Stand: 19.03.2020 21:02 Uhr

Plötzlich eingesperrt - Quarantäne in Handewitt

Zwei Kinder, eine Lehrkraft, sowie weitere Erwachsene aus dem Umfeld mehrerer Schulen haben sich im Raum Handewitt im Kreis Schleswig-Flensburg mit dem Coronavirus infiziert. Deshalb stehen bis zum 25. März insgesamt 1.100 Schüler, Lehrer, Betreuer, Geschwister und Eltern unter Quarantäne. Betroffen sind alle Haushalte mit Kindern an den Grundschulen Handewitt und Jarplund sowie der dänischen Schule Großenwiehe. Einer von ihnen ist auch auch unser Reporter Peer-Axel Kroeske. Ein Erfahrungsbericht.

Dienstagmittag: Im Home-Office recherchiere ich gerade zum aktuellen Corona-Stand, als das Handy vibriert. Es ist eine Nachricht aus der Messenger-Klassengruppe, die auf die Homepage der Siegfried-Lenz-Schule verweist. Dort steht in wenigen Sätzen, dass sämtliche Schüler, Eltern, Lehrer und Betreuer ab sofort für zwei Wochen in Quarantäne sind. Wir alle gelten jetzt als Kontaktpersonen ersten Grades. Wie jetzt? Wirklich? Die Kinder spielen gerade draußen...

Plötzlich ist vor der Haustür Schluss

Noch am Wochenende war es aufregend: Erst schlossen die Dänen die Grenzen für den Freizeitverkehr, dann die Deutschen. Das bedeutete für mich: Live-Schalten im Stundentakt von der A7 in Ellund und das merkwürdige Gefühl, dass der erreichbare Teil der Welt ein paar Kilometer nördlich aufhört. Seit Dienstag ist dieser Bereich noch einmal deutlich geschrumpft: Plötzlich ist direkt vor der Haustür Schluss. Dürfen wir eigentlich noch die Mülltonne an die Straße bringen?

Bestandsaufnahme in der Vorratskammer

Dann geht es um die wichtigste Frage: das Essen. Meine Frau hatte schon etwas mehr als sonst eingekauft. Der Kühlschrank ist voll. Doch mit 14 Tagen Quarantäne, von der wir zunächst ausgehen, haben wir nicht gerechnet. Wir sind ja alle symptomfrei. Wenn sich etwas angebahnt hätte, wäre immer noch Zeit gewesen, Vorräte anzulegen. Doch die Quarantäne gilt ab sofort. Kurze Bestandsaufnahme: Es ist genug zu essen da. Milch, Joghurt, Müsli oder Obst müssten wir uns aber stark einteilen, wenn kein Einkauf mehr möglich wäre.

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Leere Straßen in Handewitt. © Oliver Schwandt Foto: Oliver Schwandt

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1.100 Menschen sind im Raum Handewitt unter Quarantäne, dürfen Haus und Garten nicht mehr verlassen. Einer von ihnen ist auch unser Reporter Peer-Axel Kroeske. Bildergalerie

Hilfe vom Einkaufen bis zum Gassigehen

Das Schöne: Sofort bieten ein Dutzend Freunde und Kollegen Hilfe an. Auf Facebook gewinnt die neue Gruppe "Coronahilfe Gemeinde Handewitt" mehr als 200 Mitglieder. Andrea Jansen hat sie ins Leben gerufen. Sie ist selbst Mutter von zwei Kindern, die aber noch nicht schulpflichtig sind, und ist deshalb nicht von der Quarantäne betroffen. Sie berichtet, viele Handewitter scheuten sich noch, Hilfe anzunehmen. So geht es uns zunächst auch. Man will ja eigentlich niemanden mit Sonderwünschen belasten. Für einen netten Freund und Nachbarn schreiben wir dann aber doch einen Einkaufszettel.

Vorsichtsmaßnahmen bei der Lieferung

Mittlerweile bietet ein Supermarkt für den Ortsteil Jarplund kostenlose Lieferung an. Damit werben auch Restaurants, in einem Fall sogar zu reduzierten Preisen. Ohne den Bringdienst müssten sie ihre Küchen schließen. Weitere Hilfsangebote kommen laufend hinzu. Handewitt hält zusammen. Auch die Gemeindeverwaltung ruft zur Nachbarschaftshilfe auf. Im Internet findet sich dazu ein Vordruck, den man den Nachbarn in den Briefkasten stecken kann. Rot umrandet sind wichtige Hinweise: Lieferanten sollten bei der Übergabe mindestens zwei Meter Abstand halten und dürfen kein Bargeld, Einkaufskörbe, Taschen oder Hundeleinen von Personen annehmen, die unter Quarantäne stehen.

Verwirrung um die Dauer: Wie lange eigentlich?

Während wir zu Hause sitzen, lässt der im Internet angekündigte Anruf des Gesundheitsamtes auf sich warten. Einige Eltern haben angeblich vom Gesundheitsamt erfahren, die Zwei-Wochen-Frist hätte vielleicht schon vor einer Woche begonnen haben können. Der letzte Schultag sei schließlich der letzte Tag gewesen, an dem die Kinder mit einer erkrankten Person in Kontakt getreten sein könnten. Die Pressestelle des Kreises Schleswig-Flensburg hatte dazu am Dienstag mitgeteilt, die Frist beginne vermutlich nicht rückwirkend, Details würden aber noch geklärt.

Am Donnerstag ruft dann erstmals ein Mitarbeiter der Behörde bei uns an. Er fragt nach Personen im Haushalt, Geburtsdaten, Arbeitgebern und Symptomen. Und er kann offiziell mitteilen, dass die Frist tatsächlich nur bis zum 25. März gilt. Allerdings drohen empfindliche Strafen, wenn man sich nicht an die Quarantäne hält, heißt es vom Kreis: bis zu 25.000 Euro. Wer jemanden fahrlässig ansteckt, begeht sogar eine Straftat.

"NDR Studio Handewitt" voll in Aktion

Für mich geht die Arbeit am heimischen Schreibtisch unterdessen weiter - wie auch für viele NDR-Kollegen. Im kleinen Heimstudio lassen sich problemlos Live-Gespräche und Beiträge produzieren. Die IT-Kollegen haben zudem die Kapazitäten erweitert, sodass Hunderte Mitarbeiter von zu Hause aus Zugriff auf die relevanten Anwendungen haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.03.2020 | 13:00 Uhr

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