Stand: 24.11.2018 11:52 Uhr

Narben auf der Seele: Folgen sexueller Gewalt

von Michael Frömter

Opfer sexueller Gewalt haben Schicksale erlitten, die sie meist nicht mehr vergessen. Von den im vergangenen Jahr registrierten Straftaten waren in etwa 75 Prozent der Fälle Mädchen betroffen. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sprach bei tagesschau.de in diesem Zusammenhang von der "Dimension einer Volkskrankheit". Die vorliegenden Zahlen zeigten, wie massiv das Problem in Deutschland ist, sagte Rörig. Die Täter sind meist männlich und stammen nach Angaben von Experten aus allen sozialen Schichten, sind sowohl homo- als auch heterosexuell.

Meist stammen die Täter aus dem engsten Familienkreis oder dem näheren sozialen Umfeld wie der Nachbarschaft oder dem Bekanntenkreis. Das ist der Grund, warum viele Opfer aus Scham schweigen oder zum Schweigen gezwungen werden. Nur wenige, wie Kristin (Name auf Wunsch geändert, Anm. d. Red.) aus Schleswig-Holstein, fassen irgendwann einmal den Mut, ihr Schicksal öffentlich zu machen.

"Er hätte mich besser umgebracht"

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Wie ergeht es Opfern sexueller Gewalt? Die Folgen belasten die Opfer meist ein Leben lang.

Kristin, heute Anfang 30, fasst allen Mut zusammen, will ihre Erfahrungen anderen Menschen mitteilen, damit auch sie die Kraft finden, zu reden. Außerdem ist ihr wichtig, der Gesellschaft klarzumachen, dass Opfer sexueller Gewalt mehr Unterstützung brauchen. Als neunjähriges Mädchen, schildert Kristin, war sie von einem Mann auf der Straße aufgegriffen und vergewaltigt worden. "Ich dachte, er bringt mich um, aber er hat mich freigelassen, nachdem er mit mir fertig war. Allerdings habe ich, bei vielem, was danach passiert ist, mir häufig gewünscht, dass er mich besser umgebracht hätte", sagt Kristin.

Plötzlich war alles anders

Nach der Tat war für sie alles anders. "Ich fühlte mich irgendwie 'falsch' und verantwortlich für das, was passiert war und was es bei meinen Mitmenschen auslöste", schildert die junge Frau. Auch wenn sie die unterschiedlichen Reaktionen der Erwachsenen damals aus heutiger Sicht verstehen kann, habe sie es als Kind noch nicht richtig einordnen können. "Ich konnte nicht verstehen, warum ich alle so verzweifelt und traurig gemacht habe. Warum meine Familie und andere Erwachsene auf einmal nicht mehr zu wissen schienen, wie sie mit mir umgehen sollen", sagt Kristin.

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Vergewaltigt, hilflos, allein gelassen

Bereits direkt nach der Tat habe es kaum jemand geschafft, ihr in die Augen zu schauen oder sie zwischendurch mal anzulächeln - weder bei der Polizei noch im Krankenhaus, schildert Kristin ihre Erlebnisse: "Wenn ich heute darüber nachdenke, als Gynäkologe im Krankenhaus ein kleines, verletztes Mädchen behandeln zu müssen, das gerade von einem erwachsenen Mann vergewaltigt wurde, oder als Polizistin ein Kind befragen müsste, kann ich mir vorstellen, was in den Menschen vor mehr als 20 Jahren vorging." Damit steht Kristin nicht allein. Vor allem Unkenntnis und Scham führen nach Ansicht von Experten teilweise bis heute dazu, dass das Verhalten von Erwachsenen gegenüber missbrauchten Kindern nicht mehr kindgerecht ist.

Ablehnung im sozialen Umfeld

Waren für Kristin schon die Erlebnisse in der Klinik und bei der Polizei unverständlich, gab es auch noch im sozialen Umfeld auf dem Dorf Verhaltensweisen anderer, die Kristin befremdeten: "So hat zum Beispiel ein Vater seiner Tochter den Kontakt mit mir verboten und sie verprügelt, als er uns zusammen erwischte. Ich wusste, dass ich und das, was mir passiert war, Schuld an seinem Verhalten waren. Ich wusste aber nicht, warum."

Heute habe sie eine ganz klare Meinung zu diesem Vater, aber als Kind habe sie sich nur noch mehr geschämt. Dieses Gefühl ist bis heute geblieben. Um nicht an die Vergewaltigung zu denken, versuchte Kristin Jahre lang nicht mehr darüber zu sprechen. Wenn die Tat dann doch zum Thema wurde, behauptete sie, die Vergewaltigung habe keinen Einfluss auf sie selbst gehabt. Aus heutiger Sicht ein fataler Irrtum: "Irgendwann habe ich das dann auch geglaubt."

Spätfolgen einer Vergewaltigung

Im Laufe der Zeit musste Kristin dann doch feststellen, wie sehr sich ihr Leben verändert hatte. In der Pubertät entwickelte sie eine Essstörung, die sie bis in ihr Erwachsenenleben begleitete. Hinzu kamen weitere psychische Erkrankungen. "Ich bekam schwere Depressionen und habe mich so gehasst, dass ich lange Zeit einfach nur verschwinden wollte. Als Jugendliche habe ich noch gedacht, ich muss nur die Schule schaffen und erwachsen werden, dann bekomme ich mein Leben schon in den Griff. Aber je älter ich wurde, desto schwieriger schien es zu werden", sagt Kristin heute. 

