Onkologin Baldus: "Die Krebsforschung hat sich rasant entwickelt"

Lebensqualität und Lebenserwartung von Krebspatientinnen und -patienten liegen heute in vielen Fällen deutlich höher als noch vor fünf Jahren. Denn die Behandlung wird immer individueller.

Das Universitäre Cancer Center Schleswig-Holstein hat sich im Herbst 2020 neu gegründet. Als überregionales Krebszentrum bietet es Patientinnen und Patienten mit bösartigen Tumoren eine medizinische Versorgung mit neuen und innovativen Therapiemethoden. Professorin Claudia Baldus ist Mitglied im Vorstand des Cancer Center. Die Onkologin ist seit über zwanzig Jahren in der Krebsforschung tätig. Im Interview spricht sie über die Fortschritte der vergangenen Jahre.

Krebsforscherin Claudia Baldus steht im Cancer Center Schleswig-Holstein © NDR Foto: Lisa Snowski
Professorin Claudia Baldus ist seit mehr als 20 Jahren in der Krebsforschung tätig.

Sie sind bereits seit über zwanzig Jahren in der Krebsforschung tätig. Wie hat sich die Krebsforschung in den vergangenen fünf bis zehn Jahren entwickelt?

Claudia Baldus: Die Krebsforschung hat sich in diesem Zeitraum wirklich rasant entwickelt. Wir profitieren zum einen ganz stark von den Forschungserkenntnissen aus den letzten Jahrzehnten, die uns jetzt in der Praxis helfen. Zum anderen hat sich aber auch die Technik weiterentwickelt. Während wir früher ein Gen sequenziert haben, um zu verstehen, welche Veränderung im genetischen Code den Tumor wachsen lassen, können wir jetzt 30.000 Gene in einer Stunde sequenzieren. Das heißt, wir wissen inzwischen viel mehr über einzelne Tumore als jemals zuvor.

Das Cancer Center ist ein Zusammenschluss aus allen onkologisch tätigen Einrichtungen des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) - mit Standorten in Kiel und Lübeck. Inwieweit bringt diese Vernetzung die Krebsforschung weiter?

Baldus: Wir profitieren ganz klar von unserer Interdisziplinarität. Wir haben Spezialistinnen und Spezialisten, die mit jeweils unterschiedlichem Blick auf eine Tumorerkrankung schauen. Der Immunologe schaut auf die Immunzellen, der Molekulargenetiker auf den genetischen Code. Der Zelltherapeut überlegt, wie er die Patientinnen und Patienten am besten mit veränderten Immunzellen behandeln kann. Und der Pathologe sagt, wie er die Erkrankung unter dem Mikroskop sieht. Alleine schafft man wenig, aber gemeinsam ergänzen wir uns, kriegen zusätzliche Informationen und können Forschung und Therapie voranbringen.

Was heißt das zum Beispiel ganz konkret für die Behandlung einer Patientin oder eines Patienten mit Lungenkrebs?

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Baldus: Früher hat man einfach einen Lungentumor diagnostiziert, und den so behandelt wie alle Lungentumore. Mit einer Chemotherapie, die den ganzen Körper geschwächt hat und wenig zielgerichtet war. Heute ist das anders. Wir schauen uns jeden Tumor und seinen genetischen Code individuell an. Wenn wir bestimmte genetische Veränderungen finden, die den Tumor zum Wachsen bringen, dann können wir heute viel präziser gegen den Tumor vorgehen als noch vor zehn Jahren.

Bei einer meiner Patientinnen ist das zum Beispiel gerade der Fall. Da behandeln wir nur noch mit Tabletten, die gezielt die Schwachstellen des Tumors angreifen und kaum Nebenwirkungen haben. Die Lebensqualität meiner Patientin hat sich dadurch deutlich verbessert. Und auch ihre Lebenserwartung. Vor einigen Jahren hätte sie unter einem Jahr gelegen, jetzt gehen wir mindestens von einer Verdopplung aus. Bei Tumorerkrankungen im Frühstadium sehen wir dank immer präziser werdender Strahlen- und Operationstechniken zudem eine deutliche Verbesserung der Heilungschancen.  

Wo kann die Entwicklung in der Forschung Ihrer Meinung nach angesichts solcher Fortschritte noch hingehen?

Baldus: Wir werden eher eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Therapien sehen und eine noch stärkere Individualisierung in der Forschung. Während für einige Patientinnen und Patienten eine zielgerichtete Strahlentherapie am erfolgversprechendsten ist, ist es bei anderen eine Tablettentherapie, bei wieder anderen eine Chemotherapie und manchmal auch eine Mischung aus allem. Diese Herangehensweise, jeden Tumor individuell zu betrachten, ist meiner Meinung nach die Zukunft der Krebsforschung.

Wird Krebs irgendwann vielleicht sogar ganz heilbar sein?

Baldus: Ich wäre vorsichtig zu sagen, dass wir alle Patientinnen und Patienten irgendwann heilen können. Aber wir sehen schon jetzt, dass wir Krebs in vielen Fällen zu einer chronischen Erkrankung machen können. Ich sage zu meinen Patientinnen und Patienten dann auch, dass sie damit leben wie mit Bluthochdruck. Ein 80-Jähriger mit einer Krebserkrankung, den wir über Jahre chronisch behandeln, der wird vielleicht nicht daran sterben, sondern an etwas ganz anderem. Also eine stabile gute Lebensqualität über Jahre hinweg, das schaffen wir zum Teil jetzt schon. Und ich bin optimistisch, dass wir da für immer mehr Patientinnen und Patienten hinkommen.

Das Interview führte Lisa Synowski, NDR Schleswig-Holstein.

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