Stand: 02.09.2020 05:00 Uhr

NOK: Nach Havarie wird gegen Crew ermittelt

von Christian Wolf

Warum ist der rund 88 Meter lange Frachter "Else" fast ungebremst in das Tor der Nordkammer der Schleuse in Kiel-Holtenau gekracht? Warum war kein Lotse an Bord? Auch nach Tagen wirft die Havarie, bei der niemand verletzt wurde, immer noch viele Fragen auf. "Gemeinsam mit der Wasserschutzpolizei führen wir ein Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen Schiffsführer", so Oberstaatsanwalt Henning Hadeler. Die Besatzung des Schiffes beruft sich auf technisches Versagen. Ob es daran gelegen habe oder an menschlichem Versagen, könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden, so Hadeler. Vor allem der Funkverkehr zwischen den Beteiligten rückt nun in den Fokus der Ermittler und die Frage, wer wen wann angefunkt hat.

Scheinbar widersprüchliche Aussagen

Die Besatzung soll nach Augenzeugenberichten nicht an Deck gewesen sein, als das Schiff fast ungebremst in die Schleuse krachte. Sämtliche Ampeln der Anlage in Kiel standen nach Angaben der Wasserschutzpolizei auf rot und waren gut sichtbar, eine wetterbedingte Einschränkung gab es zum Unfallzeitpunkt nicht. Nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein soll der zuständige Schleusenmeister allerdings erst kurz vor der Kollision das Schiff angefunkt haben.

Hätte geentert werden können?

Es kam zudem die Frage auf, warum das Schiff nicht geentert wurde, um das Unglück noch zu verhindern. Hintergrund: Ist ein Schiff führerlos und reagiert nicht auf Funksprüche, muss die zuständige Schifffahrtspolizei eine Verfügung erlassen, damit das Kommando eines Schiffes übernommen werden kann. Dann kann beispielsweise die Wasserschutzpolizei an Bord gehen. Ob das in diesem Fall zeitlich überhaupt möglich gewesen wäre, ist nicht klar.

Beschädigtes Schleusentor wurde bereits entfernt

Währenddessen kommen die Arbeiten an der Nordkammer voran. So konnte das beschädigte Schleusentor noch am Dienstag nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes mit Hilfe der Trimmtanks aufschwimmen und seitlich in der Schleuse festgemacht werden. "Wir können aber noch nicht sagen, wann das andere Tor eingebaut werden kann", so der Leiter Detlef Wittmüß. Auch zur genauen Schadenshöhe konnte er sich noch nicht äußern. Fraglich ist zudem, ob der Schaden am Ende so groß ist, dass die Reparatur ausgeschrieben werden muss. Genauere Untersuchungen sollen dies in den kommenden Tagen ergeben, nachdem das Schleusentor in den Binnenhafen Holtenau geschleppt wurde. Bis auf weiteres steht der Schifffahrt in Kiel damit nur eine Schleusenkammer zur Verfügung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 02.09.2020 | 08:00 Uhr

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