Munitionssuche mit künstlicher Intelligenz in Kiel

Stand: 09.02.2021 18:02 Uhr

Aus einer schier endlosen Dokumentenflut alter Kriegstagebücher Fundorte alter Munition im Meer filtern - das soll ein neu entwickeltes System aus Kiel leisten.

Von Andreas Schmidt

Als er zu sich kommt, denkt Lewis Mulhearn zuerst, dass eine riesige Welle seinen Kutter überrollt haben muss. Dann wird ihm klar, dass es ein ruhiger Dezembertag mit ruhiger See war. Er schaut sich in seinem Deckshaus um: "Das sah aus, als wäre King Kong an Bord gewesen." Er wirft einen Blick in den Maschinenraum. "Da stand das Wasser schon bis zur Decke." Das ist der Moment, in dem er sich sein Handfunkgerät aus dem Chaos angelt und einen Notruf absetzt.

Lewis Mulhearn ist ein bulliger Mann mit kahlrasiertem Schädel und tätowierten Armen. Um den Hals trägt er eine dicke Kette. Nicht der Typ mit dem man in der Kneipe Streit anfangen will. Er ist Skipper des britischen Fischkutters "Galwad-Y-Mor", Heimathafen Bridlington an der britischen Ostküste. Am 15. Dezember 2020 läuft er mit sechs Mann Besatzung aus, um außerhalb der tiefen nordenglischen Bucht The Wash seine Hummerkörbe zu kontrollieren. Er steht im Deckshaus, er merkt, dass eine Leine zu stramm kommt, doch dann ist es schon zu spät. Die "Galwad-Y-Mor" wird von einer gewaltigen Explosion zuerst in die Höhe gehoben, danach kracht sie tief in das aufgeschäumte Wasser. Alle sieben Fischer sind verletzt, Knochenbrüche, Platzwunden. "Einer von den Jungs hat ein Auge verloren", sagt Mulhearn. Noch immer ist er verdattert, was ihn da getroffen hat.

Technik von morgen liest Karten von gestern

In einem Großraumbüro im Kieler Wissenschaftspark beugt sich Uwe Wichert über alte Kartenskizzen aus dem zweiten Weltkrieg. Seine Arbeit beschreibt der pensionierte Marineoffizier so: "Es ist der Anfang eines gigantischen Puzzles." Mit einem internationalen Team zieht er durch die Militärarchive der Welt und scannt Kriegstagebücher deutscher Kommandanten und andere Dokumente aus dem zweiten Weltkrieg. Es ist eine schier unglaubliche Dokumentenflut. "Allein im Militärarchiv in Freiburg liegen 51 Kilometer Akten. Mit vier Leuten scanne ich in einer Woche sechs Meter."

Uwe Wichert blickt bei einem Interview in die Kamera © NDR
Der pensionierte Marineoffizier Uwe Wichert sieht seine Arbeit als "gigantisches Puzzle".

Die Arbeit wäre einigermaßen aussichtslos ohne Wicherts Partner Jann Wendt. Der Kieler Geoinformatiker hatte im Jahr 2011 die Idee, die Firma Egeos zu gründen. Mittlerweile hat er 20 Angestellte aus 12 Nationen. Gemeinsam arbeiten sie daran, historische Dokumente mit Hilfe künstlicher Intelligenz zu analysieren. "Dafür mussten wir den Maschinen lesen beibringen," sagt Wendt schmunzelnd. Und tatsächlich: Mittlerweile kann die Kieler Software aus den historischen Dokumenten Positionsdaten, Eigennamen, Munitionsarten und Wetterdaten herauslesen - und das selbständig. Was über die Jahre dabei entsteht, ist "eine Art digitaler Film des zweiten Weltkriegs auf See", so Wendt. Informationen aus unterschiedlichsten Quellen kann Wendt mit seinem Team immer weiter verknüpfen, das Informationsnetz wird dichter, der Film läuft an.

Gefahrenanalyse

Am Ende kann er mit Uwe Wichert schnell eingrenzen, was Lewis Mulhearn und seiner Crew höchstwahrscheinlich passiert ist: "Wahrscheinlich hat sich seine Leine in dem Zünder einer deutschen Ankertaumine verfangen." In der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 1945 waren vier deutsche Schnellboote in genau dieses Seegebiet gerast, um eine Minensperre zu legen. "Es ging nur noch darum, den Vormarsch der Alliierten zu bremsen," meint Wichert. Die Sperre habe dazu gedient, die Kräfte der Gegner von damals möglichst lange zu binden. Und offenbar ist mindestens eine dieser Minen nicht gefunden worden.

Fernziel: Meere ohne Munitionsaltlasten

Noch immer lagern geschätzte 1,6 Millionen Tonnen Kriegsmunition in der Ostsee. Nicht geräumte Minengürtel, aber auch nach dem Krieg einfach versenkte Bomben und Granaten, die man damals glaubte, einfach so loswerden zu können. Aber die Gefahr wird größer, die Politik ist alarmiert. "Schon jetzt können wir im Wasser den Sprengstoff TNT nachweisen, wenn auch in sehr geringer Konzentration," sagt Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht. Die Munition beginne sich zu zersetzen, bedrohe auf lange Sicht Flora und Fauna im Meer. Das ist einer der Gründe, weshalb das Land Schleswig-Holstein die Pionierarbeit der Firma Egeos fördert. "Künstliche Intelligenz ist ein entscheidender Schritt, die Altlasten erst einmal zu finden und zu kartieren," so Albrecht. Sie dann zu räumen, das sei das nächste Problem: "Das wird uns die nächsten 30 Jahre noch beschäftigen." Noch im Frühjahr wird der Umweltminister gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommern beim Bund Druck machen, damit der mehr Geld für Forschung und Munitionsbeseitigung freimacht.

Lewis Mulhearn wird sich dann von seinen Verletzungen erholt haben. Er hofft, dass er schon bald wieder raus zu den Hummerbänken fahren kann. Noch ist das Schiff in der Werft, es ist nicht klar, ob die "Galwad-Y-Mor" wieder fahren kann. Der Name ist walisisch und bedeutet übersetzt "Ruf der See". Diesen Ruf hat Mulhearn schon als kleiner Junge gehört. Und er will ihm weiter folgen.

Weitere Informationen
Der Finder Christian Hüttner steht hinter zwei der gefundenen Chiffriermaschinen. © Christian Hüttner Foto: Christian Hüttner

Schleimünde: Taucher findet sechs weitere Enigma-Chiffriermaschinen

Bereits im November vergangenen Jahres fanden Forscher eine Enigma aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Grund der Geltinger Bucht. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.02.2021 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Norderstedts Oberbürgermeisterin Elke.-Christina Röder und Segebergs Landrat Jan-Peter Schröder im Gespräch vorm Rathaus in Norderstedt © NDR Foto: Doreen Pelz

Norderstedt will Kreisfreiheit prüfen, doch es gibt Gegenwind

Zwischen der 80.000 Einwohnerstadt und dem Kreis gibt es immer wieder Streit. Ein Gutachten soll nun auf den Weg gebracht werden. mehr

Videos