Zuschauerinnen tanzen während eines Konzerts. © Imago Images Foto: Imago Images / Pop-Eye

Musikclubs in der Krise: Es hilft nur eine gemeinsame Stimme

Stand: 02.03.2021 05:00 Uhr

Die Corona-Krise offenbart, wie sehr der Live-Musik in Schleswig-Holstein eine gemeinsame Stimme fehlt. Der noch junge Kinoverbund zeigt, was Lobbyarbeit auch für Konzert-Macher alles bewirken könnte.

von Arne Helms

Kai-Uwe Meyer schnippelt beim Telefonat Gemüse. Kurz vor Mittag. Als Musikclub-Betreiber würde er sich viel lieber um Konzerte kümmern. Aber die Realität heißt eben: Karotten. Der Lübecker ist seit Jahrzehnten in der Musikclub-Szene aktiv. Er führt das Rider’s Café in der Hansestadt. Die Sehnsucht nach Konzerten plagt ihn nicht nur, aber natürlich auch aus finanziellen Gründen. Im Publikumsbereich seines Saals, den sonst Hunderte füllen, stand er zuletzt allein - von zeitweiligen Band-Besuchen für Online-Streams mal abgesehen.

Der Lübecker Clubbetreiber Kai-Uwe Meyer. © NDR
Kai-Uwe Meyer führt das Rider's Café in Lübeck. Der 61-Jährige ist umtriebig. Er will die Club-Szene erhalten.

"Das ist alles so traurig ohne Gäste", sagt Meyer. Er seufzt dabei nicht in den Hörer, obwohl er allen Grund dazu hätte. Um das Rider’s am Leben zu halten, gab er sogenannte Member-Cards aus. Noch lebt der Musikclub. Und Meyer jammert nicht. Er macht. Aber dazu später.

50 bis 70 Live-Musik-Spielstätten in SH

Der Landesmusikrat schätzt, dass es etwa 50 bis 70 Live-Musik-Spielstätten in Schleswig-Holstein gibt. Dazu gehören kleinste Bühnen wie die der Kulturschlachterei in Rendsburg mit ein paar Dutzend Zuhörern genauso wie das mehr als 1.000 Menschen fassende Max in Kiel, wo jedes Getränk gut überlegt sein sollte, bevor man den mühsam erkämpften Platz irgendwann Richtung Toilette verlassen muss.

Auch für die WC-Dame ist Corona ein Desaster

Diese Toiletten werden von WC-Frauen oder -Männern sauber gehalten. "Nicht jedem Konzertbesucher ist klar, dass auch die WC-Dame vor Corona damit gerechnet hat, dass Konzerte immer stattfinden werden", sagt Reiner Jochens aus Felm (Kreis Rendsburg-Eckernförde), der selbst schon Konzerte veranstaltet hat. Inzwischen vermietet er Absperrzäune für Events, ist also weiter am Kreislauf beteiligt - wenn der Kreislauf denn läuft.

An Konzerten hängen unzählige Jobs

Eine Discokugel hängt an der Decke des Riders Café in Lübeck. © NDR
Auch für die WC-Dame ist es nicht gut, wenn sich die Discokugel nicht mehr dreht.

Rigger bauen die Bühnen auf. Tontechniker sorgen für den Sound. Die Garderoben-Dame hält sich den Abend frei. An der Durchführung eines Konzerts hängen unzählige Jobs. Auf der Bühne können aus kleinen Namen große Karrieren werden. Die Auftritte sind für Tausende Konzertgängerinnen und -gänger ein Stück Glückseligkeit im Alltag. So viel zur gesellschaftlichen Bedeutung von Live-Musik.

Viel unbezahlte Arbeit hält Clubs am Leben

Viele Spielstätten kämpfen in der Pandemie ums Überleben. "Als Club-Besitzer ist man Idealist", sagt Kai-Uwe Meyer. Fast immer ist es sehr viel unbezahltes Engagement, das die Läden am Laufen hält. Manche Stammgäste spenden. Gutscheine werden ausgegeben. In Kiel ist ein Konzertsaal zur Miete mal zeitweise in eine Art Klassenraum umfunktioniert worden.

Der ein oder andere Betreiber hat sich im Dickicht der Soforthilfe-Möglichkeiten tatsächlich zurechtgefunden - was nicht zwangsläufig heißt, dass das Geld auch sofort geflossen ist.

Wunsch nach mehr Vernetzung von Clubs

Was können all die, die in Schleswig-Holstein Live-Musik auf Bühnen möglich machen, aus diesem Krisenmodus mitnehmen - außer der Erkenntnis, dass vielen das Bier im Lager abgelaufen ist?

Eine leere Diskotheke © picture alliance / ANP Foto: ROBIN VAN LONKHUIJSEN
Ist Corona vorüber, wird der Zapfhahn wieder laufen. Am grundsätzlichen Abstimmungsbedarf in der Musikclub-Szene wird ein mögliches Ende der Pandemie aber nichts ändern.

