Ein leerer Gerichtssaal. © NDR

Neonazis solidarisieren sich mit ehemaliger KZ-Sekretärin

Stand: 06.10.2021 06:32 Uhr

Die wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord angeklagte ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. bekommt Unterstützung aus der rechtsextremen Szene. Sie wird als "Rebellin von Itzehoe" gefeiert.

von Julian Feldmann

Ein Justizbeamter schaut vor dem Prozess gegen eine 96-jährige ehemalige Sekretärin des SS-Kommandanten des Konzentrationslagers Stutthof im Gerichtssaal auf seine Uhr © dpa Foto: Markus Schreiber
Zum Prozessbeginn vor dem Landgericht Itzehoe ist die Angeklagte Ende September nicht erschienen.

Rechtsextremisten werben im Internet für "Solidarität" mit der einstigen Schreibkraft im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. In einem in rechtsextremen Kreisen verbreiteten Aufruf wird Irmgard F. als "Rebellin von Itzehoe" gefeiert. "Sie ist 96 Jahre alt, aber sie bietet dem Polit-Tribunal mutig die Stirn", heißt es dort. Außerdem rufen die Verfasser dazu auf, am nächsten Verhandlungstag Mitte Oktober den Prozess zu besuchen. Weil die 96-Jährige vor dem Prozessbeginn am Landgericht Itzehoe geflohen war, saß sie zwischenzeitlich in Untersuchungshaft. Inzwischen wurde sie aus der U-Haft entlassen.

Die Rechtsextremen fordern ein Ende einer angeblichen "Rachejustiz" und "Gerechtigkeit für Irmgard F.". Auch die NPD fordert "Freiheit für Irmgard F.". "Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher", schreibt die Hamburger NPD auf ihrer Website.

Rechtsextremist Nerling will zum Prozess kommen

Der als "Volkslehrer" bekannte Berliner Rechtsextremist Nikolai Nerling kündigte auf seinem öffentlichen Telegram-Kanal an, er werde zum nächsten Verhandlungstermin nach Itzehoe reisen. Wegen seiner rechtsextremen Aktivitäten war Nerling aus dem Schuldienst entlassen worden.

Er hatte sich bereits 2019 bei einem Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann in Hamburg mit diesem solidarisiert. Damals hatte das Landgericht Hamburg einen Antrag Nerlings abgelehnt, als "freier Journalist" den Prozess beobachten zu dürfen. Das Gericht befürchtete, er würde den Prozess stören. Nerling hatte damals mit NPD-Anhängern vor dem Gericht Spalier für den einstigen SS-Wachmann gestanden. Der Berliner Rechtsextremist ist in der Vergangenheit bereits rechtskräftig wegen Volksverhetzung verurteilt worden, weil er den Holocaust relativierte.

Neonazi-Verlag: "Die letzte Gefangene des Zweiten Weltkriegs"

Im Internet kursieren weitere Solidaritäts-Aufrufe mit der Angeklagten: Ein Neonazi-Verlag fordert "Freiheit für die letzte Gefangene des Zweiten Weltkriegs!". Zudem wird behauptet, dass der 96-Jährigen "zwecks Befriedigung unversöhnlicher Rachegelüste" der Prozess gemacht werde. An der "rebellischen Rentnerin", so der rechtsextreme Verlag auf seinem Telegram-Kanal, dürfe "kein Exempel statuiert werden".

Anwalt: Dahinter steckt Kalkül

Für Rechtsanwalt Onur Özata, der drei Holocaust-Überlebende als Nebenkläger vertritt, steckten hinter der Solidarisierung mit der Angeklagten Kalkül. "Den Rechtsextremen geht es darum, Staat und Justiz als Unrechtsregime darzustellen." Zwar könne das Gericht bei einer öffentlichen Verhandlung Rechtsextreme nicht allgemein ausschließen, sagt Özata. Der Jurist fordert jedoch, das Gericht müsse "sehr wachsam sein und rechtsextreme Solidaritäts-Bekundungen oder Symbolik entschieden sanktionieren".

Grundsätzlich sei das Landgericht auf mögliche Gefahrenlagen vorbereitet, sagte eine Gerichtssprecherin auf Anfrage des NDR.

Anklage: Beihilfe zum Mord

Irmgard F. ist wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen angeklagt. Sie hatte 1943 bis 1945 im KZ Stutthof bei Danzig als Schreibkraft gearbeitet. Damals war sie 18 beziehungsweise 19 Jahre alt. Dort soll die Sekretärin in der Kommandantur von den Vorgängen im Lager gewusst haben. Es ist das erste Mal, dass gegen eine zivile Angestellte verhandelt werden soll. Wegen des großen Interesses an dem Prozess hatte das Landgericht die Verhandlung in eine Halle eines Logistik-Unternehmens in Itzehoe verlegt.

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