Zivilisten am Flughafen.

Ortskraft aus Afghanistan in SH: "Meistens sind wir allein"

Stand: 04.01.2022 05:00 Uhr

Im Herbst ist ein afghanischer Mitarbeiter der Bundesrepublik nach Schleswig-Holstein gekommen - mit Ehefrau und sieben Kindern. Im Interview berichtet der Mann, wie es seiner Familie und ihm geht, was ihnen fehlt und was er sich wünscht.

Im Oktober hatte er NDR Schleswig-Holstein von seiner Flucht erzählt. Nun kam es zu einen weiteren Gespräch - wieder anonym, weil er immer noch Angst um seine Geschwister und Freunde in Afghanistan hat. Er selbst wurde im August 2021 mit seiner Familie aus dem Land ausgeflogen, weil er für deutsche Behörden und Institutionen gearbeitet hatte. Der Weg zum belagerten Flughafen sei für die Kinder schrecklich gewesen, hatte er beim ersten Gespräch erzählt.

Wie blicken Sie von hier aus nach Afghanistan?

Hier sehe ich morgens aus dem Fenster, wenn meine Kinder zu Fuß zur Schule gehen. In Sicherheit. Das gefällt mir. Ich will, dass die Kinder in Afghanistan das auch können. Aber das geht nicht.

Was hören Sie aus Ihrer Heimat?

Die Lage ist nicht so gut. Immer wenn ich mit Menschen in Kabul spreche, sagen sie, dass Menschen, die für die frühere Regierung gearbeitet haben, einfach verschwinden. Polizisten, Soldaten, oder andere Mitarbeiter. Und später findet man die Leichen. Und man weiß nicht, wer sie getötet hat. Aber die Leute sagen, das sind die Taliban.

Und betrifft diese Gefahr aus Ihrer Sicht auch Leute wie Sie, die für die deutsche Regierung gearbeitet haben?

Natürlich. Ich habe die deutsche Sprache im Goethe-Institut unterrichtet. Und wenn die Taliban merken, dass ich die deutsche Sprache unterrichtet oder bei den Deutschen gearbeitet habe, dann bin ich kein guter Mensch für diese Leute. Dann bin ich auch kein Muslim für sie.

Der Mann ist Ende fünfzig, kurz geschnittenes Haar, hohe Körperspannung, ehemaliger Soldat. Er spricht fast fehlerfrei deutsch, wägt die Worte genau ab, kennt deren Gewicht und Stellenwert. Er habe die Sprache lange studiert, erzählt er. Er kennt Schwäbisch-Hall und Göttingen von Fortbildungen. Vor der Machtübernahme durch die Taliban hat er als Übersetzer und Sprachlehrer für das Goethe-Institut und die Deutsche Botschaft gearbeitet. Jetzt lebt er mit seiner Frau und sieben Kindern in einer Unterkunft in Reinfeld (Kreis Stormarn). Zu neunt haben sie zwei Zimmer. In einem davon haben wir uns zum Interview verabredet, zwischen den Stockbetten.  

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Wie blicken Sie von heute aus auf die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen?

Also mir fehlt immer noch meine Familie, meine Geschwister in Afghanistan, alle. Aber dass ich nach Deutschland gekommen bin, das war eine gute Entscheidung. Und jetzt akzeptieren die Freunde, die noch dort sind, das auch.

Seit wann sind Sie hier, in dieser Unterkunft?

Am 7. Oktober bin ich nach Reinfeld gekommen. Das ist eine Notunterkunft. Wir werden hier bleiben, bis wir eine andere Wohnung bekommen.

Hätten Sie Anfang Oktober gedacht, dass Sie so lange hier sein würden?

Ich hatte gedacht, dass ich schneller eine Wohnung bekomme, aber es ist eben schwer, eine Wohnung für eine neunköpfige Familie zu finden. Das wird ein bisschen dauern. Das ist das Problem. Ich habe sieben Kinder und so große Häuser gibt es nicht oft.

In diesem Moment betritt ein Junge das Zimmer, nach kurzem Klopfen, mit einem Tablett in der Hand. Er ist 15 Jahre alt, der drittälteste Sohn. Der Junge gießt Tee ein, bietet Zucker an, sein Blick ist zugewandt und offen. Auf die Frage, ob er ein bisschen deutsch spreche, sagt er "Ja". Auf die Frage, wie es ihm gehe, sagt er "Gut". Danach verlässt er das Zimmer wieder, mit einem freundlichen Lächeln, fast geräuschlos. Der Tee ist stark und süß.

