Niederdeutsche Bühnen: So viel mehr als bloß Theater

Stand: 27.03.2021 17:50 Uhr

Bei einem Projekt des Länderzentrums für Niederdeutsch sind 18 Erklärfilme rund ums Plattdeutsche entstanden. Karin Otzen aus Glücksburg hat sich mit den Niederdeutschen Bühnen beschäftigt.

von Lina Bande

Auf dem Tisch vor Karin Otzen liegt ein dicker Ordner. Hunderte Zettel, ordentlich abgeheftet und bunt markiert. Eine Sammlung von ausgedruckten Artikeln, Kopien aus Büchern, handschriftlichen Notizen. Drei Monate hat die Deutschlehrerin aus Glücksburg gebraucht, um diesen Ordner zu füllen - mit ihrer Recherche zur Geschichte der Niederdeutschen Bühnen. "Man hett schon manch'ne Stünn in'ne Universitätsbibliothek verbröcht, un dat weer richtig gepuzzel'. Ik hebb ganz vele total chaotische Zettel üm mi verdeelt hatt", erzählt sie.

"Man hat schon einige Stunden in der Universitätsbibliothek verbracht, und das war richtiges Gepuzzle. Ich hatte nämlich ganz viele total chaotische Zettel um mich herum verteilt." Karin Otzen

 

Ein kurzer Erklärfilm als Ergebnis der Recherche

Ordnung und einen roten Faden brauchte sie unbedingt, denn ihre Recherche sollte in einer bunten, prägnanten Infografik und letztlich auch einem Erklärfilm aufgearbeitet werden. Das war Ziel einesProjektes des Länderzentrums für Niederdeutsch (LZN). Bei "Jugend verkloort Platt" wurden Schülerinnen und Schüler und Studierende dazu aufgerufen, sich einem plattdeutschen Thema zu widmen, ob nun historisch, kulturell oder sprachwissenschaftlich.

Karin Otzen war zu der Zeit in ihrem Zweitstudium an der Uni in Flensburg eingeschrieben und wurde in ihrem Niederdeutschkurs auf das Projekt aufmerksam. An dem durfte sie als Studierende auch mit Mitte 50 noch teilnehmen - und entschied sich für die Theater als Thema. "Villicht hett dat ok dormit to doon, dat ik vörweg mien Bachelorarbeit schreven hebb, mien Thema weer 'Sprache und Emotion'. Dor weer 'Heimat' total wichtig. Un dat Theater is för mi ok'n beten Utdruck dorvün."

"Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich gerade vorher meine Bachelorarbeit geschrieben habe. Das Thema war 'Sprache und Emotion', da ist 'Heimat' total wichtig. Und Theater ist für mich auch ein Ausdruck davon." Karin Otzen

Bühnen im Wandel, vom Mittelalter bis heute

Denn Niederdeutsches Theater gibt es schon seit Jahrhunderten. Seitdem haben sich Funktion und Auftrag der Bühnen ständig weiterentwickelt. Ging es in den Passionsspielen des Mittelalters oft darum, zu belehren und zu erbauen, gab es in der Hansezeit am Theater keine ernsten Themen mehr, sondern nur Possenspiele. 

Karin Otzen aus Glücksburg sitzt an einem Tisch und lächelt in die Kamera © NDR Foto: Lina Bande
Karin Otzen aus Glücksburg hat zur Geschichte der Niederdeutschen Bühnen recherchiert.

Besonders überrascht bei der Recherche hat Karin Otzen die Rolle der Niederdeutschen Bühnen in der Zeit des Nationalsozialismus: "Good Wedder maken! Man wull de Lüüd beschäftigen un wat schönes beden, dormit nich so upfull, dat Lüüd ganz wiet weg in’n Krieg sind, dat Lüüd ok storven sind. De hebbt dat ganz geteelt nutzt för sik." 

"Gut Wetter machen! Man wollte die Leute beschäftigen, ihnen was Schönes bieten, damit nicht so auffällt, dass Menschen weit weg im Krieg sind, dass Menschen gestorben sind. Die haben das ganz gezielt für sich genutzt." Karin Otzen

18 Erklärfilme zu vielfältigen Themen

Die Entwicklung nach dem Krieg im Osten und Westen, die Erklärung zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO - das alles ist nun in einer Grafik und in animierter Form in einem Erklärfilm zu sehen. Insgesamt sind im Projekt des LZN, das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wurde, 18 solcher Filme entstanden.

Sie alle zeigen, wie vielfältig und kulturell die niederdeutsche Sprache ist. Es geht zum Beispiel um Plattdeutsch in Straßennamen oder um die Gemeinsamkeiten von Plattdeutsch und Englisch. Alle unterschiedlich gestaltet, alle eingesprochen von Christianne Nölting, der Leiterin des Länderzentrums. 

Karin Otzen aus Glücksburg sitzt an einem Tisch und lächelt in die Kamera © NDR Foto: Lina Bande
AUDIO: Nicht nur Schenkelklopfer: Geschichte der NDB als Erklärfilm (3 Min)

Großes Augenmerk auf die Sprache gelegt

Auch hinsichtlich Rechtschreibung und Grammatik hat das LZN nochmal einen Experten drauf schauen lassen: Hannes Frahm gibt unter anderem auch Sprachkurse und hat alle Grafiken nach den Schreibregeln nach Sass bearbeitet. Die größte Herausforderung dabei: "Die gebietsspezifischen Merkmale in der Sprache zu erhalten, damit auch der Vielfalt des Plattdeutschen Rechnung getragen wird", sagt er.

Vereinheitlicht wird die Sprache so nicht, denn die regionaltypischen Vokabeln blieben beispielsweise erhalten. Es sei jedoch wichtig, dass die Sprache nicht nur gesprochen wird - sondern eben auch mit festen Regeln wie in jeder anderen Sprache auch geschrieben wird.

Die Sprache auch in Zukunft bewahren

Karin Otzen selbst nimmt aus dem Projekt nun einiges mit: "Theater schall de Spraak ja ok plegen un ik hebb markt - dor sind ganz vele Lüüd, de doot dat ok. Dat weer 'ne ganz spannende Tiet för mi un, ik segg mol so, dat maakt mi Lust op mehr."

"Theater soll ja auch die Sprache pflegen und ich habe gemerkt - da sind ganz viele Menschen, die das auch wirklich tun. Das war eine ganz spannende Zeit für mich und ich sag' mal so: das macht Lust auf mehr." Karin Otzen

Sie möchte künftig öfter mal Texte schreiben, ins plattdeutsche Theater gehen - und kann sich sogar vorstellen, mal mitzuspielen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 27.03.2021 | 19:30 Uhr

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