Schlachtschweine: Wie viel Geld bleibt beim Landwirt?

Stand: 23.12.2020 05:00 Uhr

Wie viel Supermärkte beispielsweise mit Schweinefleisch verdienen, ist sogar für Thorben Lucht kaum nachzuvollziehen - obwohl es seine eigenen Schweine sind, die im Supermarkt als Hackfleisch und Schnitzel verkauft werden.

von Laura Albus

Ein Kilogramm Hackfleisch kostet 5,88 Euro im Supermarkt in Meldorf (Kreis Dithmarschen). Dort wird Schweinefleisch vom Hof von Thorben Lucht verkauft. Er ist Schweinemäster und betreibt mit seinem Vater gemeinsam den Hof. Oft hat er bereits darüber nachgedacht, die Schweinemast aufzugeben. Aktuell macht er keine Gewinne damit. Im Gegenteil. Würde er seine eigene Arbeitskraft mit einrechnen, würde er sogar Verlust machen.

Derzeit kein Gewinn mit Schweinemast

Eine Grafik zeigt die Marktspanne für Schweinefleisch.
Während sich der Preis für Schweinefleisch für Erzeuger in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert hat, ist der Verbraucherpreis immer weiter angestiegen.

Etwa 5.500 Schweine mästet der Landwirt jedes Jahr. Er kauft sie als Ferkel bei einem Hof im Kaiser-Wilhelm-Koog ein, nur wenige Kilometer von seinem Stall entfernt. Dort werden die Schweine in knapp sechs Monaten auf ein Gewicht von 120 Kilogramm gemästet. Thorben Lucht verkauft sie dann an einen Vermarkter, eine Art Zwischenhändler. Dieser veräußert die Tiere weiter an den Schlachthof. Dort werden sie getötet, zerteilt und für den Einzelhandel zu den einzelnen Produkten weiterverarbeitet - beispielsweise zu Hackfleisch. Landwirt Lucht kann allein von der Schweinemast nicht leben. Ackerbau und Gemüse sind die Wirtschaftszweige, die ihn und seine Familie derzeit finanzieren. "Landwirtschaft im Großen und Ganzen macht gerade keinen Spaß", sagt er und korrigiert sich gleich, "also es macht schon Spaß - nur ist es nichts, um damit Geld zu verdienen."

Schlachthöfe kommen nicht hinterher

Bei seiner letzten Lieferung an den Schlachthof in Kellinghusen (Kreis Steinburg) hat er für seine Schweine einen Durchschnittspreis von 135 Euro pro Tier bekommen. Der Preis setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, beispielsweise der Größe der Tiere. Hier spielt der sogenannte Schweinestau eine wichtige Rolle.

Durch den Ausfall großer deutscher Schlachthöfe wegen der Corona-Krise, wegen des Mangels an Arbeitskräften und wegen schärferer Hygieneregeln konnten Zehntausende Schweine nicht geschlachtet werden - es bildete sich ein Rückstau der Schweine auf den Höfen. In Schleswig-Holstein waren es nach einer Schätzung des Bauernverbandes Ende November etwa 50.000 bis 60.000 Tiere. Hinzu kommt die Afrikanische Schweinepest, die den Export von Schweinefleisch ins Ausland stocken lässt.

Schweinestau drückt die Preise

Das Problem der Landwirte: Je später geschlachtet wird, desto weniger bekommen sie. Doch die Kosten für Futter steigen in diesem Zeitraum weiter. Nur wenn ein Tier ein Gewicht von etwa 120 Kilogramm hat, ist es für den Einzelhandel gut verwertbar. Denn je größer es ist, desto größer sind auch die einzelnen Produkte vom Schwein - und die passen dann nicht in die Verpackungen.

Gewinn: 1,40 Euro pro Tier

Eine Grafik zeigt in welche preislichen Kategorien ein Schwein zerlegt wird.
Die Grafik zeigt, wie viel durchschnittlich vom eingenommenen Schweinepreis für Landwirt Lucht nach allen Ausgaben übrig bleibt.

Die 135 Euro, die Landwirt Lucht bei seiner Lieferung am 1. Dezember im Durchschnitt pro Tier bekommen hat, sind aber noch nicht sein Gewinn. Um den zu ermitteln, muss er seine Ausgaben gegenrechnen: ein Ferkel kostet zurzeit 44 Euro. Hinzu kommen 70 Euro für Futter, 5,60 Euro für Tierarzt, Wasser, Strom und Versicherung sowie 14 Euro für den Abtrag vom Stall. Zieht Lucht diese Ausgaben von seinen Einnahmen ab, bleibt unterm Strich 1,40 Euro. "Mein Arbeitslohn zum Beispiel ist da nicht mit drin. Ich arbeite zurzeit umsonst", sagt er.

Forderung nach mehr Geld

Die größte Herausforderung haben Lucht zufolge die Ferkelerzeuger, denn die 44 Euro pro Ferkel seien wenig. Auch hier spielt der Schweinestau eine Rolle: Die schlachtreifen Schweine sorgen dafür, dass die Ferkelerzeuger ihre Tiere nicht loswerden. In den Ställen fehlt einfach der Platz. Für den Schweinemäster Lucht wäre der erste Schritt in die richtige Richtung, wenn er vom Einzelhandel mehr Geld für seine Schweine bekäme: Denn dann könne er ohne Verluste auch mehr für die Ferkel bezahlen. Mit 40 Euro mehr pro Schwein wäre er zufrieden: "Dann wäre es ein Preis, mit dem man erst mal mit leben könnte."

Supermarkt äußert sich zu Gewinnmarge nicht

Der Einzelhandel möchte sich dazu nicht äußern. Wie viel Edeka an seinen Schweinen verdient, teilt die Handelsgruppe, an die Thorben Lucht seine Schweine hauptsächlich verkauft, nicht mit. Lucht bekommt derzeit für ein Kilogramm Schwein etwa 1,30 Euro. "Dann frage ich mich natürlich, wo bleiben bei einem Kilopreis von etwa fünf Euro, die restlichen 3,70 Euro. Das ist eine Menge Geld."

Gespräche für Januar geplant

Dirk Andresen, Bundessprecher der Initiative "Land schafft Verbindung", fordert, dass sich der Handel bewegt. Deshalb hat er unter der Regie vom Bundesverband des Einzelhandels ein Treffen der vier großen Einzelhandelsketten Rewe, Lidl, Edeka und Aldi organisiert. Am 11. und 12. Januar wollen sie sich zumindest virtuell an einen Tisch setzen und verhandeln. "So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen", meint Andresen und ergänzt: "Der Lebensmitteleinzelhandel setzt durch seine Marktmacht den Markt unter Druck. Aber der Landwirt hat keine Marktmacht und kann dem nichts entgegensetzen."

Preiserhöhung kommt nicht bei Landwirten an

Nach den zahlreichen Protesten der Landwirte im vergangenen Jahr kommt nun Bewegung in die Preisverhandlung. Lidl hatte Anfang Dezember eingelenkt und den Preis für einige Schweinefleischprodukte um einen Euro angehoben. Der Mehrerlös sollte auch bei LandwirtLucht ankommen. Das sei aber bisher nicht passiert. Auch die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) bestätigt das. Weniger Geld für Fleischbetriebe und mehr Geld für die Landwirte, notfalls auch noch etwas höhere Verbraucherpreise - wenn es nach Landwirt Lucht geht, sind das die Stellschrauben, an denen noch viel getan werden muss.

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Schleswig-Holstein Magazin | 22.12.2020 | 19:30 Uhr

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