Wie sieht Ihr Leben hier in Reinfeld aus?

Das Leben sieht ganz anders aus als in Afghanistan. Soziale Beziehungen sind in meiner Heimat sehr eng. Da ist immer etwas los, am Wochenende werden Verwandte besucht, Schwester, Bruder, Onkel. Aber hier sind unsere sozialen Beziehungen sehr wenig. Wir fühlen uns ein bisschen einsam.

Gab es denn auch hier schon Begegnungen?

Meistens sind wir allein. Aber es gibt zum Beispiel noch eine Familie, die auch aus Afghanistan kommt. Manchmal treffen wir diese Familie. Die sind vor sechs Jahren gekommen, und geben uns Tipps, wie man hier in Deutschland zurechtkommt. Die meiste Zeit sind wir aber allein hier. Wenn wir einkaufen, gehen wir zum Aldi, zum Lidl oder zum Markant. Sonst sind wir immer allein, wir kennen niemanden.

Und wollen Sie, dass sich das ändert?

Natürlich. Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser Unterkunft bleiben werden. Aber in Zukunft möchte ich Kontakt zu Nachbarn haben, dass man auch Leuten "Guten Tag" sagt, wenn man sich im Ort trifft. Das ist bei uns in Afghanistan ja normal, aber hier in Deutschland ist das anders.

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Während des Gesprächs hat sich der Rest der Familie in dem anderen Zimmer versammelt, damit wir in Ruhe sprechen können. Der Familienvater öffnet einmal die Tür nach nebenan, zur gegenseitigen Begrüßung: Da sind die sieben Kinder und die Ehefrau auf 25 Quadratmetern. Im Fernsehen läuft Spongebob. Die Luft ist stickig, die Scheiben sind etwas beschlagen, weil es draußen kalt ist und drinnen warm. Alle haben sich aufgestellt, stehen aufgereiht, und begrüßen mich freundlich und offen. Die Ehefrau, zwischen zwei Söhnen, die sie um Kopfesgröße überragen, schaut am vorsichtigsten. Dann verlassen wir das Zimmer wieder und sprechen weiter.

Wie geht es Ihrer Frau hier in Reinfeld?

Meine Frau hat manchmal Schwindelgefühle. Alles dreht sich dann um sie. Sie war beim Arzt. Der Arzt hat zwei Sachen gesagt. Erstens, er hat ihr Blut testen lassen, und ihrem Blut mangelt es an Eisen. Sie muss jetzt Eisentabletten nehmen. Zweitens hat der Arzt gesagt, es kann sein, dass ihr die Familie fehlt, und auch dass sie Stress hatte in Afghanistan. Sie muss jetzt warten, damit sie alles vergisst. Sie hat auch sehr schlimmes in Afghanistan erlebt. Und das dauert ein bisschen. Sie muss ein bisschen warten. Dann geht es ihr besser.

Sie haben sieben Kinder. Wie geht es denen?

Meinen Kindern geht es gut. Das kleine Kind geht jetzt in den Kindergarten, vier Kinder gehen zur Schule. Und die beiden ältesten, 18 und 21 Jahre, wollen studieren. Der ältere hat schon in Kabul Informatik studiert und möchte das auch weitermachen. Und der jüngere will Architekt werden. Davor brauchen sie aber noch ihren Deutschkurs, der jetzt Anfang Januar beginnt. Aber es gibt noch ein Problem.

Welches?

Das Problem ist, dass manche Unterlagen fehlen. Ich weiß nicht, ob sie noch in Kabul sind, oder ob wir sie unterwegs verloren haben. Aber hier werden sie verlangt, zum Beispiel die Zeugnisse der Kinder. Einige Unterlagen haben wir zum Glück. Die werden jetzt nach Kiel geschickt. Wenn sie beglaubigt werden, können meine Kinder hier an den Fachhochschulen studieren.

Fällt es Ihrer Familie leicht, Deutsch zu lernen?

Die Kinder haben schon ein bisschen Deutsch gelernt. Sie wollen es lernen. Und meine Frau, sie ist ein bisschen skeptisch, sie weiß nicht, ob sie auch Deutsch lernen kann. Sie sagt, Deutsch ist schwer. Sie hat überall gehört, dass Deutsch schwer ist, und jetzt hat sie auch Angst. Ich sage immer: Deutsch ist nicht so schwer, also man kann das lernen, aber sie hat Angst.

Und können Sie ihrer Familie dabei helfen?

Ich sitze abends immer mit meinen Kindern zusammen, und helfe ihnen bei den Hausaufgaben. Und meiner Frau helfe ich auch. Sie schreibt jetzt auch die Buchstaben.

