Stand: 11.10.2019 17:36 Uhr

Rechtsmedizin: Realität entlarvt TV-Klischee

von Samir Chawki

Ich denke beim Thema Rechtsmedizin an Ärzte, die mit dem Skalpell Verbrechen aufklären. Als prominentes Beispiel hierfür dient der leicht verschrobene Professor Karl-Friedrich Boerne aus dem Münsteraner Tatort. Ob dieses Klischee der Wahrheit entspricht, werde ich heute bei einem Treffen mit zwei Mitarbeiterinnen des Instituts für Rechtsmedizin in Kiel erfahren. Bereits im Vorfeld ist klar: Eine Leiche werde ich nicht zu sehen bekommen, da dies aus Datenschutzgründen nicht in Frage kommt und ich es auch nicht möchte. Vielmehr möchte ich erfahren, wie der Arbeitsalltag eines Rechtsmediziners abläuft.

Rechtsmediziner: Teamplayer mit Nervenstärke

Pathologen und Rechtsmediziner machen nicht dasselbe

Ich treffe am Eingang des Instituts auf Dr. med. Annika Basner und Sabine Gumpert. Beide sind Fachärztinnen, beide in den Dreißigern und beide haben nichts von den Rechtsmedizinern, die über unsere Bildschirme flimmern. Sie sagen selbst, dass sie ganz normale Leute seien und nicht dem Klischee aus dem Fernsehen entsprächen.

Auf dem Weg ins Büro der Ärztinnen erfahre ich, dass die meisten Leute denken, Pathologen und Rechtsmediziner würden den gleichen Beruf ausüben - das ist falsch. Während Pathologen meist im Labor Gewebeproben untersuchen, haben Rechtsmediziner weitreichendere Aufgaben. "Neben den Obduktionen machen wir auch körperliche Untersuchungen an lebenden Personen. Alle Opfer von Gewalt können zu uns kommen und wir dokumentieren deren Verletzungen. Außerdem machen wir auch Altersbestimmungen und beurteilen, ob Täter schuldfähig sind oder waren", erläutert Sabine Gumpert.

Die beiden Fachärztinnen haben viel zu tun: In Kiel wurden im vergangenen Jahr 469 Obduktionen und 259 körperliche Untersuchungen durchgeführt. Zahlen, die in diesem Jahr wohl übertroffen werden.

Sabine Gumpert und Annika Basner stehen im Saal der Gerichtsmedizin. Vor ihnen liegt ein Tablett mit diversem Obduktionswerkzeug. © NDR Foto: Samir Chawki

"Wir ermitteln nicht wie im Fernsehen"

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Die beiden Fachärztinnen Annika Basner und Sabine Gumpert erklären den Unterschied zwischen richtigen Rechtsmedizinern und denen, die wir aus dem TV kennen.

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In der Realität untersucht ein Arzt eine Leiche nie alleine

Heute obduzieren die beiden Fachärztinnen zu zweit einen jungen Mann. Zu zweit, so erfahre ich schnell, ist wichtig, denn während im TV oft gezeigt wird, wie ein einzelner Arzt den Leichnam untersucht, ist das in der Realität so gesetzlich geregelt. Auch das Feststellen der Todesursache oder gar der Todeszeit gelingt nicht immer so schnell, wie es uns Krimis glauben machen wollen.

Auf dem Weg Richtung Obduktionssaal passieren wir unterschiedliche Labore, denn im Institut finden auch toxikologische und DNS-Untersuchungen statt. Unterwegs frage ich, warum sich die Medizinerinnen für diese Fachrichtung entschieden haben und wie ihr Umfeld darauf reagiert hat. Sabine Gumpert hat schon in jungen Jahren ihr Herz für genau diesen Beruf entdeckt, bereits mit zwölf wollte sie ihn erlernen.

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Die beiden Fachärztinnen Annika Basner (l.) und Sabine Gumpert haben jeweils schon mehr als 1.300 Obduktionen durchgeführt.

"Meine Eltern hatten nach dem Medizinstudium eher gehofft, dass ich Kinderärztin werde, aber mittlerweile finden sie es total okay", erzählt Annika Basner mit einem Lächeln. Beide sind sich einig, dass ihre Profession eine tolle Mischung ist: einerseits etwas Handwerkliches, andererseits aber auch sehr abwechslungsreich durch das Teamwork im Institut mit der Polizei oder der Staatsanwaltschaft.

