieren auch mit Depressionen nach einem Schlaganfall", weiß Ergotherapeutin Maike Bamberger, "da ist es manchmal extrem wichtig, Dinge plastisch darzustellen und zu sagen: Mensch, lassen Sie uns mal gemeinsam darauf gucken, was Sie schon geschafft haben."

"Große Anerkennung und Bestätigung"

Für Langemeyer ist das eine große Anerkennung, wie er sagt - und ein Zeichen dafür, dass es funktioniert. "Das ist natürlich eine Bestätigung, da weiterzumachen." Als nächste Projekt steht an, die Box zu digitalisieren. Aber auch die klassische Version ist weiter gefragt: Gerade erst haben 27 Neurologie-Kliniken in Nordrhein-Westfalen die Box bestellt - sie wollen den Einsatz wissenschaftlich untersuchen lassen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 14.07.2021 | 19:30 Uhr

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