Pflege: Impfskeptiker mit Informationen überzeugen

Stand: 14.01.2021 15:47 Uhr

Pflegekräfte sind häufig dort im Einsatz, wo die Ansteckungsgefahr mit Covid-19 am größten ist. Dennoch gibt es noch einige von ihnen, die eine Impfung skeptisch sehen.

von Constantin Gill

"Ich bin richtig unsicher", sagt Maya Charalozova, Pflegerin im Wohnpark Malepartus in Bargteheide. Andere Impfstoffe seien jahrelang erforscht worden - der erste Corona-Impfstoff dagegen sei schon nach weniger als einem Jahr zugelassen worden. Sie fragt sich auch, was mit Nebenwirkungen und Folgeschäden ist und erklärt: "Ich möchte nichts riskieren." Maya Charalozova will sich deswegen auch nicht impfen lassen - zumindest vorerst nicht.

Ihre Kolleginnen und Kollegin teilen diese Skepsis nicht. Aber: Es werde "niemand diskriminiert, der sich nicht impfen lassen will", stellt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Maike Gladus klar. Man tausche sich aus und informiere sich gegenseitig, sagt sie. Maike Gladus hofft aber auf eine möglichst große Bereitschaft. "Je höher die Impfbereitschaft ist, umso eher sind wir vielleicht auch diesen Virus wieder los", sagt sie.

Leitungskräfte haben Vorbildfunktion

Auch Einrichtungsleiter Mathias Steinbuck würde sich eine möglichst hohe Impfbereitschaft wünschen. Dass manche sich Sorgen wegen der Impfung machen, kann er teils nachvollziehen. Wie groß die Skepsis ist, schwankt von Altenheim zu Altenheim offenbar stark. Oft hängt es davon ab, wie offensiv die Heimleitungen über das Thema informieren. "Die haben eine Vorbildfunktion."

Steinbuck ist auch Vorsitzender der Landesgruppe Schleswig-Holstein des BPA, also des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste. Er berichtet von einer Einrichtung, in der es zunächst nur eine Impfbereitschaft von 30 Prozent gab. Diese Zahl habe sich jedoch schnell erhöht - durch Gespräche und Aufklärung.

Von der Politik hätte der BPA sich gewünscht, dass sie schon im Sommer begonnen hätte, etwas für die Impfbereitschaft zu tun. Etwa mit einer Informationskampagne. Stattdessen habe es drei eng bedruckte Seiten mit Informationen gegeben. "Das schreckt viele dann schon ab", meint Steinbuck. Insgesamt schätzt er die Impfbereitschaft bei den Mitgliedsunternehmen inzwischen auf 80 Prozent. Wohlfahrtsverbände gehen bei ihren Heimen von ähnlichen Zahlen aus.

Pflegeberufekammer plant Sprechstunden

Auch bei der Pflegeberufekammer sieht man grundsätzlich eine hohe Impfbereitschaft bei den Pflegenden - aber auch Bedarf an Informationen. Deswegen will die Kammer "Formate finden, wo die Kolleginnen und Kollegen genau das fragen können, was sie interessiert und wo sie Antworten bekommen, die ihnen helfen, für sich eine gute Entscheidung zu treffen", sagt Kammerpräsidentin Patricia Drube. Die Kammer plant jetzt Sprechstunden, in denen sich Pflegekräfte mit Fachleuten austauschen können. Drube meint, die Expertinnen und Experten könnten "das relativieren, was an Halbwahrheiten und Falschinformationen im Internet gestreut" werde.

"Ich bin kein Totalverweigerer von Impfungen"

Wie bei Pflegerin Maya Charalozova ist es häufig die Skepsis gegenüber der schnellen Entwicklung des Impfstoffs, die dafür sorgt, dass manche sich nicht impfen lassen wollen. Ein Pfleger schreibt NDR Schleswig-Holstein: "Ich bin kein Impfgegner, ich glaube an die Pharmaindustrie. Ich glaube jedoch nicht daran, dass ein Impfstoff innerhalb von sechs Monaten so ausgereift ist, dass er sicher ist, auch längerfristig gesehen."

Videos
Eine Bild-Collage zum Thema Corona-Impfstoff in Schleswig-Holstein. © picture alliance/dpa / NDR Foto: picture alliance/dpa | Frank Molter / NDR
6 Min

Corona-Pandemie: Welche Impfstoffe gibt es?

Mit Hochdruck wird an Impfstoffen gegen das Coronavirus geforscht. Ulrike Drevenstedt erklärt, wie der aktuelle Stand bei der Entwicklung ist. 6 Min

So sieht es auch eine Pflegerin, die uns schreibt, sie sei kein Totalverweigerer von Impfungen: "Habe sämtliche Standardimpfungen. Trotzdem werde ich mich nicht impfen lassen. Ich möchte erst Wissen über Langzeitwirkungen haben."

Und eine weitere Pflegerin aus Schleswig-Holstein schreibt uns anonym: "Ich habe Sorge vor einer möglichen Unfruchtbarkeit. Das liest man ja bei Facebook und in anderen sozialen Medien. Und ich weiß nicht, was stimmt. Auf der anderen Seite muss ich mich impfen lassen, um weiter im Beruf arbeiten zu können. Ich bin erst 19 Jahre alt und habe die Sorge, nicht mehr überall eingesetzt zu werden."

