Stand: 07.12.2018 07:23 Uhr

Nach Asbestfund: Schüler ziehen ins Rathaus

Rathaus statt Klassenraum - so sieht für drei Klassen des Schulzentrums Mühlenredder in Reinbek im Kreis Stormarn seit Mitte der Woche der Schulalltag aus. Die Umstände und die Furcht, dass Schüler und Lehrer möglicherweise jahrelang der Asbestgefahr ausgesetzt waren, bereiten große Sorgen.

Unterricht im Rathauskeller

Unterricht haben die Schüler nun unter anderem in Kellerräumen des Rathauses. Auch die Feuerwehr und andere Einrichtungen haben Räume als alternative Klassenzimmer zur Verfügung gestellt. Das Schulzentrum war am Dienstag gesperrt worden, nachdem in zwei Räumen eine erhöhte Konzentration von krebserregenden Asbestfasern festgestellt wurde. Die Messungen waren im Rahmen von geplanten Sanierungsmaßnahmen vorgenommen worden. Wie lange die Schule nun geschlossen bleibt, ist unklar.

Schüler erfahren aus Medien von Sperrung

Auch für die Schüler kam die Sperrung überraschend: "Wir haben es aus dem Online-Vertretungsplan und aus den Medien erfahren", sagte Naima Selck aus der zwölften Klasse dem Schleswig-Holstein Magazin. Am Mittwoch blieben die Schüler zuhause, bevor es in die Ersatzklassenzimmer ging. An die Übergangslösung müssen sie sich jetzt gewöhnen: "Wir freuen uns aber, dass wir wieder Unterricht haben", sagte Schüler Leander Assmussen. Natürlich fehle es am Nötigen, wie Internet-Zugang, White-Boards und Beamern. "Ich mache mir aber vor allem Gedanken um die Lehrer, die teilweise schon seit 25 Jahren an der Schule sind und dieser Gefahr ausgesetzt sind", spricht Zwölftklässler Falk Schriewer ein weiteres Problem an.

Wurden Messungen versäumt?

Amrei Rosin unterrichtet seit drei Jahren an der Schule. Als die Nachricht kam, habe sie erstmal nachgedacht, wie oft sie in den betroffenen Räumen gewesen sei. Insgesamt sei man im Lehrerkollegium geschockt. "Es sind da teilweise Kollegen, die seit Beginn ihrer Berufskarriere unterrichten, die das Asbest möglicherweise ihr halbes Leben lang eingeatmet haben. Die fragen sich natürlich: Hat das Folgen?"

Schulleiter unterstützt Gesundheitscheck für Kollegen

"Asbestbelastete Gebäude sind bekannt in Deutschland und man hätte ja durchaus auch Messungen durchführen können. Schlimm!", sagt Dirk Böckmann, der Leiter der Gemeinschaftsschule. Er unterstützt die Idee, dass sich seine Kollegen gesundheitlich checken lassen. Der Schulleiter prangert Versäumnisse an: "Die Lehrer hätten erwartet, dass das Gebäude regelmäßig untersucht wird", sagt Böckmann. Vor allem habe es von den Lehrern immer wieder den Wunsch gegeben, dass kritische Werte gemessen werden - dies sei aber nie passiert. "Eigentlich hätte längst gemessen werden müssen. Das ist ein Bereich, in dem Schüler unterwegs sind", sagt Reinbeks Bürgermeister Björn Warmer (SPD).

Bürgermeister von Reinbek fassungslos

Die letzte Messung war 2009, allerdings in Räumen, in denen keine Asbestplatten verbaut wurden. "Ich schlage da selbst die Hände über dem Kopf zusammen, wie man über die ganze Zeit mit diesem Gebäude umgegangen ist", sagt Reinbeks Bürgermeister Björn Warmer (SPD). Eine ganze Reihe von Informationen würden jetzt gesammelt "und jetzt fällt auf: Eigentlich hätte längst gemessen werden müssen. Das ist ein Bereich, in dem Schüler unterwegs sind", sagt der Bürgermeister.

Umzug in Hauptschule möglich

In den kommenden Tagen soll nun geklärt werden, wie viele Räume im Schulzentrum betroffen sind. Für die Messungen wurden zusätzliche Messgeräte angefordert, sagte eine Stadtsprecherin am Donnerstag. Außerdem werde eine Ausweichmöglichkeit gesucht. Aktuell wird geprüft, ob die Schule in eine leer stehende Hauptschule in Wentorf bei Hamburg umziehen könne, berichtet Bürgermeister Warmer. Zudem werde es einen Elternabend geben, auf dem die Eltern über mögliche gesundheitliche Folgen für ihre Kinder informiert werden.

Lehrerin Rosin hofft, dass nicht alle Räume betroffen sind und die Schule nicht komplett abgerissen werden muss.

Asbest: Eigenschaften und Gesundheitsgefahren

Da Asbest außerordentlich hitze- und weitgehend chemikalienbeständig ist, wurde er in der Vergangenheit im Baubereich häufig genutzt. Die Faserstruktur macht Asbest jedoch bei der Gewinnung, Verwendung und Entsorgung gefährlich. Die sehr feinen Fasern können mit der Atemluft in den Körper gelangen und lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen. Die von Asbest ausgehenden Gesundheitsgefahren führten 1995 zu einem Verbot von Asbestprodukten in Deutschland. (Quelle: Umweltbundesamt)

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.12.2018 | 19:30 Uhr

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