Stand: 19.07.2019 12:20 Uhr

NEW 4.0: Die Energiewende im Praxistest

von Robert Tschuschke

In Norddeutschland weht der Wind häufig so stark, dass die Windräder mehr Strom produzieren als verbraucht werden kann. Die Stadtwerke Norderstedt haben eine Idee auf dem Prüfstand, wie man überschüssige Windenergie nutzen kann: Nämlich dann, wenn sie gerade zur Verfügung steht. Seit Mai dieses Jahres probieren Patrick und Kathrin Hesse aus Norderstedt das aus. Sie nehmen an dem Projekt Norddeutsche Energiewende 4.0, kurz NEW 4.0, der Stadtwerke teil.

Windräder

Projekt: Überschüssige Windenergie nutzen

Schleswig-Holstein Magazin -

Windräder produzieren oft mehr Energie, als benötigt wird. Die Stadtwerke Norderstedt untersuchen nun im Projekt NEW 4.0, wie Privatkunden diese überschüssige Energie nutzen könnten.

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Patrick geht die Treppe hinunter in den Keller des Eckreihenhauses. "Wir haben hier die Waschmaschine, den Trockner und eine Kühlkombination an drei spezielle Steckdosen der Stadtwerke angeschlossen. Wir bereiten die Waschmaschine vor, mit Pulver und Programm. Und waschen dann, wenn die Steckdosen geschaltet werden."

Kosten sparen und Energiewende unterstützen

Ansteuerbare Steckdosen müssen dafür nicht extra verlegt werden. Sie werden in die vorhandenen Steckdosen aufgesteckt und dann über eine spezielle Smart-Home-Station, einen kleinen weißen Würfel, angesteuert. Patrick und Kathrin Hesse wollen einen Beitrag zur Energiewende leisten und Kosten für Strom sparen. 10 Euro im Monat sind das Ziel. "Da sind wir auch echt nah dran", sagt Patrick und lächelt. "Aber die Kühlkombination läuft zum Beispiel im Dauerbetrieb, bezieht auch den normalen, teuren Strom. Da sind wir nicht ganz konsequent."

NEW 4.0: Zukunftsfähigkeit durch nachhaltige Energieversorgung

Ansonsten seien die Umstellungen sehr gering, erzählen Patrick und Kathrin. Sie gehören zu insgesamt 850 Testkunden in Norderstedt, die an dem Projekt teilnehmen. Jeder Haushalt bekommt insgesamt vier ansteuerbare Steckdosen und eine spezielle Smart-Home-Station. Voraussetzung für die Anlage ist ein digitaler Stromzähler und ein Internetanschluss.

Windenergie im Überfluss

Die Stadtwerke Norderstedt wollen im Rahmen von NEW 4.0 herausfinden, ob die Nutzer ihr Bewusstsein und somit ihre Lebensgewohnheiten ändern. Denn: Windenergie ist zu bestimmten Zeiten im Überfluss vorhanden und somit günstig. Laut Thorsten Meyer, Leiter des Projekts, würde die Energie aber verpuffen, wenn sie niemand nutzt. Aufgrund der notwendigen gleichmäßigen Netzwerkfrequenz von 50 Hertz (Hz) müssen Windkraftanlagen abgestellt werden, wenn sie zuviel Energie produzieren und keine Abnehmer vorhanden sind.

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Offizieller Start des Projekts mit angeschlossenen Kunden war im vergangenen September. "Wir haben jetzt quasi Halbzeit. Das eigentliche Ziel von 2.000 Testkunden werden wir nicht erreichen, aber wir wollen noch auf 1.000 Testhaushalte kommen", erklärt Meyer. "Im November 2020 müssen wir das Projekt dann mit allen Auswertungen komplett abgeschlossen haben." Und beim Kundenfeedback ist alles dabei: "Es wurden Geräte auch wieder abgegeben. Das liegt meistens daran, dass überwiegend älteren Menschen einfach sagen: Es wird extern gewaschen, ich habe gar nicht so große Verbraucher. Für sie ist es einfach nicht so handhabbar. Und dann haben wir auch viele zufriedene Testpersonen", so der Projektleiter.

Nicht bei allen Geräten lief alles von Beginn an glatt

Bei Familie Hesse läuft eigentlich alles gut, findet Patrick. "Nur der Trockner kann sich nicht merken, wo er im Programm war, wenn sich die Steckdose nach einer Stunde ausschaltet und dann später wieder angeht." Die Stadtwerke bieten deshalb in den kommenden Wochen einen zweiten Tarif an, der für drei Stunden den Strom garantiert. Zum Vergleich: Der Windstrom über die speziellen Steckdosen kostet 5 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Hierbei ist mindestens eine Stunde Strom garantiert. Der neue Drei-Stunden-Strom soll teurer werden und 15 Cent pro kWh kosten. Der Normaltarif liegt bei 28 bis 30 Cent pro kWh. Im Idealfall sollen die Kunden rund 100 Euro im Jahr sparen.

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Staubsaugen auf Zuruf

Die vierte ansteuerbare Steckdose der Hesses ist im Wohnzimmer. Ob die Haare vom Hund oder Kekskrümel der beiden kleinen Töchter: Der Staubsauger zählt zu den häufig genutzten Geräten der Familie. "Man kann das Staubsaugen schon planen. Wenn es akut ist, dann nehmen wir natürlich auch den teuren Strom", sagt Patrick. Über eine App kann jederzeit überprüft werden, welche Steckdose welchen Strom gerade verbraucht. Thorsten Meyer erklärt: "Man kann Automatismen laufen lassen. Außerdem bekommen Kunden permanent Nachrichten auf ihr Handy. Eine Neuerung ist jetzt, dass die Steckdosen einzeln ausgelesen werden können - zum Beispiel wenn gerade der Drei-Stunden-Tarif nur an einer Steckdose geschaltet ist."

Weitere Neuerungen in Sicht

Bis zum Projektende werden laut Meyer voraussichtlich auch noch weitere Neuerungen ausprobiert, wie zum Beispiel eine spezielle Steuerung des Windstroms für E-Autos. Außerdem habe ein Hamburger Student einen Batteriespeicher samt Software für Zuhause entwickelt. "Damit müsste man sein tägliches Verhalten nicht einmal ändern", erklärt Meyer. "Das ist aber sehr teuer und rechnet sich wahrscheinlich erst nach 10 bis 15 Jahren. Es ist also noch eher Zukunftsmusik."

Patrick und Kathrin Hesse sind aber auch mit der Gegenwart und den vier Steckdosen samt Smart-Home-Station zufrieden. "Wenn es das weiter gibt, wollen wir es weiter nutzen", sagt Patrick. "Ich finde es definitiv sinnvoll auch für andere. Denn so kann man auch seinen Beitrag leisten zu diesem Forschungsprojekt und nebenbei auch Geld sparen." Bis zum Jahr 2035 soll der Strom in Norddeutschland zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien bestehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Der Nachmittag | 18.07.2019 | 19:30 Uhr

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