Stand: 10.01.2018 10:45 Uhr

Mit dem Rollstuhl das Wasser spüren

von Frank Hajasch

Mit unsicherer Hand greift Claus-Dieter Schulz nach dem dicken, roten Trageriemen. Acht Stück davon hängen am Ausleger des gelben Krans der Bootswerft Rathje. Und alle sind stramm gespannt. Sie halten den ersten Neubau seit 20 Jahren. Das "Handicap Dreamboot" ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der Kieler Fachhochschule und dem Verbraucherschutzverein für ältere und behinderte Menschen Kiel. "Jetzt nur noch sicher aufs Deck, rein in den Rollstuhl. Dann kann die Reise losgehen", sagt Schulz lachend.

Mit dem Handicap-Boot auf dem Wasser unterwegs

Drei Jahre Forschungsarbeit mit schnittigem Ergebnis

Schulz wollte schon immer aufs Wasser. Egal, ob auf die ruhig-beschauliche Schwentine oder auf einen der vielen Seen in Schleswig-Holstein: "Ich kann auf dem Wasser wunderbar entspannen", sagt der Kieler. Bisher ist das schwierig gewesen. Er musste Freunde bitten, ihn mitzunehmen. Für jede Bootstour brauchte er Hilfe. Das musste sich ändern. "Ich habe irgendwann an der FH Kiel nachgefragt. Und Professor Sven Olaf Neumann war sofort interessiert", erzählt Schulz. So wurde ein Forschungsprojekt auf den Weg gebracht. Die Wirtschafsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH) förderte den Bau mit 62.000 Euro. Studierende des Schiff- und Maschinenbaus begannen zu planen. Heraus kam ein eleganter, schnittiger, schneeweißer Katamaran mit knapp fünf Metern Länge. "Bis zu 400 Kilogramm kann das neue Boot tragen", erklärt Nils Himstedt von der Fachhochschule. "Das sind mindestens zwei Personen samt Rollstuhl."

Wasserstrahlantrieb und Bugstrahlruder: Technik wie bei einem Jet-Ski

Noch ist das Handicap-Boot allerdings nur ein Torso. "Aber ich kann trotzdem schon mitfahren und die Wellen spüren", sagt Claus-Dieter Schulz. Auch, weil Professor Sven Neumann und sein Student die Ruder schwingen. Sicher sitzt der gehbehinderte Kieler dabei in seinem fest verspannten Rollstuhl. Auf dem Deck sind Gummimatten und blanke Ösen für die Spanngurte zu sehen. Das alles sorgt dafür, dass nichts ins Rutschen kommt. "Ich lass' die beiden erst mal rudern. Später wird es eine Steuerung mit Joystick geben. Dazu einen doppelten Wasserstrahl für den Antrieb. Und auch das Wenden per Bugstrahlruder soll kinderleicht gehen", erläutert Schulz. Im Frühsommer soll der Prototyp dann komplett fertig sein.

Schiffbauer Know-how aus Schleswig-Holstein

Dass Claus-Dieter Schulz sich freuen kann, hat auch was mit Ture Rathje zu tun. Er war auf der Werft der Ansprechpartner fürs Projekt. Er hat selbst mal an der Kieler Fachhochschule studiert. "So kann ich etwas zurück geben", sagt der Schiffbauer. Geplant ist, das fertige Boot in den Verleih zu geben, damit möglichst viele Behinderte von dem Projekt profitieren können.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 10.01.2018 | 10:30 Uhr

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