Ich betrete den Obduktionssaal - eine Leiter verwirrt mich

Vor der Arbeit im Obduktionssaal machen sich Annika Basner und Sabine Gumpert bereit. Sie checken das Diktiergerät, werfen im Vorraum einen blauen Kittel über, ziehen das passende Schuhwerk an, greifen Mundschutz und Handschuhe aus einem Schrank. Es geht bald los.

Endlich betrete ich den leeren Obduktionssaal. Dieser überrascht mich nicht. Er entspricht denen, die ich aus dem Fernsehen kenne: Drei metallene Tische, an deren Kopfende viele verschiedene Instrumente liegen. Zangen, Scheren und Pinzetten in verschiedenen Formen und Längen. Außerdem ist ein Schlauch am Tisch angebracht, der Tisch verfügt über einen Ablauf. Alles wirkt absolut steril.

"Hier ist es so sauber, wir dürften hier sogar operieren", erzählt Sabine Gumpert. Die einzige Überraschung für mich in dem großen Raum ist eine Leiter. "Manchmal müssen wir die Leiche auch von oben fotografieren," sagt Kollegin Annika Basner. Es ist eine der besonderen Aufgaben, die das Berufsbild des Rechtsmediziners mit sich bringt.

Generell kann man zusammenfassen, dass es der Job eines Rechtsmediziners ist, das Geschehen rund um ein Verbrechen zu rekonstruieren und so die Justiz bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Sei es als Experte vor Gericht oder als untersuchender Arzt bei einer Obduktion oder bei Missbrauchsverdachtsfällen. Die Ergebnisse werden dann vom Rechtmediziner so zusammengefasst, dass es für jedermann verständlich ist, nicht nur für Mediziner.

Wichtigstes Werkzeug bei Obduktionen: das Diktiergerät

Die heutige innere Leichenschau ist für die beiden Ärztinnen Routine, sie haben jeweils schon mehr als 1.300 solcher Untersuchungen durchgeführt. Wichtig dabei ist, dass nicht jeder Verstorbene auf ihrem Tisch landet. Untersucht werden nur Verstorbene, deren Obduktion von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben wird. Eine klassische Sektion dauert etwa eineinhalb Stunden, bei Opfern von Verkehrsunfällen oder Stürzen aus großer Höhe kann sie auch mal fünf Stunden in Anspruch nehmen.

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Nicht Schere, Skalpell oder Zange - das Diktiergerät ist für Annika Basner das wichtigste Arbeitsgerät.

Das Prozedere ist immer gleich: Eine Fachärztin untersucht den Leichnam erst von außen und spricht dabei ihren Befund in ihr Diktiergerät. Das, so verrät Annika Basner, ist ihr liebstes Arbeitswerkzeug. Danach folgt die innere Leichenbesichtigung, hier werden immer alle drei Körperhöhlen geöffnet: Brust-, Bauch- und Kopfhöhle. Dabei beschreibt die Ärztin das gerade untersuchte Organ von Zustand und Gewicht bis hin zur Struktur. Am Ende folgt jeweils ein vorläufiges Gutachten.

Auch Rechtsmediziner haben Glücksmomente - zum Beispiel vor Gericht

Bevor der heutige "Patient" in den Saal geschoben wird, möchte ich noch wissen, in welchen Momenten die beiden Frauen in ihrem Beruf glücklich sind. Annika Basner antwortet ohne zu zögern: "Es ist natürlich nicht so wie bei anderen Arztdisziplinen, dass man hier häufig Dank von den Patienten bekommt. Aber ich finde, wenn man vor Gericht den Befund gut dargestellt hat oder eventuell sogar jemanden entlasten kann, dann fühlt sich das schon sehr gut an. Einmal hat sich eine Frau vor Gericht bei mir bedankt. Ich hatte sie nach einem Überfall untersucht und sie war dankbar, wie nett ich das damals gemacht hatte".

Sabine Gumpert erinnert sich ebenfalls an einen besonderen Moment: "Ich habe mal einen Dankesbrief einer Mutter bekommen. Ihre Tochter, das schwarze Schaf der Familie, war verstorben. Nicht wie vermutet an Drogen, sondern an einer inneren Krankheit. Da war die Mutter sehr erleichtert darüber und wollte sich deshalb für meinen Befund bedanken."

Kaum hat die Fachärztin die Worte gesprochen, zieht sie sich ihren Mundschutz über, für mich das Zeichen, dass die nächste Obduktion jetzt beginnt und ich mich entferne. Es wird die 412. in diesem Jahr für das Kieler Institut für Rechtsmedizin sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 11.10.2019 | 20:05 Uhr

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