Stand: 16.07.2020 05:00 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Rost von seiner schönen Seite

von Thomas Kahlcke

Eine kleine Seitenstraße im idyllischen Lübecker Stadtteil Schlutup. Oben auf einem Hügel läutet gerade die Kirchenglocke; unten am Hügel hat sich Winni Schaak ein malerisches Wohn- und Arbeitsanwesen ausgebaut. Eine alte Bäckerei hat er in ein riesiges Wohnhaus verwandelt, das alte Fischerhäuschen nebenan wurde zum Atelier. Hinten im Garten gackern Hühner hinter Stockrosen und Löwenmäulchen. Aber aus den offen stehenden Fenstern der Werkstatt klingt es ganz anders. Ein ohrenbetäubender Lärm beweist: Winni Schaak ist bei der Arbeit.

Zu Besuch beim Schrotthändler

Schleswig-Holstein Magazin -

Beim Schrotthandel geht es nicht nur darum, aus Schrott Geld zu machen, sondern vor allem recyceltes Material. Bis dahin ist es allerdings ein aufwendiger Prozess.

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Der erste Blick täuscht

Schon bevor man das Atelier betritt, ist zu sehen, was an diesem Ort hergestellt wird: Das Haus ist umstellt von rostigen Stahlskulpturen. Sie sind bis zu drei Meter hoch, haben kaum gerade Kanten, rechte Winkel oder ebene Flächen. Es sind abstrakte Formen. Viele haben eine kompliziert verdrehte Öffnung, so dass man durch sie hindurchsehen kann. Auf den ersten Blick wirken die Formen einfach, aber wer um sie herum geht, entdeckt immer neue Seiten. In ihrem rotbraunen Rostmantel sehen die Objekte aus, als seien sie aus einem Stück geschlagen oder gegossen. Aber das sind sie nicht. Im Gegenteil: Beim Atelierbesuch ist zu erleben, wie aufwendig Winni Schaaks Skulpturen entstehen.

Metallhandwerk liegt in der Familie

Der Lübecker hat eine besondere Beziehung zu Metall. Das hängt mit seiner Familiengeschichte zusammen. „Mein Onkel war Schmied, mein Großvater war Schmied, mein Urgroßvater war Schmied“, erzählt Winni Schaak, der aus Kropp im Kreis Schleswig-Flensburg stammt. „Das Schmiedehandwerk hat mich immer sehr fasziniert. Ich war als Kind immer in der Werkstatt meines Onkels, weil die Werkstatt direkt nebenan von unserem Wohnhaus war.“ Schließlich hat Schaak bei seinem Onkel selbst das Handwerk gelernt. Er ist sogar Schmiede- und Schlossermeister.

Nach zwei Meisterprüfungen ging es noch an die Uni

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Nachdem Schaak in zwei Gewerken einen Meisterbrief in der Tasche hatte, schloss er noch ein Kunststudium ab. So kann der 62-Jährige seine Skulpturen von der Idee über die Gestaltung bis zur Ausführung komplett selbst anfertigen. Dafür hat er sich ein ideales Atelier eingerichtet. Das ehemalige Fischerhäuschen wurde komplett entkernt. Im riesigen Hauptraum sieht man einen schweren Kran, Schweißgerät und Werkzeuge, halbfertige Skulpturen und Unmengen an Metallplatten. Mittendrin: der Künstler. Nicht wuchtig und muskelbepackt, wie man sich vielleicht einen Schmied vorstellt, sondern drahtig und sportlich.

Die Arbeit ist schwer und laut

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Rost-Kunst aus Eisen und Stahl

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Im Lübecker Stadtteil Schlutup lebt der Bildhauer Winni Schaak. Für ihn ist Rost nicht nur eine chemische Reaktion, sondern ein ästhetisches Stilmittel seiner Kunst. Video (03:07 min)

Beim Herstellen seiner Skulpturen profitiert Winni Schaak von seinen jahrzehntelangen Erfahrungen im Umgang mit Metall. Am liebsten arbeitet er mit dicken, schweren Platten aus sogenanntem Corten-Stahl. Gerade wuchtet er einen etwa 150 cm großen Rohbau auf einen Arbeitstisch. Krachend fällt das Gebilde aus zusammengelöteten Metallplatten auf das Holz. Schaak setzt sich Atemmaske, Schutzbrille und Gehörschutz auf und wirft die Flex an. Unter kreischendem Lärm sägt er eine überstehende Kante ab. Millimeter für Millimeter frisst sich die Trennscheibe durch das Metall. Funken fliegen, Metallstaub sammelt sich zentimeterdick auf dem Boden. Dann schleift der Künstler die Grate und die Lötstellen so lange ab, bis die ersten Kanten glatt und die Flächen plan sind.

Rost veredelt Kunst

Man ahnt schon die Form, die am Ende dabei herauskommen wird. Aber noch klaffen Spalten zwischen den einzelnen Metallplatten. Noch sind dort, wo sie zusammengelötet wurden, Hubbel zu sehen. Und noch glänzt die zukünftige Skulptur in metallischem Silber. Aber wenn sie fertig ist und draußen steht, wird die Witterung ihr die erwünschte Färbung geben. Corten-Stahl rostet nur an der Oberfläche, der Rostmantel schützt das Metall davor, weiter zu korrodieren.

Skulpturen stehen im ganzen Norden

So kennt man Winni Schaaks Objekte im ganzen Norden im öffentlichen Raum: Sie stehen in seinem Heimatort Kropp und in Elmshorn, in Rantum auf Sylt und in Schleswig, in Hamburg und ganz in der Nähe seines Ateliers: auf dem Marktplatz in Lübeck-Schlutup. Sie alle sind aus Corten-Stahlplatten zusammengesetzt. Sie alle wirken, als seien sie aus einem Guss. Und alle sind mit edlem Rost überzogen. „Ich mag den Rostton sehr, sehr gerne“, sagt Winni Schaak. „Sobald ich ihn sehe in der Natur, mit dem Grün zusammen, habe ich das Gefühl, das ist das i-Tüpfelchen: Besser geht’s nicht!“

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 16.07.2020 | 19:30 Uhr

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