Stand: 27.01.2020 18:30 Uhr

Prien in Auschwitz: "Das schulden wir den Überlebenden"

Karin Prien, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein.
Für Schleswig-Holstein war Bildungsministerin Karin Prien bei den Gedenkfeiern in Auschwitz. (Archivfoto)

Vor 75 Jahren wurde das nationalsozialistische Vernichtungslager Auschwitz befreit. Als Vertreterin Schleswig-Holsteins ist Bildungsministerin Karin Prien (CDU) in das ehemalige Konzentrationslager im heutigen Polen gereist, um an den internationalen Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag teilzunehmen. Am Rande der Veranstaltung erzählt sie im Interview mit NDR Schleswig-Holstein, welche Wichtigkeit die Erinnerung an das Grauen im Nationalsozialismus hat und was die Schule gegen das Vergessen machen kann.

Welche Bedeutung haben die Feierlichkeiten für Sie und im Allgemeinen?

Unabhängig davon, was es für mich persönlich bedeutet, nehme ich den Termin in Vertretung des Ministerpräsidenten (Daniel Günther, Anm.d.Red.). Und es ist ein Teil der historischen Verantwortung, und auch das, was wir den Opfern und ihren Nachfahren schulden: Dass wir nach Auschwitz gehen, um uns da gemeinsam zu erinnern. Und vor allem den wenigen Überlebenden, die es altersbedingt noch gibt, auch zuhören an einem solchen Tag.

Was glauben Sie ist nötig, damit auch in Zukunft nicht vergessen wird?

Es geht ja am Ende auch darum, die Lehren daraus zu ziehen und vor allem jungen Menschen zu vermitteln, wie es zu einem solchen Zivilisationsbruch kommen konnte. Da geht es einmal um einen guten Geschichtsunterricht, der das Thema angemessen und auch dieser neuen Generation entsprechend behandelt. Aber es geht auch darum, deutlich zu machen, dass Auschwitz und die grauenhaften Verbrechen nicht erst in den Viehwaggons und an der Rampe in Auschwitz begonnen haben, sondern mit der schleichenden Entmenschlichung und der Tatsache, dass man den Menschen sukzessive ihr Eigentum, ihre Rechte und ihre Würde genommen hat. Und das erreicht man durch eine beständige Erziehung zur Empathie, indem man jungen Menschen klarmacht, welche Bedeutung Grundrechte, Freiheitsrechte, Menschenrechte haben. Dass man sich eben niemals einer kollektiven Ideologie unterwerfen darf, die das Kollektiv über den Einzelnen stellt.

Wie wichtig ist dieser Gedenktag?

Das ist immer ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite darf Gedenken nicht zum Ritual werden. Auf der anderen Seite tun wir gut daran, uns immer einen festen Tag vorzunehmen, an dem wir jeweils der Zeit, der Generation entsprechend und deshalb auch sich verändernd an die NS-Gewaltherrschaft und an das Grauen, die Shoa, erinnern. Insofern: Ja, wir brauchen einen solchen Gedenktag, an dem wir uns in ganz besonderen Maße mit unserer historischen Verantwortung und dem, was geschehen ist, beschäftigen. Aber die Wahrheit ist natürlich, dass wir 365 Tage im Jahr darauf hinarbeiten müssen, dass sich so etwas nie wieder wiederholen kann.

Mit welchem Gefühl sind Sie zur Gedenkveranstaltung gefahren?

Das ist für mich ein schwerer Gang. Ich selbst habe jüdische Wurzeln und große Teile meiner Familie sind während des Holocaust umgekommen. Insofern ist es schwierig. Gerade wenn man sich im Vorfeld eines solchen Besuches intensiv mit Zeitzeugen unterhält, was ich am Samstag getan habe, oder sich mit den historischen Dokumenten beschäftigt, dann bleibt einem die Sprache weg. Und es bleiben schwierige Emotionen, viele Tränen und auch Sprachlosigkeit, wie sie merken.

Das Gespräch führte Cassandra Arden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.01.2020 | 17:00 Uhr

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