Bereitschaft durch Zugang zu Impfungen erhöhen

Derartige Sanktionen durch die Arbeitgeber dürften schon vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels unwahrscheinlich sein. Heimleiter und BPA-Landesgruppenchef Steinbuck sagt zudem, man achte die Impffreiheit. Das Forum Pflegegesellschaft, in dem die großen Verbände organisiert sind, meint, dass auch der Zugang zu Impfungen helfen kann - etwa über die angekündigten mobilen Teams, die nun auch Pflegekräfte impfen sollen.

"Eine Diskussion um die Impfbereitschaft in der Altenpflege kann man gerne führen, zunächst sollten aber zumindest diejenigen, die sich impfen lassen wollen, einen verlässlichen und einfachen Zugang zur Impfung bekommen, denn diese Menschen haben Vorbildfunktion und nehmen damit sicher auch anderen die Unsicherheit", sagt die Sprecherin des Forums, Anette Langner.

Der Vorstoß aus Bayern, über eine Impfpflicht für Pflegekräfte nachzudenken, stößt in Schleswig-Holstein auf Ablehnung. Der Gesundheitsminister hält die Diskussion für problematisch. Und die Pflegeberufekammer meint, es brauche keine Impfpflicht.

Weitere Informationen
Ein Fläschchen mit Impfserum und eine Spritze © Colourbox

Corona-Impfung in SH: Land bietet zusätzliche Termin-Hotline an

Wer impfberechtigt ist, muss online oder telefonisch einen Termin machen. Das war in den vergangenen Tagen oft schwierig. mehr

Krankenhäuser sehen steigende Impfbereitschaft

Skeptiker gibt es unterdessen nicht nur bei Pflegekräften - sondern auch bei Ärztinnen und Ärzten. Die Krankenhäuser im Land sprechen insgesamt von einer Impfbereitschaft von 70 Prozent in den Kliniken. Auch dort nimmt die Skepsis aber nach Angaben der Krankenhausgesellschaft nach und nach ab. Und die Ärztekammer sagt: "Insbesondere unter den im Krankenhaus tätigen Ärztinnen und Ärzten und den Angehörigen weiterer Berufsgruppen im Gesundheitswesen, die dem Virus in ihrer täglichen Arbeit in den Intensivstationen ausgesetzt sind, ist die Impfbereitschaft stark ausgeprägt."

Ärztekammer: Impfungen wissenschaftlich auswerten

Nur eine kleine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten stehe der Impfung skeptisch gegenüber, so die Ärztekammer. Und das aus zwei Gründen: "Ein verschwindend kleiner Teil dieser Gruppe von Ärztinnen und Ärzten steht dem Impfen generell ablehnend gegenüber. Der andere Teil begründet seine Skepsis gegenüber den Impfungen gegen das Coronavirus mit dem schnellen Zulassungsprozess des Impfstoffs sowie Fragen zur Arzneimittelsicherheit und der langfristigen Wirkungen." Für wichtig hält es die Ärztekammer deshalb, dass die Impfungen wissenschaftlich ausgewertet werden und Nebenwirkungen und Langzeitwirkungen im Blick behalten werden.

Altenpflegerin Maya Charalozova könnte sich vorstellen, dass sie sich irgendwann doch noch impfen lässt: "Vielleicht später."

Weitere Informationen
Heiner Garg (FDP) sitzt im Hörfunkstudio den NDR Landesfunkhauses in Kiel. © NDR Foto: Janis Röhlig

Corona: Garg kritisiert Söder-Vorschlag zur Impfpflicht

Der Gesundheitsminister war live zu Gast bei NDR 1 Welle Nord. Der Vorschlag aus Bayern ließ ihn den Kopf schütteln. mehr

Ursula Claassen bekommt eine Spritze in ihren Oberarm. © dpa-Bildfunk Foto: Frank Molter

Corona: Impftermine in SH innerhalb kürzester Zeit ausgebucht

Die Vergabe neuer Termine sorgt erneut für Frust bei den Berechtigten. Das Gesundheitsministerium will das Verfahren entzerren. mehr

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zum Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 14.01.2021 | 17:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Alexander Mühling (l.) und Keeper Ioannis Gelios von Holstein Kiel schauen zu, wie der Ball im Spiel gegen den Karlsruher SC zum 0:2 im Tor einschlägt © picture alliance/dpa Foto: Frank Molter

Böser Kater für Holstein Kiel nach dem Pokalrausch

Vier Tage nach dem Sieg gegen Bayern München kassiert der Zweitligist gegen den Karlsruher SC eine 2:3-Pleite. mehr

Minimalistin Anke Großbach sitzt in ihrem kleinen Haus am Selenter See vor dem Kamin. © NDR

Minimalistin braucht weder Waschmaschine noch Kühlschrank

Für ihr tägliches Leben braucht sie nur fünf Euro - am Tag. Anke Großbach lebt ihren Traum vom Minimalismus am Selenter See. mehr

Der Hofladen des Landgasthofs Uetersen © NDR Foto: Lisa Synowski

Uetersen: Mit Trend und Tradition durch die Corona-Krise

Der Landgasthof "Zur Erholung" geht in der Corona-Krise neue Wege - mit Hofladen und Suppenmanufaktur. mehr

Zwei junge Menschen mit Maske stehen an einer Betonwand mit Büchern und Smartphone in der Hand © Colourbox Foto: Kzenon

Ausgebremst: Was macht Corona mit Kindern und Jugendlichen?

Wir wirken sich die harten Corona-Maßnahmen auf junge Menschen aus? Unter anderem darum geht es in der Sendung Zur Sache. mehr

Videos