Wer sich umhört in der Branche, hört oft den Wunsch nach mehr Vernetzung und Zusammenarbeit. Nach mehr Dialog. Man könne sich über so etwas wie Fördertöpfe austauschen und Anregungen einbringen, sagt beispielsweise die Geschäftsführerin des Speichers in Husum, Hanna Lossau. Woher bekommt ihr das Geld? Mit welchen Fördermitteln habt ihr das Mischpult finanziert?

Tourplan-Puzzle gehört zur täglichen Arbeit

Aber auch das Puzzlespiel mit den Tourplänen vieler Bands und die tägliche Arbeit in den Spielstätten, könnte noch besser aufeinander abgestimmt werden. Beispiel: Es macht wenig Sinn, sich musikalisch ähnelnde Bands am selben Abend in Eckernförde und Flensburg auftreten zu lassen. Die Spielstätten würden sich gegenseitig die Zuhörer wegnehmen.

Clubs mit einer ähnlichen Zielgruppe und Kapazität sind in der Regel zwar ohnehin gut vernetzt. Aber aus den Gesprächen ist herauszuhören: da geht noch mehr.

Auch hoffnungsvolle Bands könnten profitieren

"Aus so einem Interessenverbund kann beispielsweise der Hinweis auf eine super, lokale Support-Band kommen, die kaum über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist", sagt der Geschäftsführer des Landesmusikrates, Hartmut Schröder. So profitierten die Spielstätten "und man bekäme auch noch ein größeres Podium für die hiesigen Bands".

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Hanna Lossau vom Husumer Speicher bestätigt aus der Praxis: Man könne nicht alle Musiker auf dem Zettel haben. Mehr Netzwerk könnte also heißen: mehr Treffer landen.

Da viele große Agenturen die Auftritte ihre Künstler bereits auf 2022 verlegen, könnte man auch gemeinsam besprechen, wie man eine Konzert-Lücke in diesem Winter füllt, falls die Impfungen bis dahin Konzerte schon wieder zulassen.

Wie könnte die Politik die Szene besser verstehen?

Die Rufe nach einem gemeinsamen Sprachrohr betreffen aber vor allem auch den Umgang mit der Politik. Das wird ja nach Corona nicht weniger wichtig - aber in der Pandemie ist die fehlende Lobby plötzlich allgegenwärtig. Wenn es darum geht, der Politik zu verdeutlichen, welchen Wert Kultur im Allgemeinen und Musik im Speziellen für die Gesellschaft hat. Wenn es darum geht, Forderungen, wie sie das in der Corona-Pandemie formierte Aktionsbündnis "Alarmstufe Rot" formuliert, in der Nach-Corona-Zeit zu verstetigen.

Status quo: "Wir haben keine gemeinsame Stimme"

Porträt von Carlos Lehne. © NDR
Carlos Lehne von der Pumpe in Kiel: "Bislang hat es keiner geschafft, die Interessen in einen Verband zu integrieren."

"Die Not ist groß", sagt Carlos Lehne von der Pumpe in Kiel. "Wir haben keine gemeinsame Stimme. Aber bislang hat es in Schleswig-Holstein keiner geschafft, die Interessen in einen Verband zu integrieren." In der Corona-Krise komme nun erschwerend hinzu, dass viele Musikclubs eine Mischung aus Verzweiflung und Mit-sich-selbst-beschäftigt-sein vereine.

Nicht alle Clubs streben nach Profitmaximierung

Neun Musik-Spielstätten aus dem nördlichsten Bundesland zahlen Mitgliedsbeiträge an die Live Musik Kommission (LiveKomm). Die bundesweite Dachorganisation für Musikspielstätten ist nach eigenen Angaben im ständigen Austausch mit der Bundesregierung über Förderprogramme. Informationen und Hilfe bekommen LiveKomm-Mitglieder also aus erster Hand. Ein Landesverband fehlt jedoch.

In der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Soziokultur sind 34 soziokulturelle Zentren und Initiativen in Schleswig-Holstein organisiert, von denen viele auch Konzerte ausrichten. Sie werden auf unterschiedliche Art und Weise kommunal gefördert und sind quasi von Haus aus nicht auf Profitmaximierung ausgerichtet.

Spielstätten haben unterschiedliche Voraussetzungen

Teilweise überschneiden sich die Mitglieder von LiveKomm und LAG, hinzu kommt eine Vielzahl von Spielstätten, die komplett allein vor sich hinwerkeln. "Die Szene ist extrem heterogen. Es gibt einen Bedarf für Struktur", sagt Landesmusikrat-Geschäftsführer Schröder. Es habe ein anderes Gewicht, wenn man für viele spreche und versuche, einen Landtagsabgeordneten zu erreichen - oder als einzelner Club-Betreiber mit einem Einzelschicksal anrufe.

