Stand: 02.08.2020 15:57 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Schackendorf: Mit Kohle und Dampf durch den Garten

von Christian Wolf

Es zischt, es qualmt, Metall klackert und die Luft riecht nach Kohle und Schwefel. Klar, es geht um eine Dampflokomotive, allerdings nicht um eine große. Was die Mitglieder des Dampf-Bahn-Clubs Holstein e.V. (DBH-C) in Schackendorf (Kreis Segeberg) bei Bad Segeberg auf die Gleise lassen, ist bis ins letzte Detail originalgetreu - allerdings im Maßstab 1:8.

Seit fast 40 Jahren betreibt der Verein auf einem rund 5.000 Quadratmeter großem Gelände sein Schienennetz mit einer Länge von etwa 1,3 Kilometern. Hier können Modellbauer aus ganz Europa ihre bis zu 350 Kilogramm schweren und in jahrelanger Handarbeit gefertigten Dampflokomotiven ausgiebig testen. Die Freude darüber ist fast schon ansteckend. "Das Fahren ist ja nur das i-Tüpfelchen. Aber nach Jahren der Arbeit zu sehen, dass etwas funktioniert, da kommt bei einem das Kind raus und das muss man sich erhalten", freut sich Vereinsmitglied Christian Johansson über sein Hobby.

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Schackendorf: Teststrecke für Miniatur-Dampflloks

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Ruthard Ottmar hat fünf Jahre an seiner Dampflok gebaut und präsentiert sie nun funktionstüchtig in Schackendorf. Die Schienenanlage hat sogar einen 32 Meter langen Tunnel. Video (02:48 min)

Jahrelange Arbeit und Planung

Für Ruthard Ottmar ist es heute ein ganz besonderer Tag. Nach knapp fünf Jahren Arbeit will der 77 Jahre alte Flensburger endlich seine preußische T12 Dampflok ausprobieren. "Das Original ist 1912 zum ersten Mal gefahren. Ich habe mir unter den vielen Dampflokomotiven diese ausgesucht, weil sie mir einfach optisch gefällt", erklärt Ruthar Ottmar. Für den Nachbau ist er vor Jahren nach Berlin gefahren. Dort steht noch eine betriebsbereite T12, von der der 77-Jährige etliche Fotos machte. Bei seiner Arbeit hat ihm auch die gute Dokumentation für dieses Modell geholfen: "In Nürnberg beim DB Museum gab es noch gut erhaltene Zeichnungen, die aber nicht komplett waren." Es ist nicht die erste Lok, des pensionierten Feuerwehrmanns. "Angefangen habe ich so vor 18 Jahren. Die preußische T3 hab ich als erstes gebaut. Jetzt kam halt dieses Projekt dazu."

Treffpunkt für Modellbauer aus ganz Europa

Die erste Ausfahrt der Dampflok von Ruthard Ottmar hat Freunde und Modellbaubegeisterte aus den Niederlanden und Schweden angelockt. Einer von Ihnen ist Michiel van Gremberghe. Seit etwa einer Woche campt der 47-Jähirge Unternehmer aus Breda an der belgischen Grenze mit seiner Familie auf dem Vereinsgelände: "Es ist einfach schön hier, die Leute sind alle nett und in Holland gibt es nicht solche Bahnstrecken. Da kann man nur im Kreis fahren." In Schackendorf ist das ganz anders. Es gibt eine Brücke über einen Teich, dutzende Weichen, die von einem Weichenhaus aus elektrischen bedient werden können, wie auch die Signale. Vor ein paar Jahren haben die Mitglieder vom DBH-C auch noch einen Lokschuppen samt Drehscheibe gebaut und einen 32 Meter langen Tunnel. "Wir sagen immer, das ist der nördlichste Eisenbahntunnel Deutschlands", erklärt Vereinsmitglied Christian Johansson grinsend.

Modernste Technik hilft beim Bau

Langsam wird es ernst für Ruthard Ottmar. Seine preußische T12 soll zum ersten mal laufen. Damit der Druck aufgebaut werden kann, muss der Kessel angefeuert werden. "Wir bei einer echten Lok benutzen wir dafür Kohle. Das Feuer erhitzt Wasser und mit dem Dampf wird die Lok angetrieben", erklärt der Flensburger. Bevor er das Streckennetz abfahren kann, muss aber noch ein wenig hier und da geölt werden.

Dann kommt der große Moment und die Modelleisenbahn setzt sich unter dem Jubel der Freunde und Vereinsmitglieder das erste Mal in Bewegung. "Das ist immer ein schöner Moment. Es steckt ja viel Arbeit drin. Toll das es so geklappt hat", sagt Ruthard Ottmar nach den ersten Runden. Für ihn ist der Bau auch eine Reminiszenz daran, mit welch einfachen Mitteln früher technische Entwicklungen errungen wurde: "Das ist heute ja ganz anders. Beispielsweise kommen die Räder aus dem 3D-Drucker. Aber auch Lasertechnik und moderne CNC-Fräsmaschinen vereinfachen unsere Arbeit deutlich."

Besucher sind willkommen

Der Modellbau in diesem Maßstab ist aber nicht nur zeitintensiv, sondern auch relativ kostspielig. "Rein vom Materialwert habe ich in das Projekt so 7.000 bis 8.000 Euro investiert. Die ganzen Arbeitsstunden sind natürlich nicht eingerechnet", erklärt Ruthard Ottmar. Er schätzt, dass eine industriell gefertigte Modell-Dampflok um die 30.000 Euro kosten könnte.

Auch wenn solche Summen viele vielleicht erst einmal abschrecken, kann sich dennoch jeder selbst ein Bild von der Faszination dieses Hobbys machen. An jedem ersten Sonntag im Monat bietet der DBH-C Fahrtage an. Dann können Besucher sich auf einen extra dafür angefertigten Waggon setzen und eine Runde drehen. "Es wird kein Eintritt erhoben, keine Gebühr, kein gar nichts", erklärt Vereinsmitglied Christian Johansson. Im Moment finden diese Fahrten wegen der Corona-Pandemie allerdings nicht statt. Einmal jährlich verlangt der Verein dann allerdings doch einen Eintritt, beim internationalen Treffen. Dann kommen Modellbauer aus fast ganz Nordeuropa nach Schackendorf bei Bad Segeberg und fahren tagelang mit dutzenden liebevoll gebauten Dampflokomotiven durch den Garten.

 

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 02.08.2020 | 19:30 Uhr

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