Stand: 31.12.2018 10:00 Uhr

Regisseurin Renninger: Heimat-Filme aus Glücksburg

von Cassandra Arden

In Berlin ist sie für internationale Produktionen zuständig, in ihrer Heimat Glücksburg im Kreis Schleswig-Flensburg macht sie Filme über die kleinen Dinge des Lebens: Filmemacherin Ann Carolin Renninger. Renninger arbeitet in der Hauptstadt als Produzentin. In letzter Zeit war sie hauptsächlich zuständig für die Filmreihe "CineKino", die auf ARTE gezeigt wird. Dort geht es um europäische Filmkulturen - zum Beispiel in Tschechien, Großbritannien oder Belgien. Renninger hat aber auch ihre eigene Produktionsfirma gegründet. Und gemeinsam mit ihrem Partner hat die 39-Jährige schon zwei Filme über Menschen in ihrer Heimatstadt Glücksburg gedreht.

Ann Carolin Renninger verwirklicht Heimat-Träume

Filme über die Heimat und ihre Menschen

Diese Filme sind ganz anders als die, die sie in Berlin produziert. Sie drehen sich um nur einen Menschen, sind experimentell und künstlerisch. Renninger erzählt gern von Menschen, die sie kennt. In einer Umgebung, in der sie sich auskennt. "Ich habe gemerkt, dass es einfach eine andere Qualität hat, etwas zu erzählen, was einem vertraut ist", sagt sie. Natürlich könne sie nach China gehen und dort eine Geschichte erzählen. "Aber ich hatte immer das Gefühl: Was habe ich da zu suchen?" Stattdessen zog es sie in die Heimat.

Portrait über geistig behinderten Künstler

Und so handelt ihre erste Produktion in Glücksburg, bei der ihr Lebensgefährte René Frölke Regie führte, von Jürgen Stenzel, einem Toilettenhäuschen putzenden Künstler am Strand des Stadtteils Sandwig. "Jürgen saß vor den Toiletten und hat Bilder gemalt, ziemlich fantastische, mit Filzstift. Und wir haben uns gefragt, wie er da hingekommen ist, was dahinter steckt", sagt Renninger. Und so entstand ein Portrait über den geistig behinderten Künstler, der gerne mit den Touristen schnackt, die er an seinem Klo-Häuschen trifft. In Glücksburg kennt fast jeder Jürgen Stenzel, aber nur Renninger hat ihn zur Hauptfigur in einem Film gemacht. 2010 gewann der Film, der eine Biografie nicht nur von Stenzel, sondern seiner gesamten Familie ist, den "ARTE"- Dokumentarfilmpreis.

Entdeckungsreise zum Supermarkt

Das Interesse an Menschen und Dingen, die andere häufig übersehen, sei es, was Ann Carolin Renninger ausmacht, sagt ihre ältere Schwester Isabel: "Meine Schwester interessiert sich für den anderen Blick, für die Pausen und für die verlorenen Dinge. Sie interessiert sich für alles, was andere nicht wahrnehmen." Und so kommt es immer wieder vor, dass Ann Carolin Renninger zu Fuß einkaufen geht, wenn sie ihre Schwester besucht. Um auf eine kleine Entdeckungsreise zu gehen. "Auf die Idee ohne Auto würde ich gar nicht mehr kommen", sagt Schwester Isabel.

Warten, warten und warten mit Willi

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Die Filmemacher warteten mit Willi auf das richtige Licht. Und Willy wartete, dass der Tag verstreicht.

Renninger kam auch auf die Idee, einen Dokumentarfilm über einen 90 Jahre alten Landwirt zu drehen, den sie aus ihrer Kindheit kannte. "Es war die Erinnerung an das Gefühl, das ich als Kind hatte, wenn ich auf dem Hof war. Diesem Gefühl wollte ich auf die Spur gehen", erzählt die Filmemacherin über die Anfänge von "Aus einem Jahr der Nichtereignisse". Ein Jahr lang besuchten Renninger und Frölke den alten Bauern Willi immer wieder, machten Aufnahmen in alten Filmformaten - Super-Acht und 16-Millimeter.

Zeit und Ruhe sind entscheidende Elemente des Films. "Im Prozess des Filmemachens war viel Langsamkeit. Die Zeit mit Willi zu verbringen, war für mich eine meditative Zeit", sagt Renninger. Der 90-Jährige habe eine bestimmte Lebenshaltung und eine bestimmte Art, den Tag zu erwarten und abzuwarten. "Es ging viel ums Warten. Warten, dass das Licht wieder kommt. Warten, dass sich eine Szene wiederholt. Und Willi wartete, dass der Tag verstreicht", berichtet Renninger.

Die Filmemacherin wartete mit, gerne. Der Film sei deswegen "eine total authentische Arbeit", findet Schwester Isabel, "weil ich meine Schwester so kenne. Gerade der Film über Willi zeigt etwas, was meine Schwester in ihrem Leben feiert." Oft war Ann Carolin Renniger auch einfach nur so bei Willi. Nicht um zu drehen, sondern um ihn zu besuchen. "Da hat sich eine richtige Freundschaft entwickelt", sagt ihre Schwester.

Renninger hat "ständig Heimweh"

Es ist schwer zu glauben, dass diese in sich ruhende Frau, die die Stille mag und bewundert, seit zehn Jahren in Berlin lebt. Eine Heimat auf Zeit? "Ich habe ständig Heimweh", sagt Renninger. Perspektivisch sei Glücksburg der wichtigere Ort für sie. Die Überlegungen für Film Nummer drei im Ort der Kindheitserinnerungen reifen bereits. "Es kann sein, dass es etwas mit der Ostsee wird", sagt Renninger. "Da bewege ich etwas in mir, aber es ist noch nichts Handfestes."

Die 39-Jährige hat gerade ein Kind bekommen, das stehe momentan im Mittelpunkt. In Berlin. Fest steht aber: Ann Carolin Renninger wird zurückkommen nach Glücksburg. Für den nächsten Film. Und vielleicht irgendwann für immer.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 07.11.2018 | 20:05 Uhr

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