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Landesmusikrat ist in Corona-Hilfen mit eingebunden

Auch der Landesmusikrat als Musik-Dachverband selbst wünscht sich einen Ansprechpartner für alle Spielstätten. "Wir sind in die Überlegungen zu den Corona-Hilfen für die Kultur zum Teil eingebunden", sagt Geschäftsführer Schröder. "Wir hätten den Clubs gleich zu Beginn des Lockdowns besser helfen können, wenn sie bei uns organisiert wären." Da könne es - auch unabhängig von Corona - einfach mal um die Neufassung einer Bauverordnung gehen, die Clubs bei ihrer Entwicklung plötzlich im Weg stehe, so Schröder.

Er bietet Hilfestellung an, sollte sich ein Interessenverbund der Musikspielstätten finden. "Wir sind gut vernetzt, haben Ansprechpartner. Wir könnten auch bei der politischen Kommunikation helfen", sagt Schröder.

Kinoverbund kann als positives Beispiel dienen

Politik braucht in der Regel Zahlen. Wie viele Betriebe sind betroffen? Was erwirtschaften sie? Welche Bedeutung haben die Spielstätten für die Stadtentwicklung in ihren Heimatorten und für den Tourismus?

Den 48 Kinostandorten in Schleswig-Holstein - vom kleinen gemeinnützigen Verein bis zum großen Kino mit elf Sälen - ging es bis vor gar nicht allzu langer Zeit genauso wie den Musikclubs.

Kinoverbund jetzt "bei Landesregierung auf dem Schoß"

Im September vergangenen Jahres gründeten die Kinos infolge der Corona-Schwierigkeiten den Kinoverbund SH. Nur rund fünf Monate später, sagt Vorstandsmitglied Martin Turowski ohne jede Eitelkeit: "Jetzt sitzen wir bei der Landesregierung mit auf dem Schoß." Und könne fundierte Zahlen liefern, weil man jüngst beispielsweise eine Bedarfsanalyse für die Kinos in Auftrag gegeben habe. "Früher gab es nur Schätzungen", berichtet Turowski.

Der Draht in die Politik ist für die Kinos plötzlich kurz

Inzwischen sei der Austausch mit den kulturpolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen normal, sagt Turowski, der das Burgtheater Ratzeburg und das Kino Mölln betreibt. Bei Gesetzesentwürfen käme die Politik auf die Kino-Vertreter zu und frage sie nach ihrer Meinung. "Wir haben uns eine Stellung erarbeitet, die es vorher nicht gab", sagt er.

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Der als Verein organisierte Kinoverbund habe Aktionstage organisiert, so Turowski - und dadurch gezeigt: "Wir stehen nicht nur miesepetrig da und wollen Geld, sondern wir machen auch was." Plötzlich hätten der Ministerpräsident und die Kulturministerin bei Werbevideos mitgemacht, die Kinos bekamen Landeshilfe. Die Lobbyarbeit zeigte Wirkung.

Die Kinos hätten sich durch die Gründung des Verbundes mehr Gehör verschafft, bestätigt Patricia Zimnik, Sprecherin des Kulturministeriums. Das könne auch ein guter Weg für die Musikstätten sein.

Interessenverbund braucht am Anfang einen "Treiber"

Am Anfang stand jedoch auch für die Initiatoren des Kinoverbundes das, was nun auf die Musikclubs zukommen könnte, wenn sie es mit einer Interessenvertretung auf Landesebene ernst meinen. "Wir haben wie die Blöden versucht, die Handynummern der Kinobetreiber rauszubekommen", erzählt Turowski. "Es gibt ja nicht den Einen, der die ganze Liste hat."

Gerade zu Beginn brauche es einen "Treiber", wie Turowski es nennt. Einen, der den Blick aufs große Ziel richtet, die Puzzleteile der vielen Einzelinteressen zusammenführt und die (Über-)Stunden am Schreibtisch nicht zählt. "Davon hängt der Erfolg so eines Interessenverbundes stark ab", findet er. Gerne könne ein Vertreter der Musikclub-Szene ihn anrufen, um von den Erfahrungen des Kinoverbundes zu profitieren, sagt Turowski.

Jetzt kommt es darauf an: Wer geht für die Clubs voran?

Kai-Uwe Meyer aus Lübeck könnte so ein Treiber sein. Das Club-Sterben ist ihm zuwider. Bis der Lockdown ihn stoppte, besuchte er unter dem Motto "Never give up" Clubs, um sich auszutauschen. Mit Vernetzung will er gegen das Club-Sterben ankämpfen und den Weg für einen Landesverband unter dem Dach der LiveKomm ebnen. Das Hamburger Clubkombinat habe schon seine Hilfe als Mentor angeboten.

Zum Gesicht und Vorreiter der Musikclub-Interessenvertretung will Meyer, 61 Jahre alt, gar nicht werden: "Ich habe die Vision, dass jemand kommt, der jung ist und das hinkriegt." Er selbst sucht derweil Mitarbeiter für sein Rider’s Café. Er will vorbereitet sein, wenn Konzerte wieder möglich sind, "mit viel Optimismus vielleicht im Spätherbst dieses Jahres".

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Schleswig-Holstein Magazin | 25.11.2020 | 19:30 Uhr

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