Stand: 14.11.2019 13:27 Uhr

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: "Selten, aber gefährlich"

Arno Deister leitet das Zentrum für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe. Im Interview erklärt er, was das Münchhausen-Stellvertretersyndrom ist und wie häufig es auftritt.

Bild vergrößern
Arno Deister ist Chefarzt t des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe.

Psychiater Arno Deister ist der Leiter des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe. Im Interview mit NDR.de erklärt er, was man unter dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom versteht und was hinter der seltenen Erkrankung steckt.

Können Sie uns das Münchhausen-Stellvertretersyndrom in wenigen Sätzen erklären?

Arno Deister: Es handelt sich um eine sogenannte artifizielle Störung, also eine vorgetäuschte Störung, bei der jemand ein oder mehrere Symptome oder gar ein ganzes Krankheitsbild darstellt, obwohl er es eigentlich nicht hat. Das ist dem Betroffenen in vielen Fällen jedoch nicht wirklich bewusst. Der Hintergrund ist in der Regel, dass der Betroffene Vorteile für seine Psyche erwartet. Das Krankheitsbild nennt sich Münchhausen-Syndrom, wenn es einen Menschen alleine betrifft. Beim Münchhausen-Stellvertretersyndrom, sind es dann andere Personen - in der Regel Kinder - die sozusagen stellvertretend die Symptome haben (müssen). Die Erkrankung ist außerordentlich selten.

Das ist also sozusagen ein Signal an die Umgebung, Aufmerksamkeit zu kriegen?

Deister: Ja, Wunsch nach Aufmerksamkeit und Zuwendung. Nach dem Motto: Beschäftigt euch mit meinen Problemen! Das Problem bei diesem Syndrom ist, dass die Betroffenen eigentlich alles tun, damit das Münchhausen-Syndrom oder eben das Münchhausen-Stellvertretersyndrom nicht als psychisches Problem erkannt werden. Sie wollen, dass die Ärzte glauben, dass es sich um eine körperlichen Störung handelt. Es ist dann nicht so, dass die Erkrankten dann irgendwann kommen und sagen: Eigentlich habe ich mir die Erkrankung nur ausgedacht. Nein, sie spinnen das immer weiter. Und das macht es dann so gefährlich.

Welche Menschen sind für das Münchhausen-Stellvertretersyndrom anfällig?

Deister: Die Symptomatik kann bei ganz vielen anderen psychischen Störungen vorkommen. Es tritt ganz häufig im Rahmen von Persönlichkeitsstörungen auf. Oder bei so genannten dissoziativen Störungen, also bei Störungen, wo manchmal auch ganz unbewusste Verhaltensweisen auftreten. Betroffen sind Patienten mit Störungen, die tief in der Persönlichkeit liegen. In der Psychologie unterscheiden wir grundsätzlich zwischen psychische Störungen, die bei ansonsten völlig gesunden Menschen auftreten - wie akute depressive Phasen - und Erkrankungen, die tiefer in die Persönlichkeits-Struktur eines Menschen gehen.

Wie kann man vorbeugen?

Deister: Die Vorstadien können depressive Symptome sein. Entscheidend ist, dass man frühzeitig erkennt, dass ein Mensch in eine schwierige Lage, in eine Zwickmühle gerät. Das wäre das, was man im Vorfeld tun kann, bevor es in so eine dramatische Situation wie im Fall der Mutter aus Ostholstein ausartet.

Wie gefährlich ist das Münchhausen-Stellvertretersyndrom?

Deister: Eigentlich ist man als Mutter oder Vater biologisch und psychisch drauf geeicht, seine Kinder zu lieben. Und das ist ja das, was es für die Außenstehenden so unbegreiflich macht, weil es völlig gegen jede Konvention ist - auch wie wir uns gegenüber Kindern verhalten. Im schlimmsten Fall kann das Syndrom zum Tode führen. Gerade wenn es beim Stellvertreter-Syndrom die Kinder betrifft. Und das ist nicht so selten.

Kann man sagen, wie häufig das Syndrom ungefähr ist?

Deister: Man weiß nicht genau, wie häufig das Münchhausen-Stellvertretersyndrom ist. Da es in vielen Fällen ganz schwer nachzuweisen ist, ist es wahrscheinlich häufiger als man denkt. Das Problem ist, dass oft nicht bemerkt wird, dass ein Betroffener wirklich erkrankt ist. Es gibt Studien, die sagen, es sind drei von 100.000 Kindern vom Münchhausen-Stellvertretersyndrom betroffen. Die Erkrankung ist viel seltener als eine Depression.

Das Interview führte Daniel Kummetz, NDR Schleswig-Holstein.  

Weitere Informationen

Krankheiten eingeredet: Mutter muss acht Jahre in Haft

Das Landgericht Lübeck hat eine Frau wegen schwerer Misshandlung ihrer Kinder und Betrugs zu acht Jahren Haft verurteilt. Sie hatte ihren Kindern schwere Krankheiten eingeredet. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.11.2019 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:12
Schleswig-Holstein Magazin
01:14
Schleswig-Holstein Magazin
03:33
Schleswig-Holstein Magazin

Kieler Rathje-Werft bekommt neuen Chef

Schleswig-Holstein Magazin