Stand: 10.10.2019 10:47 Uhr

Nach Anschlag von Halle: "Wir werden umdenken"

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Walter Blender vertritt den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein.

Nach dem mutmaßlich antisemitischen Angriff eines 27-Jährigen in Halle (Saale) ist Kritik des Zentralrats der Juden laut geworden. Die Synagoge der Stadt sei nicht ausreichend geschützt gewesen. Die Polizei im Norden verstärkte den Schutz für jüdische Einrichtungen am Mittwoch. Synagogen in Schleswig-Holstein seien generell polizeilich besonders geschützt, teilte das Landeskriminalamt auf Anfrage mit. Eine konkrete Gefahr sehe die Polizei derzeit nicht.* Der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein, Walter Blender aus Bad Segeberg, fordert im Interview mit NDR Schleswig-Holstein jedoch eine neue Sicherheitseinschätzung der Behörden.

Was geht in Ihnen vor, wenn sie solche Ereignisse in Deutschland erleben?

Walter Blender: Also ich spreche da nicht nur für mich, sondern auch für unsere Gemeindemitglieder und die Mitglieder anderer benachbarter Gemeinden unseres Landesverbandes. Wir sind natürlich gelähmt. Es sind erschreckende Bilder, erschreckende Nachrichten, die wir da gesehen haben. Das sind Dinge, mit denen wir im Leben nicht gerechnet haben. Wir sind nie davon ausgegangen, dass ein Angriff in so einer Art und Weise während eines Gottesdienstes stattfinden könnte.

Porträt Georg Mascolo © dpa picture alliance Foto: Malte Ossoski/Sven Simon Foto

Mascolo: Anschlag in Halle war rechtsextreme Tat

NDR Info - Infoprogramm -

Georg Mascolo, der Leiter der Recherche-Kooperation von NDR , WDR und "SZ", bewertet den Anschlag von Halle als rechtsextreme Tat. Seine Einschätzungen auf NDR Info.

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Wie haben Sie den gestrigen Nachmittag erlebt? Sie haben ja wahrscheinlich auch gefeiert.

Blender: Sicherlich hat jede Gemeinde ihren Jom-Kippur-Gottesdienst, weil das der höchste Feiertag ist. Wir sind natürlich auch von diesen Meldungen überrascht worden. Bei uns war es so, dass ein Teil der Gottesdienstteilnehmer nicht mehr bereit war, in der Synagoge zu bleiben. Sicherlich ist es objektiv gesehen vielleicht keine richtige Reaktion, weil wir keine Hinweise hatten, dass so etwas in Schleswig-Holstein auch oder gleichzeitig hätte stattfinden können. Aber die Menschen sind erheblich verunsichert gewesen - bis zum letzten Gottesdienst, dem Schlussgottesdienst, der dann ganz ausgefallen ist.

Nun hören wir in letzter Zeit immer häufiger von antisemitischen Vorfällen. Der Rechtsextremismus nimmt wieder zu erschreckenderweise. Wie sicher fühlen Sie sich bei uns in Schleswig-Holstein?

Blender: Wir haben uns immer in Schleswig Holstein sicher gefühlt. Wir brauchten nicht zu viel Polizei, wie vielleicht in anderen Großstädten, wo Synagogen extrem bewacht werden mussten. Bei uns ist das nur zu einem Teil so und bei den kleineren Gemeinden eher gering. Weil wir uns sicher fühlten, hatten wir auch nicht den Anspruch zu sagen, es muss etwas schärfer bewacht werden. Das ist jetzt natürlich irgendwo ganz anders geworden. Da werden wir selber umdenken und wir werden auch von der Politik erwarten, dass hier umgedacht werden muss.

Gibt es schon konkrete Forderungen oder gab es Anfragen von Ihren Gemeindemitgliedern?

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Die Synagoge in Lübeck wird nach einem Brandanschlag in den 1990er-Jahren rund um die Uhr von der Polizei bewacht.

