Protest gegen LNG-Terminal: Gleise und Kanal wieder frei

Stand: 01.08.2021 16:29 Uhr

Das Bündnis "Ende Gelände" hat zum Protest gegen ein geplantes LNG-Terminal in Brunsbüttel aufgerufen. Die Aktionen richteten sich aber vor allem gegen die Chemieunternehmen in der Nachbarschaft.

Die Demonstranten in Brunsbüttel machten am Sonntagmittag auch das letzte von ihnen besetzte Bahngleis wieder frei. Die ganze Nacht hindurch hatten sie die Strecke in einem Industriegebiet im Norden der Stadt Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) blockiert. Weil sie dabei friedlich blieben und niemanden behinderten, ließ die Polizei sie nach Angaben eines Sprechers gewähren. Das Gleis wird ausschließlich für den Gütertransport genutzt, daher fahren dort nicht täglich Züge. Am Vormittag begannen die Demonstranten langsam mit der Räumung. Die Polizei geht nach Angaben eines Sprechers von etwa 100 Personen aus, die sich an der Aktion beteiligt hatten. Eine Sprecherin von "Ende Gelände" sagte NDR Schleswig-Holstein, es seien etwa 300 Menschen gewesen.

Proteste gegen Chemie-Firmen

Seit Sonnabendmorgen sind Hunderte Demonstranten auf den Straßen in und rund um die Kleinstadt unterwegs. Ihr Protest richtet sich nach Angaben der Organisatoren gegen den Plan, auf der Südseite der Stadt an der Elbe das erste deutsche Importterminal für Flüssigerdgas (LNG) zu bauen. Sie fordern aber auch die Abkehr von allen anderen fossilen Energieträgern. Ihre Proteste richteten sich am Sonnabend vor allem gegen Unternehmen aus dem Brunsbüttler Industriegebiet. In mehreren Gruppen - so genannten Fingern - waren die Teilnehmer im weitläufigen Industriegebiet unterwegs und blockierten zeitgleich an verschiedenen Orten Straßen und Schienen. Bis auf vereinzelte Rangeleien mit der Polizei verliefen die Demonstration bis zum Sonntagmittag aber grundsätzlich friedlich, hieß es von Seiten der Polizei. Einzelne Zufahrten ins Industriegebiet sowie zu den Fähren über den Nord-Ostsee-Kanal (NOK), der die Stadt teilt, waren zeitweise gesperrt.

Polizei drängt Kanufahrer ab

Eine kleine Gruppe von Demonstranten legte am Sonnabendnachmittag etwa zwei Stunden lang den Schiffsverkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal lahm. Sie fuhren in Höhe Hochdonn mit Kanus und Kajaks auf der viel befahrenen Wasserstraße. Die Polizei drängte sie mit mehreren Booten zur Seite und brachte einige Kanus und Kajaks zum Umkippen. "Die polizeilichen Maßnahmen waren zwingend erforderlich. Es galt gefahrenabwehrend zu handeln", teilte die Polizei am Abend mit. Ein Sprecher sagte auf Nachfrage, dass die großen Schiffe auf dem Kanal kaum Möglichkeiten hätten, rechtzeitig zu bremsen oder auszuweichen. Nach seinen Angaben wurden gegen die Teilnehmer strafrechtliche Ermittlungsverfahren wegen Nötigung eingeleitet. In der Nacht waren die 15 beteiligten Personen in Gewahrsam.

Sicherheitsdienst wirft mit Steinen

Einen weiteren Zwischenfall gab es am Werkszaun des Chemiekonzerns Yara: Auf einem Video auf Twitter ist zu sehen, wie Männer vom Firmengelände aus Steine über den Zaun werfen. Die Aufnahmen liegen NDR Schleswig-Holstein vor. Eine Sprecherin von Yara teilte auf Nachfrage mit, es handele sich um "das individuelle Fehlverhalten eines einzelnen Mitarbeiters eines externen Dienstleisters". Der Mitarbeiter wurde nach Angaben von Yara unmittelbar nach dem Vorfall abgezogen und von seinen Aufgaben entbunden. "Das Verhalten dieses externen Mitarbeiters, so wie es in dem Video zu sehen war, entspricht in keiner Weise den Richtlinien unseres Unternehmens", hieß es von der Firma, die in Brunsbüttel Ammoniak und Harnstoff produziert. Die Kriminalpolizei Itzehoe ermittelt in der Sache und bittet Geschädigte und Zeugen, sich zu melden.