Für eine Ausbildung fehlte die Kraft

Ihr Abitur habe sie noch geschafft, für Studium und eine Ausbildung fehlte Kristin nach kurzer Zeit die Kraft: "Die Depressionen und Ängste, die ich hatte, waren für mich so übermächtig, dass ich es kaum geschafft habe, einen Alltag zu bewältigen." Auch einem Beruf ohne Ausbildung hat Kristin nicht nachgehen können, da sie viel zu oft über lange Zeiträume kaum ihre Wohnung verließ. "Ich habe also nur ehrenamtlich gearbeitet - je nachdem, wie es mir möglich war. Dadurch habe ich nie in die Rentenversicherung eingezahlt und habe keinen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente." So musste Kristin viele Jahre mit der vom Sozialamt gezahlten Grundsicherung auskommen. Davon habe sie zwar leben können, aber wenn zusätzliche Rechnungen etwa für Zahnbehandlungen oder eine Brille anfielen, sei sie in ernsthafte Schwierigkeiten gekommen. "Vieles konnte ich nur durch finanzielle Unterstützung meiner Familie und Freunde bewältigen", sagt Kristin.

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Angemessene Opferentschädigung: Fehlanzeige

Irgendwann erfuhr Kristin, dass es ein Opferentschädigungsgesetz gibt. Es soll Opfer von Gewalttaten vor sozialem Abstieg bewahren. Es sieht neben Heilbehandlungen eine monatliche Grundrente vor, die abhängig vom Schaden und von der Berufsfähigkeit ist. Ziel des Gesetzes ist es, ein "würdiges" Leben zu führen. Doch Theorie und Praxis klaffen oft auseinander. Das muss auch Kristin feststellen. Den Opfern werde die Beantragung oft unnötig schwer gemacht, sagt sie: "Das weiß ich aus zahlreichen Erzählungen anderer Opfer." Außerdem habe sie ähnliche Erfahrungen gemacht. Nachdem sie den entsprechenden Antrag beim zuständigen Landesamt für soziale Dienste eingereicht hatte, passierte erstmal ein Jahr lang gar nichts. Erst auf Nachfrage erhielt sie einen Termin zur Begutachtung - ein weiteres halbes Jahr später. Dann musste sie wieder ein paar Monate warten, bis der Bescheid kam: Ablehnung.

Monatliche Zahlung von 140 Euro

Die Begründung war zynisch. Lediglich ihre Probleme mit Partnerschaft und Sexualität kämen von der Vergewaltigung, hieß es. Ihre übrigen Beschwerden führten dazu, dass sie eine Schwerbehinderung anerkannt bekam, die die Folgen der Vergewaltigung aber unberücksichtigt ließen. Statt Ausgleichszahlungen bewilligte das Landesamt nur eine Heilbehandlung. Gegen die Entscheidung reichte Kristin Klage beim Sozialgericht ein. Doch auch das Verfahren dauerte wieder mehrere Jahre. Erst ein unabhängiger Gutachter führte letztendlich dazu, dass das Landesamt ihr ein Angebot unterbreitete. Dabei wurde Kristins Grad der Schädigung bezogen auf die Vergewaltigung so niedrig angesetzt, dass sie inzwischen eine monatliche Zahlung von lediglich 140 Euro bekommt. "Ich hatte aber damals keine Kraft mehr, weiter zu kämpfen und nahm das Angebot an", sagt Kristin heute.

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Als Kristin im Zuge der genehmigten Heilbehandlung bei ihrer Krankenkasse eine stationäre Traumatherapie in einer speziellen Klinik in Dresden beantragte, lehnte die Kasse ab. Begründung: Eine solche Therapie könnte auch ambulant und im näheren Umfeld stattfinden. Für Kristin unverständlich, hatte sie doch bereits ambulante Therapien hinter sich. Sie schaltete das Landesamt für soziale Dienste ein, das sich mit der Krankenkasse in Verbindung setzen wollte. Doch das geschah offenbar erst wieder einige Monate später. Der Grund: Das Verfahren um die Opferrente war noch nicht abgeschlossen. "Erst als das Gerichtsverfahren beendet war, erhielt ich einige Tage später von meiner Krankenkasse die Zusage für Traumatherapie - eineinhalb Jahre nach der Beantragung", sagt Kristin. Dass sie kein Einzelfall war, merkte sie in der Klinik. Dort traf Kristin andere Patientinnen, die ebenfalls lange - teilweise Jahre - für ihre Therapie kämpfen mussten. "Bei allem was ich gehört und selbst erlebt habe, frage ich mich ernsthaft, wer die Entscheidung trifft, ob, wann und wie lange einem Opfer von sexueller Gewalt in der Kindheit geholfen wird."

Hilflose Ratschläge

Was Kristin neben der Bürokratie für Opfer sexueller Gewalt besonders trifft und ärgert, ist die Frage, ob die Betroffenen sich die Geschichte nicht nur ausgedacht haben oder der Ratschlag, man solle das ganze jetzt einfach mal vergessen, es sei doch schon so lange her. "All diesen Menschen möchte ich nur sagen: Wir wünschten, wir hätten uns das nur ausgedacht. Und nichts erhoffen wir uns mehr, als vergessen zu können. Auch ich habe bis heute mit den Folgen zu kämpfen. Aber ich hatte neben all den schlechten Erfahrungen, die ich mit Behörden und Co. gemacht habe, auch viel Glück. Ich habe Familie und gute Freunde, die mich unterstützen und respektieren, so wie ich bin."

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Sexueller Missbrauch und schwere Misshandlungen: Laut polizeilicher Kriminalstatistik werden Tausende Kinder in Deutschland Opfer von Gewalt. Mehr bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 25.11.2018 | 20:05 Uhr

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