Und wie schwierig ist das aus Ihrer Sicht, Deutsch zu lernen?

Ich finde das nicht schwer. Ich habe das in der Schule auch gelernt. Wir schreiben von rechts nach links, im Deutschen schreibt man von links nach rechts. Das war ganz einfach.

In diesem Moment betritt der kleinste Sohn das Zimmer. Er möchte mit dem Handy spielen, darf es, schmiegt sich in die Arme seines Vaters. Der vierjährige hört dem Gespräch in der ihm fremden Sprache mit einem Ohr zu, während der größte Teil seiner Aufmerksamkeit sich auf das Handyspiel richtet.

Denken Sie, dass Sie in Deutschland bleiben werden?

Natürlich. Wir gehen nirgendwo anders hin.

Wie ist das Essen hier?

Das Essen ist ganz anders. Es ist nicht wie bei uns in Afghanistan. Das Brot schmeckt anders, das Obst schmeckt anders, das Gemüse. Wir essen das, aber es schmeckt anders. Bei uns in Afghanistan gibt es Provinzen, da wächst das ganze Jahr Gemüse, da ist es das ganze Jahr warm, da gibt es immer frisches Obst und Gemüse aus dem eigenen Land. Das geht hier nicht.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen und Ihrer Familie geholfen wird, wenn Sie Hilfe brauchen?

Ja. Sie haben uns auch im Jobcenter geholfen, und mit den Sprachkursen. Es gibt ein Sprichwort bei uns: ‚Die fünf Finger einer Hand sind nicht gleich‘. In jeder Gesellschaft gibt es gute und schlechte Menschen. Man hört auch manchmal negative Äußerungen, weil wir Ausländer sind. Manche ziehen sich auch zurück, wenn sie uns sehen.

Auch hier in Reinfeld?

Auch hier in Reinfeld. Ja.

Und wie ist das für Sie?

Für mich ist das unangenehm. Trotzdem weiß ich, dass ich ein fremder Mann bin, dass ich aus Afghanistan gekommen bin. Das ist ganz normal dann. Das ist überall so.

Im August und September wurde in Deutschland viel über Afghanistan gesprochen. Jetzt ist das weniger geworden. Was glauben Sie, warum?

Vielleicht interessiert Deutschland das Thema Afghanistan nicht mehr. Ich glaube, es ging im August darum, dass die Truppen abgezogen werden sollten, und dass die Mitarbeiter sicher nach Deutschland kommen. Und das war ein Thema für die deutsche Presse. Aber jetzt ist alles ruhig nach außen, dabei ist die Krise noch tiefer geworden. Die deutsche Presse interessiert sich jetzt nicht mehr so für Afghanistan. Und deutsche Journalisten sind nicht mehr so viele in Afghanistan. Sie haben Angst. Und es gibt ja auch immer noch Explosionen in Kabul. Ich lese auf Facebook davon, und meine Freunde erzählen es mir.

Haben Sie zurzeit Wünsche? Oder lassen Sie alles auf sich zukommen?

Meine Kinder wollen lieber in einer großen Stadt leben. Sie möchten Freunde haben, sich hin- und herbewegen. Hamburg wäre besser. Als wir im August 2021 nach Deutschland kamen, sind wir zuerst in Hamburg-Rahlstedt untergekommen. Aber wir müssen erstmal hierbleiben. Wir sind hier gemeldet und können nicht einfach so die Stadt wechseln.

Gibt es schon Menschen, mit denen Sie Kontakt geknüpft haben in Reinfeld?

Bei Markant zum Beispiel, im Supermarkt, im Kindergarten habe ich ein paar Menschen schon öfter gesehen. Aber sonst, so richtig kennengelernt habe ich noch niemanden.

Am Ende des Interviews geht der Gesprächspartner mit zur Haustür, bietet noch eine Mandarine an, für den Heimweg, und spricht noch einmal von der Hoffnung, dass seine Familie in Deutschland ein echtes Zuhause finden möge. Er selbst würde gern als Lehrer für Sprach- und Integrationskurse in Deutschland arbeiten, um seine Kenntnisse in der Vermittlung der deutschen Sprache wieder anzuwenden. Am 5. Januar beginnen die Deutschkurse für seine Frau und seine älteren Kinder, von denen er gesprochen hat. Wie lange sie noch hier in der Notunterkunft leben werden, das weiß er noch nicht.

Das Interview führte Christian Schepsmeier, NDR Schleswig-Holstein.

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Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.10.2021 | 16:30 Uhr

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