Stand: 21.01.2020 05:00 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Pflege im Krankenhaus: "Die Lage ist sehr schlimm"

Im Städtischen Krankenhaus Kiel herrscht Pflege-Notstand - wie in den meisten anderen Kliniken im Land auch. Es fehlen Arbeitskräfte, es gibt viele Ausfälle. Die Folge: Die Pflegekräfte können sich nicht mehr so um die Patienten kümmern, wie sie es gelernt haben und sich wünschen. Im Interview mit NDR Schleswig-Holstein erklärt Pflegedirektorin Sabine Schmidt, wie sie die Situation einschätzt und wie sie damit umgeht.

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Personal gewinnen, Ausfallpläne entwickeln - das unter anderem ist der Job von Sabine Schmidt, Pflegedirektorin des Städtischen Krankenhauses Kiel.

Frau Schmidt, der große Mangel an Fachkräften in der Pflege ist immer wieder Thema. Ganz generell: Wie schlimm ist es?

Sabine Schmidt: Es ist schlimm, es ist wirklich sehr schlimm - für die Pflege ganz generell und auch hier im städtischen Krankenhaus. Das kann man nicht mehr schönreden. Wir sind auf einem Weg, die Dinge verbessern zu wollen.

In welcher Notlage ist das Pflegepersonal?

Schmidt: Die Nachfrage ist viel höher als das, was Pflegekräfte in einer Weise befriedigen können, wie sie es mal gelernt haben, wofür sie angetreten sind. Uns bleibt häufig nicht die Zeit, mit Patienten zu sprechen, in Ruhe zuzuhören. Die Pflege ist immer mit einem Fuß schon wieder auf dem Sprung und gedanklich schon beim nächsten Patienten. Darunter leiden Pflegende. Wir möchten den Patienten als Mensch wahrnehmen können mit all dem, was er mitbringt - auch mit den Sorgen und Ängsten. Und eben nicht nur: Das ist die Galle aus Zimmer 15. Das wollen wir nicht. Aber diese Zustände zwingen uns häufig dazu.

Wie gehen Sie mit Ausfällen um?

Schmidt: Wir haben schon einen relevanten Ausfall. Das ist bei der Belastung nicht verwunderlich. Wir haben hier im Haus ein Ausfallkonzept. Dazu gehört, geplante Kompensationsdienste vorzuhalten, aber durchaus auch, sich zwischen den Abteilungen zu helfen: Die Pflegekraft, die lieber in der Geriatrie arbeitet und dort eigentlich eingesetzt ist, hilft in jedem anderen Bereich, wenn sie weiß, dass ihre Kollegen dort Land unter haben.

Wenn dennoch Schichten unbesetzt bleiben, was tun Sie dann?

Schmidt: Dann reduzieren wir auch Aufgaben. Wir haben uns schon vor langer Zeit einen Plan dafür gemacht, welche Tätigkeiten innerhalb einer Schicht mal ausgelassen werden können oder in abgeschwächter Form in die nächste Schicht übertragen werden können.

Es gibt aber auch Fälle, da müssen Stationen geschlossen werden.

Schmidt: Ja, wenn Stellen unbesetzt sind und der Ausfall so hoch ist, dass eine sichere Patientenversorgung unter keinen Umständen mehr hinzubekommen ist, dann muss man in den sauren Apfel beißen. Das kommt vor. Wir halten das so gering wie irgend möglich, weil wir letztendlich sagen müssen: Wir haben einen Versorgungsauftrag und die Patienten, die wir auf dieser Station nicht versorgen, müssen alle anderen Stationen mitversorgen. Die Patienten kommen ja trotzdem.

Seit diesem Jahr steht mehr Geld für die Pflege zur Verfügung, weil die Pflege am Bett aus den Fallpauschalen herausgerechnet wird. Können Sie davon Pflegekräfte einstellen?

Schmidt: Nein. Das ist aber eine gute Entscheidung, ein gutes, wichtiges politisches Signal. Wir wollen 80 zusätzliche Pflegekräfte einstellen, um wirklich gute Stationsbesetzungen hinzubekommen: vier Examinierte im Frühdienst, drei im Spätdienst, zwei im Nachtdienst. Aber im Moment ist der Markt in Deutschland komplett leer gefegt.

Was tun Sie da?

Schmidt: Wir akquirieren aus allen Rohren. Zum 1. April habe ich schon 20 zusätzliche Pflegekräfte gefunden. Dann sind es also nur noch 60 zusätzliche, die ich haben möchte. Wir inserieren weiter in allen uns verfügbaren Medien. Und was mir auch wichtig ist: Wir beteiligen die Mitarbeiter daran. Wir haben eine Prämie ausgelobt für Mitarbeiter, die neue Mitarbeiter fürs Haus gewinnen. Man könnte sich jetzt aber auch mal sehr selbstbewusst hinstellen und sagen: Es sind genug Pflegekräfte am Markt, die arbeiten nur im falschen Unternehmen. Also möchte ich gerne mit dem, was uns ausmacht, Pflegekräfte gewinnen.

Dann fehlen sie woanders.

Schmidt: Ja. Deshalb habe ich gesagt, dass der Ansatz sehr selbstbewusst oder ein bisschen kaltschnäuzig ist. Das ist in der Tat schwierig. Die Pflegekräfte fehlen hier und sie fehlen auch in der Nachsorgestruktur, die wir uns nicht zerstören dürfen. Sonst hilft uns das eigene Personal dann nicht mehr. Wir sind aber auch dabei, Kontakte zu knüpfen mit Agenturen, die Pflegekräfte aus dem europäischen Ausland nach Deutschland vermitteln. Wohlbemerkt aus Ländern, die über Bedarf ausbilden.

Das Interview führte Julia Schumacher, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.01.2020 | 19:30 Uhr

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