VIDEO: Demonstration in Brunsbüttel: Werkschutz schmeißt Steine (1 Min)

Unternehmen verstärken Sicherheitsmaßnahmen

Insgesamt waren sechs Demonstrationen und Kundgebungen in und rund um Brunsbüttel angemeldet. Neben dem Bündnis "Ende Gelände" hatten mehrere Bürgerinitiativen, Umweltschutzorganisationen, Klimagruppen - darunter die Fridays-for-Future-Bewegung - und weitere Jugendverbände dazu aufgerufen.

In der Vergangenheit hatten sich Teilnehmer unter anderem an Toren oder Zäunen angekettet. Die Betriebe im Brunsbütteler Industriegebiet haben vorab nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein ihre Schutzmaßnahmen erhöht. Sie befürchten, dass Demonstranten in die Unternehmen eindringen und versuchen könnten, den Betrieb lahmzulegen.

Die Polizei ist nach eigenen Angaben mit mehreren Hundert Polizisten aus Schleswig-Holstein, anderen Bundesländern sowie von der Bundespolizei im Einsatz. Vor Ort waren unter anderem Polizeiwagen aus Nordrhein-Westfalen und Thüringen zu sehen. Über den Industrieanlagen kreiste stundenlang ein Hubschrauber.

Menschen demonstrieren auf einer Straße.  Foto: Karsten Schröder
Die ersten Demonstranten waren am Vormittag aus dem Camp gestartet.
Forderung: Kein Bau eines LNG-Terminals

Nach eigenen Angaben waren bereits am Freitag rund 2.000 Teilnehmer in der Kleinstadt eingetroffen, die an der Demonstration gegen das geplante Terminal für Flüssig-Erdgas teilnehmen wollen. Am Freitagmorgen hatten die Veranstalter in den Sozialen Medien gebeten, nicht mehr anzureisen - nach eigenen Angaben ist das Camp schon voll. Die Polizei vor Ort hatte am Freitagnachmittag von etwa 1.000 Teilnehmern gesprochen. Sie übernachten im sogenannten Klima-Camp im Brunsbütteler Bürgerpark. Nach Angaben des Kreises Dithmarschen wurde die Versammlung dort bis einschließlich Montag angemeldet. Das Bündnis "Ende Gelände" fordert in Brunsbüttel vor allem einen sofortigen Gas-Ausstieg. Die Begründung: Erdgas stoße neben CO2 auch noch klimaschädlicheres Methan-Gas aus.

LNG-Terminal soll Flüssiggas von Schiffen aufnehmen und verteilen

VIDEO: Flüssiges Erdgas - was ist eigentlich LNG? (4 Min)

Das Flüssigerdgas-Terminal soll in der Nähe eines Chemie-Parks in Brunsbüttel entstehen. Das verflüssigte Erdgas, auch LNG (Liquefied Natural Gas) genannt, soll nach den Vorstellungen der Firma German LNG Terminal per Schiff angelandet und über das Terminal verteilt werden - unter anderem an Schiffe, aber auch an Industrieunternehmen und ins Erdgasnetz.

Betreiber will Austausch mit Interessierten - und Kritikern

Eine Sprecherin von German LNG Terminal teilte auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein schriftlich mit: "Die German LNG Terminal GmbH steht seit Beginn an für einen Austausch mit allen Interessierten (…) - auch mit Kritikern (…), und wir rufen jeden auf, sich daran konstruktiv zu beteiligen. Bereits in der Vergangenheit haben wir uns für den Austausch mit unseren Kritikern eingesetzt. (…) Darüber hinaus führen wir Informations- und Diskussionsveranstaltungen zu unseren Plänen für ein Terminal in Brunsbüttel auf lokaler Ebene und darüber hinaus durch."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 31.07.2021 | 19:30 Uhr

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