Blender: Die Gemeindemitglieder haben sich am Mittwoch ganz eng ausgetauscht mit dem Vorstand des Landesverbandes und haben ihre Lage besprochen. Wir geben natürlich eine Rückmeldung, wie die Sicherheitslage in Schleswig-Holstein ist, weil wir da in einem engen Kontakt mit den Beamten des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein sind. Wir werden umdenken, wir werden neu diskutieren müssen, wie wir so etwas vielleicht zukünftig dann doch absichern müssen.

Die Tür zur Synagoge in Halle war ja glücklicherweise zum Zeitpunkt des Angriffs verschlossen. Ist es Zufall oder wird bei gewissen Gottesdiensten schon generell die Tür abgeschlossen?

Blender: Die Türen zu Gottesdiensten sind nicht immer verschlossen. Das ist davon abhängig, wie die örtliche Sicherheitssituation ist. Wir haben kleine Gemeinden in Elmshorn, in Pinneberg, in Bad Segeberg, in Ahrensburg - da wird man nicht die Tür verschließen. Sicherlich muss man durch ein Klopfzeichen um Einlass bitten, gerade wenn Gäste kommen. Aber wir müssen gestehen, dass wir da die Tür auch öfter mal aufgelassen haben, wenn zwischen kleinen Gottesdiensten Lichtphasen oder Luftphasen waren. So ist es am Jom Kippur zum Beispiel typisch, wo viele kleine Gottesdienste sind und zwischendurch die Gottesdienstteilnehmer sich draußen aufhalten und wieder reingehen. Das werden wir zukünftig anders machen müssen.

Polizisten sichern an der Mauer zur Synagoge in Halle (Saala) die Umgebung. © dpa-Bildfunk Foto: Swen Pförtner

Bestürzung nach dem Anschlag in Halle/Saale

NDR Info - Infoprogramm -

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat sich zum Anschlag in Halle geäußert. Außerdem: ein Gespräch mit dem jüdischen Journalisten Wolfram Nagel.

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Gibt es von Ihnen schon bestimmte Wünsche an die Politik oder an Sicherheitskräfte oder vielleicht auch an die Mitmenschen, an die Gesellschaft?

Blender: An die Politik und an die Gesellschaft stellen wir den Wunsch, dass man diese Rechtstendenzen, die ja seit langem bekannt sind, endlich noch mehr ernst nimmt und nicht nur den Kopf schüttelt und Betroffenheit zeigt, sondern aktiv gegen so etwas vorgeht. Wenn wir Dörfer oder Orte haben, wo eine örtliche rechte Szene ist und eine jüdische Gemeinde, muss man doppelt sensibel sein. Da verlangen wir von der Bevölkerung, von der Politik, von Parteien, von allen einfach eine noch größere Sensibilität und eine Gefahrenprognose von den Sicherheitsbehörden. Denn auch in Halle war es so, dass lange nichts geschah und man nie gedacht hätte, dass in Halle ein Anschlag passiert. Und das dachten wir eigentlich auch von unseren Gemeinden in Schleswig-Holstein nicht. Das muss man vielleicht anders oder neu bewerten.

Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Einschätzung.

Das Interview führten Horst Hoof und Mandy Schmidt, NDR Schleswig-Holstein.

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein ist mit 566 Mitgliedern der kleinere der beiden jüdischen Landesverbände. Der größere Verband ist mit 1.112 Mitgliedern die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein.

* Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) erklärte am Donnerstag, dass die Polizei in Schleswig-Holstein die "Maßnahmen der Lage angepasst intensiviert" habe. Der verabscheuungswürdige Angriff auf das friedliche Zusammenleben der Gesellschaft sei natürlich auch in Schleswig-Holstein Anlass für eine intensive Lagebewertung durch die Sicherheitsbehörden, sagte Grote. "Diese wird im engen Austausch mit den Sicherheitspartnern auf Bundesebene fortlaufend aktualisiert."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 10.10.2019 | 12:00 Uhr

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