Stand: 08.12.2019 06:00 Uhr

Plattdeutsche Pionierarbeit an der Berufsschule

von Lina Bande

Ein Schaumstoffwürfel fliegt quer durch den Klassenraum, die 16-jährige Lone fängt ihn - und muss überlegen. Auf der oberen Würfelseite steht "slapen", also das plattdeutsche Wort für "schlafen". Das soll sie jetzt konjugieren. "Du... slöpst?", überlegt sie laut und hat recht. Dann wirft sie den Würfel weiter. Unregelmäßige Verben gibt es nun mal auch im Plattdeutschen. Und Grammatik gehört zum Unterricht natürlich dazu. Aber da mache sie immer nur kleine Einheiten, meint Lehrerin Bringfriede Bunte lächelnd. Sie hat dafür gesorgt, dass es seit Beginn des Schuljahres Plattdeutschunterricht am Berufsbildungszentrum in Schleswig gibt.

"Ich möchte, dass meine Muttersprache weiter existiert"

Es ist ein Wahlpflichtkurs für angehende Sozialassistentinnen und -assistenten sowie Erzieherinnen und Erzieher - also für diejenigen, die später mal in Kindergärten arbeiten werden. "Platt för de Lütten" hat Bringfriede Bunte ihr Projekt genannt. "Dat hebb ik mi so överleggt, wiel dat mien Mudderspraak is. Un ik wull gern wat doon, dat dat wieter existiern deiht. Un dat de Lütten ok vun lütt af an leernt, dat dat de Spraak is, de to uns hier un to de Kinners hört." (auf Hochdeutsch: "Das habe ich mir überlegt, weil das meine Muttersprache ist. Ich möchte etwas dafür tun, dass sie weiter existiert. Und dass die Kinder von klein auf lernen, dass das eine Sprache ist, die zu uns und zu den Kindern gehört.")

Seit September gibt es in Schleswig in drei Kursen Plattdeutsch

Zuvor hat die Oberstudienrätin 35 Jahre lang Biologie unterrichtet, in einer Oberstufe eines Gymnasiums. Nach dem Wechsel in die berufliche Bildung wollte Bunte ihre Idee schon am BBZ Rendsburg-Eckernförde umsetzen. "Dat wull man denn aver ni verwirklichen, man harr annern Bedarf." ("Das wollte man dort nicht verwirklichen, weil man anderen Bedarf hatte.") Am Berufsbildungszentrum in Schleswig stieß die Lehrerin dann auf offene Ohren und unterrichtet seit September in drei Kursen Plattdeutsch, mit jeweils fast 30 Schülerinnen und Schülern.

Viele Schüler verstehen die Sprache - sprechen sie aber nicht

Damit ist sie Vorreiterin in Schleswig-Holstein, denn ein vergleichbares Angebot an Berufsschulen gibt es bisher nicht. Gleichzeitig macht das die Unterrichtsvorbereitung sehr aufwendig. "Dor gifft dat keen Vörlagen vör. Un ik mutt mi so wat utdenken, wat Sinn maakt", sagt Bunte. "För Grundschoolen gifft dat jo Material un ok för utwussen Lüüd gifft dat jo Kurse, aver dat is notürli wat anneres." ("Es gibt keine Vorlagen. Ich muss mir ausdenken, was Sinn macht. Für Grundschulen gibt es ja Material und auch für Erwachsene gibt es Kurse, aber das ist etwas anderes.")

Lehrerin Bringfriede Bunte steht hinter einigen Schülern und unterhält sich. © NDR Foto: Lina Bande
Wäre das auch was für den Kindergartenalltag? Bringfriede Bunte überlegt gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern, was man am Memoryspiel noch verbessern könnte.

Zudem musste Bringfriede Bunte erst einmal mit Sprachvermittlung beginnen, denn viele in der Klasse verstehen die Sprache zwar, aber können sie nicht sprechen. Mit Ausspracheübungen, vorlesen und ein bisschen Grammatik führt sie die Schülerinnen und Schüler an ihre Muttersprache ran. Möglichst spielerisch und immer mit dem Fokus darauf, wie die Inhalte später auch bei der Arbeit mit Kindern nützlich sein könnten.

Inhalte aus dem Unterricht sind später auch im Kindergarten nützlich

Deshalb beginnt die Stunde heute mit mehreren Geschichten. "Rudolf mit de roode Nääs" zum Beispiel, passend zur Vorweihnachtszeit. Damit Kindergartenkinder die Geschichte besser verstehen, visualisiert die Gruppe das Geschehen noch mit kleinen Rentierfiguren. Später probieren die Schülerinnen und Schüler Memoryspiele aus. Die haben sie selbst entworfen. Nun testen sie, ob sich diese auch für Kindergartenkinder eignen. Und nebenbei wächst so der Wortschatz der angehenden Pädagoginnen und Pädagogen - denn das "Voss" das plattdeutsche Wort für "Fuchs" ist, wussten die meisten vorher nicht.

Schülerin: "Es ist wichtig, dass Kinder das wieder lernen"

Die 18-jährige Michelle hat schon Ideen, was sie im Praktikum mal ausprobieren möchte: "Wenn man ein Bilderbuch anguckt, dass man dann erst auf Hochdeutsch sagt: 'Das ist eine Zunge.' Und dass man dann auf Plattdeutsch nochmal sagt: 'Das ist eine lange Licker.'" Sie arbeitet darauf hin, bald fließend Platt zu schnacken. "Ich finde es schade, dass die Sprache langsam ausstirbt. Deshalb finde ich es wichtig, dass gerade Kinder das wieder lernen und dann weitergeben können."

An einer Tafel stehen verschiedene Verben auf plattdeutsch, daneben einige Pronomen. © NDR Foto: Lina Bande

AUDIO: Plattdüütsch in de Beroopsschool (4 Min)

Ihre Klassenkameradin Lone stimmt ihr da zu - und weil alles neu sei, bringe es auch echt viel Spaß, so die 16-Jährige. "Man hört es halt doch immer mal und ich finde, das ist eine coole Sprache und die gehört zu uns Norddeutschen irgendwie so dazu."

Vorbildfunktion für andere Schulen?

Mit ihrem Feedback helfen die angehenden Pädagogen wiederum Bringfriede Bunte dabei, guten Unterricht zu entwickeln. "Ik glööv, oogenblicklich is dat villich so'n beten as Vörbild. Ik hoff, dat sik dat’n beten breeter opstellen deit un noch anner' Schoolen dat opgriepen dot. Wür‘ mi ganz dull freien." ("Ich glaube, im Moment dient das so ein bisschen als Vorbild. Ich hoffe, dass auch andere Schulen das aufgreifen und sich breiter aufstellen.") Und wenn andere Lehrerinnen und Lehrer da Anregungen brauchen, steht Bringfriede Bunte sicherlich als Ansprechpartnerin parat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 05.12.2019 | 20:10 Uhr

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