Stand: 08.08.2014 18:30 Uhr

SIG-Sauer-Mitarbeitern droht Jobverlust

von Matthias Friedrichsen, Jan Strozyk, Volkmar Kabisch
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Die Waffenfirma SIG Sauer in Eckernförde hat wirtschaftliche Probleme.

Die wirtschaftliche Situation des Waffenproduzenten SIG Sauer hat sich offenbar weiter verschlechtert. Nun befürchtet die Gewerkschaft IG Metall sogar, dass einigen der rund 150 Angestellten in Eckernförde die Kündigung droht. SIG Sauer kämpfte in der Vergangenheit ohnehin mit einem Auftragsrückgang.

Recherchen von NDR, WDR und der "Süddeutschen Zeitung" hatten ergeben, dass die Firma zwischen 2009 und 2011 im großen Stile Pistolen ohne Ausfuhrgenehmigung in das Bürgerkriegsland Kolumbien gebracht hatte. Im Zuge der Berichterstattung eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen SIG Sauer, die Bundesregierung hatte zudem vor einigen Wochen alle Ausfuhranträge von SIG Sauer gestoppt.

Arbeitsagentur hat Kurzarbeit abgelehnt

Die Unternehmensleitung hat daher bei der zuständigen Arbeitsagentur in Neumünster Kurzarbeit beantragt - was allerdings abgelehnt wurde, wie der Gewerkschaftssekretär Jens Karp von der IG Metall Rendsburg zu NDR 1 Welle Nord sagte. Aus Unternehmenskreisen dringen sogar Gerüchte, nach denen der Standort Eckernförde komplett geschlossen werden könnte.

Probleme von SIG Sauer sind selbst verschuldet

Der Grund für die Ablehnung der Kurzarbeit ist offenbar, dass die Arbeitsagentur die Probleme bei SIG Sauer als vom Management selbst verschuldet sieht. Lohnausfälle durch Kurzarbeit werden in Deutschland nur dann durch die Sozialkassen ausgeglichen, wenn das betroffene Unternehmen unverschuldet unter Druck geraten ist: zum Beispiel bei einer schwächelnden Konjunktur wie zuletzt in der Wirtschaftskrise.

Im Klartext bedeutet die Ablehnung der Kurzarbeit also, dass die Arbeitsagentur bei SIG Sauer von Fehlern des Managements ausgeht: Der Konzern hat sich durch seine illegalen Geschäfte allein an den Rand der wirtschaftlichen Existenz manövriert - und muss das nun auch ohne staatliche Hilfe ausstehen. Was das für die rund 150 Mitarbeiter in Eckernförde langfristig bedeutet, ist unklar. SIG Sauer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Schon 2007 sind Waffen nach Kolumbien gegangen

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Pistolen von SIG Sauer sind in Kolumbien im Einsatz. Sie stammen offensichtlich aus Deutschland.

In der Zwischenzeit belegen neue Unterlagen, dass der nicht genehmigte Dreieckshandel zwischen Eckernförde, den USA und Kolumbien bereits 2007 begonnen hat. Das geht unter anderem aus einer Datenbank von US-Regierungsaufträgen hervor. In einem der Einträge ist zu lesen, dass die US-Armee über eine Unterabteilung für Militärausrüstung im Frühjahr 2007 Waffen im Wert von 2,13 Millionen US-Dollar bei SIG Sauer USA bestellt hat. Waffen, die nachweislich aus deutscher Produktion stammten und auch so in den Dokumenten deklariert werden. Im Feld "Land der Produktherkunft" steht "Germany", in einem anderen Feld sind die Waffen als "FMS for government of Columbia" gekennzeichnet. FMS ist die Abkürzung für "Foreign Military Sales", also ausländische Militärverkäufe.

Keine Exportgenehmigung für Kolumbien

Das Dokument belegt also eindeutig, dass innerhalb der US-Behörden bekannt war, dass deutsche Pistolen über die USA nach Kolumbien verschifft worden sind. Laut dem zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gab es für die in Eckernförde hergestellten Kleinwaffen allerdings weder 2007 noch zu einem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 14 Jahren eine Exportgenehmigung nach Kolumbien, wo die Regierung seit Jahrzehnten in einem bewaffneten Konflikt mit Rebellen kämpft.

Bislang hatte SIG Sauer Deutschland behauptet, man habe keine Kenntnisse davon, dass der eigene US-Ableger überhaupt Waffen weiter nach Kolumbien geschickt hat. Nach den neuen Erkenntnissen wirkt diese Aussage noch zweifelhafter, zumal in den Eckernförder Büros offensichtlich ein Vertrag zwischen der US-Armee und SIG Sauer USA aus dem Jahr 2009 vorlag. Darin ist unter anderem der Zielort der Pistolen angegeben: Bogota, Columbia. Sogar spanische Bedienungsanleitungen haben die Mitarbeiter in Deutschland mit in die Lieferung gepackt.

Auch Scharfschützengewehre wurden geliefert

Das Geschäft mit den illegal exportierten Pistolen war der Eckernförder Waffenschmiede aber offenbar nicht genug. Der "Spiegel" berichtete kürzlich über den Verdacht, dass auch Scharfschützengewehre aus deutscher Produktion an die kolumbianische Regierung geliefert worden sein sollen. Ein Rechenschaftsbericht der kolumbianischen Polizei, der NDR, WDR und der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt, bestätigt nun, dass bereits vor Jahren mindestens 20 Stück des Scharfschützengewehrs vom Typ SSG 3000 nach Kolumbien verschifft worden sind. Das Gewehr wird nach Aussage von SIG Sauer ausschließlich in Eckernförde produziert, auch hier liegt laut BAFA keine Exportgenehmigung vor. Wie es in den Besitz der kolumbianischen Polizei gelangt ist, dafür interessiert sich jetzt offenbar auch die Staatsanwaltschaft Kiel. SIG Sauer äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Gewehren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 08.08.2014 | 18:30 Uhr

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