Stand: 15.07.2020 05:00 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Neues Leben für alte Autos

von Carolin Rabe

"Wir kennen jede Schraube, jeden Winkel und es ist schon emotional" - so beschreibt Firmenchef Jürgen Swoboda den Moment, wenn ein fertig restaurierter Oldtimer von einem Kunden abgeholt wird und die Werkstatt verlässt. Doch bis es soweit ist, vergeht manchmal bis zu einem Jahr. So lange kann es dauern, eine Komplettrestaurierung durchzuführen. Dabei kommen sie mit Auslesegeräten aus der modernen Fahrzeugtechnik nicht weiter. Und auch nicht mit Mechatronikern. "Wir sind Mechaniker", sagen er und seine Werkstattangestellten mit Überzeugung. "Autos, die noch greifbar sind, kein Plastik", ergänzt Kfz-Techniker-Meister Florian Steffen, der gerade eine Achsvermessung an einem Porsche 356 Super 90 aus dem Jahr 1960 durchführt. Und immer, wenn einem Wagen neuer Glanz verliehen wird sind sie sich dessen bewusst, dass es um hochwertige Fahrzeuge geht. Um Fabrikate wie Porsche, Mercedes, Jaguar, echte Liebhaberstücke. "Dann hat man gewaltigen Respekt davor, einen Fehler zu machen, weil Fehler riesige Verluste auslösen können", begründet Jürgen Swoboda. Daher fassen sie alle Fahrzeuge mit allergrößter Vorsicht an und führen jeden Handgriff so exakt wie möglich aus.

VIDEO: Hier schrauben noch Mechaniker: Die Oldtimerwerkstatt (4 Min)

Am Anfang steht die Idee

Wer nach Steinbergkirche (Kreis Schleswig-Flensburg) zwischen Gelting und Flensburg kommt und hier bei Swoboda Fahrzeugkultur einen Oldtimer kaufen möchte, der braucht nur eine Idee, sagt der Chef. Das Auto beschafft Jürgen Swoboda mit seinem Team und dann legen sie los. Natürlich wird alles mit dem Kunden und dessen Wünschen abgestimmt, aber sie gucken auch darauf, welchen Auftrag sie annehmen "dürfen". "Ich sage ganz bewusst darf und nicht wollen", führt Jürgen Swoboda aus. "Wir müssen auch unsere Kunden schützen, indem wir auch sagen, 'lass es, das wird viel zu teuer. Da kannst du dir hinterher drei neue kaufen'. Solche Aufträge nehmen wir nicht an", ergänzt er noch. Aber er betont auch, dass es nicht immer sechsstellige Beträge sein müssen. Man müsse nicht reich sein, meint der Chef, alle könnten "mitspielen". So warten neben Porsche 911ern aus den 1970ern und Mercedes Cabrios aus den 1960ern auch Isettas und Käfer auf einen neuen Besitzer. Da diese Wagen keine Kundenaufträge sind, stehen sie in der Verkaufshalle.

Vom Karosseriebau bis zur Sattlerei

Aus Rost ein Glanzstück machen - das ist ihr Job. Außer Chrom- und Lackarbeiten macht das Team von Jürgen Swoboda alles selbst. Wenn die Karosserie überarbeitet ist, dann geht es an den Innenausbau. Gerade steht in der Sattlerei ein Mercedes 280SE 3,5 Coupé, Baujahr 1971. Das Armaturenbrett ist schon fertig, mit einem Spachtel arbeitet der Neffe des Chefs, Thomas Swoboda, den weißen Himmel an der Decke ein. Nebenan macht sich Silke Johannsen an den Sitzen zu schaffen. Beherzt reißt sie die alten Polster vom Sitz, es riecht muffig nach Scheune und Rost rieselt heraus. Was neu gemacht werden muss oder erhalten bleiben kann, das stellt sich erst heraus, "wenn man den Burschen aufmacht", erklärt sie. "Das machen wir wieder schön", sagt sie voller Inbrunst, obwohl vor ihr auf dem Tisch zerfledderter Schaumstoff, poröse Federkerne und ein rostiges Sitzunterteil liegen. Das Unterteil ist noch zu retten. Es wird entrostet, gestrahlt und beschichtet. Ein Sitz ist schon rekonstruiert: perfekte Nähte, originalgetreue Form, cremeweißer Lederbezug. Das Ziel einer jeden Restaurierung ist, 70 Prozent der Originalteile zu erhalten und aufzuarbeiten. Man dürfe ein Auto nicht totrestaurieren, sagt Jürgen Swoboda. Es sei wichtig, dass es authentisch bleibe und "dass man dem Auto nach der Restaurierung noch ansieht, es hat was erlebt, es kann was erzählen."

Heute sind andere Oldtimer gefragt

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Die Zeiten der Vorkriegswagen sind vorbei. Die meisten Kunden sind auf der Suche nach dem, was sie in der Jugend erlebt haben. "Weil das eine schöne Zeit war und das möchten sie wieder haben", erklärt der Firmeninhaber. Daher sind besonders Oldtimer gefragt, die jetzt 30 Jahre und älter sind. Das Interesse an den Modellen verschiebt sich immer mit den Gewohnheiten des Fahrers, weiß Jürgen Swoboda. Vorkriegswagen werden uninteressanter, auch weil Viele sie nicht mehr kennen oder erlebt haben und nicht "gelernt haben, diese zu fahren", begründet er noch.  

Abschied nach einem Jahr

Der Lack strahlt himmelblau, das Verdeck ist noch jungfräulich, die Chromapplikationen blitzen. Kfz-Techniker-Meister Florian Steffen führt die letzten Handgriffe vor der Auslieferung am frisch restaurierten Porsche 356 Super 90 aus dem Jahr 1960 aus. In vielen Wagen stecken 1.500, 1.600 Arbeitsstunden, in manchen sogar 6.000. Nach einem Jahr Arbeit wird der Porsche nicht mehr auf der Bühne stehen, sondern über den Asphalt rollen. Nebenan baut Mirco Christian nach der Wartung den Motor bei einem moosgrünen 911er Porsche aus dem Jahr 1978 ein. "Keines dieser Autos wird einer von uns jemals haben", schmunzelt der Chef. Aber: "Neid dürfen wir nicht empfinden", sagt er. Das sei ein "fremder Gedanke". Und immerhin bleiben ihm ja auch bei jedem Oldtimer die Probefahrten. Sechs bis acht Komplettrestaurierungen schaffen sie hier in Steinbergkirche im Jahr. Dazu kommt die Pflege und Wartung von 800 Oldtimern. Und das ist dann für sie alle hier das Schönste, wenn die Autos wiederkommen zur Wartung. "Ah guck mal, da ist er wieder", ist dann die Reaktion. Und dann sind alle happy.

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Schleswig-Holstein Magazin | 15.07.2020 | 19:30 Uhr

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