Stand: 06.06.2020 12:58 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Neumünster: Wie eine Frau trotz Corona eine Bar eröffnet

Noch liegt der leichte Geruch von frischer Farbe und gesägtem Holz in der Luft. Alena von der Mehden steht hinter dem frisch restaurierten, hellen Tresen und zapft ein Bier für einen Gast. Mit einem geübten Handgriff stellt sie anschließend eine Tasse unter den Kaffeeautomat und drückt auf eine der Tasten. Von der Mehden ist hier die Chefin und Inhaberin: Tagsüber Café mit kleinen Gerichten, abends Bar - das ist das Konzept ihres Lokals "Zum Anker" in Neumünster, direkt am Kleinflecken. Die 26-Jährige hat gemeinsam mit ihrem kleinen Team erst vor gut einer Woche den Betrieb neu eröffnet. "Wir sind eher ruhig gestartet. Geplant ist, dass es hier auch richtige kleine Partys gibt, im Moment ist das aber natürlich nicht möglich", sagt sie.

Vermieter aus dem Familienkreis

In den vergangenen Wochen musste von der Mehden vor allem eine Frage beantworten, erzählt sie. Wie sie denn in diesen Corona-Zeiten nur eine neue Bar eröffnen könne. Die Antwort sei eigentlich ganz einfach, sagt von der Mehden. Als sie noch International Management in Flensburg studierte, habe sie gemerkt, dass ein Bürojobs nichts für sie ist. "Mein Studentenjob in der Gastronomie hatte es mir aber angetan. Ein schickes Café mit einer netten Bar in Neumünster - das war einfach mein Traum", erzählt sie. Dass der nun wahr wird, liegt auch an einem besonderen Umstand: Ihrer Tante und ihrem Onkel gehört das Haus am Kleinflecken, in dem von der Mehden ihr Lokal hat. "Als die das Haus sanierten und unten die Fläche frei wurde, war das die Gelegenheit".

Ein Jahr lang harte Arbeit

Die Kneipe "Zum Anker" am Kleinflecken in Neumünster hat eine lange Tradition. Als von der Mehden die Räume übernahm, war aber klar, dass kein Stein auf dem anderen bleiben würde: Gut ein Jahr lang wurde an jeder Ecke gebohrt, gehämmert, verputzt und gestrichen. Stammgäste von damals würden den "Anker" nicht wiedererkennen.

Eröffnung musste verschoben werden

Eigentlich sollte Anfang April groß Eröffnung gefeiert werden, doch dann kam Corona: Die Gastronomie in Schleswig-Holstein wurde von der Landesregierung im März komplett geschlossen. "Das war erstmal ein Schock. Andererseits hatte ich so die Möglichkeit, Restarbeiten zu erledigen und die Cocktailkarte noch einmal zu überarbeiten", sagt von der Mehden. "Es war gut, dass ich noch keine Werbeanzeigen gebucht hatte", sagt sie und wirkt dabei entspannt. Mit einem Lächeln ergänzt sie: "Ich habe hier so viel Arbeit, Herzblut und Geld reingesteckt, es war immer klar, dass ich hier eröffnen werde, ob nun zwei Monate früher oder später - das war nicht ausschlaggebend“, so die Unternehmerin, die aus Ehndorf im Kreis Rendsburg-Eckernförde kommt.

Bisher nur 50 Prozent der geplanten Umsätze

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Corona erschwert den Start: Die Wirtin hatte mit doppelt so vielen Gästen gerechnet, jetzt bleibt der Innenraum manchmal komplett leer.

Vor dem "Anker" sitzen an diesem Nachmittag nur wenige Gäste an den Tischen, die in der Sonne stehen. Drinnen sind sogar alle Stühle leer. In der ersten Woche habe sie nur ungefähr die Hälfte der Einnahmen gehabt, mit der sie vor Corona kalkuliert hatte, sagt die junge Frau. Abends sei etwas mehr los als tagsüber. Um das Geschäft zusätzlich anzukurbeln und auf mehr Einnahmen zu kommen, hat die Gastronomin ein Projekt vorgezogen: "Eigentlich wollte ich erst mal nur Getränke anbieten, nun koche ich jeden Tag mittags kleine Gerichte. Bisher kam das gut an."

Die ersten Mitarbeiter sind Freunde

Eine Köchin einzustellen, wie zunächst geplant, hat Alena von der Mehden auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben. Im Moment lebt sie selbst von ihrem Ersparten und beschäftigt vier 450-Euro-Kräfte, die allerdings nicht auf die Aushilfsjobs angewiesen sind: "Das sind Freunde von mir, die alle noch andere Jobs haben. Außerdem ist meine Tante ja meine Vermieterin. Das kommt mir beides zugute. Wäre das nicht so, hätte auch ich es jetzt sehr viel schwerer."

Angst vor einer zweiten Corona-Welle

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Desinfektion nach jedem Gast ist Pflicht.

Was bei allem Optimismus bei von der Mehden bleibt, ist die Befürchtung, wieder dicht machen zu müssen - falls eine zweite Corona-Welle nach Schleswig-Holstein kommt. "Auch deshalb bin ich wirklich streng: 'Bitte die Maske aufsetzen und die Abstände einhalten', das sage ich besonders abends ganz häufig zu meinen Gästen. Das tut mir schon manchmal richtig weh, weil die Atmosphäre hier ja eigentlich locker sein soll. Aber im Moment nützt es eben nichts." Und dann muss Alena von der Mehden wieder los: Ein Gast ist gegangen. Jetzt muss sie Tische desinfizieren. Das ist im Moment Pflicht nach jedem Besuch - auch das gehört dazu, zu einer Gastronomie-Neueröffnung zu Corona-Zeiten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein von 10 bis 2 | 06.06.2020 | 12:40 Uhr

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