Stand: 28.06.2019 07:28 Uhr

Mit Zucht-Raupen gegen das Jakobskreuzkraut

von Jelto Ringena

Es ist wie auf einer Safari. Im Geländewagen von Andreas Frahm wird man ordentlich durchgeschüttelt auf dem Weg zu seiner Raupenfarm. Denn der Landwirt aus Neuengörs im Kreis Segeberg züchtet die nützlichen Raupen des Blutbären. Das ist ein Schmetterling, der auch Jakobskrautbär genannt wird. Rund 300 Millionen Raupen besitzt er auf seiner Farm, erzählt er, aber auf ein oder zwei Millionen genau könne er das nicht sagen. Die Raupen teilen sich den Platz mit den Welsh-Black Rindern von Landwirt Frahm. Auf den ersten Blick lässt sich die Raupenfarm gar nicht von einer ganz gewöhnlichen Wiese unterscheiden. Erst wenn man ganz genau hinguckt, erkennt man im Grün kahl gefressene Stängel, an denen die schwarz-gelb gestreiften Raupen sitzen. Hier fühlen Sie sich wohl und vermehren sich von selbst. Frahm hat mit der Zucht nicht viel zu tun.

Ein natürlicher Unkrautvernichter

Doch seine kleinen Haustiere sind wählerisch, denn die Raupe des Blutbären frisst nur eine einzige Pflanze: das Jakobskreuzkraut. In ihm sind Bitterstoffe enthalten, welche die Tiere vor Fressfeinden schützt. Der Raupe schmeckt das bittere Kraut, aber den Vögeln schmecken so die bitteren Raupen nicht. Ein cleverer Trick der Natur. Diesen Trick macht Frahm sich zu nutze. "Ich hatte einfach keinen Bock, jede Pflanze einzeln auszureißen", schimpft der Landwirt über das gelb blühende Jakobskreuzkraut.

Als er das Land, auf dem heute seine Rinder grasen, gekauft hatte, wuchs dort fast ausschließlich das giftige Kraut. Der Raupenzüchter besitzt noch Bilder aus der Zeit, die eine komplett gelbe Fläche zeigen. Gras für die Rinder war dort nicht zu sehen.

Doch dann stolperte Frahm über die kleine Raupe, die sich ausschließlich von dem gelben Wildkraut ernährt. Er siedelte wenige Raupen auf seinem Feld an und denen gefiel es prächtig. Die Raupen vermehrten sich, fraßen sich satt und vermehrten sich weiter. Wer heute eine Pflanze von dem gelben Wildkraut auf seiner Wiese finden möchte, muss schon ganz genau hinsehen und ziemlich lange suchen.

Jakobskreuzkraut ist eine Gefahr für Viehzüchter

Doch gerade jetzt im Sommer, wenn das Kraut wieder blüht, muss Andreas auf seiner Farm häufiger nach der Pflanze und den Raupen darauf Ausschau halten. Aus seiner cleveren Idee von damals ist mittlerweile ein richtiger Vertrieb geworden. Pferde- und Rindviehzüchter aus dem ganzen Land rufen bei ihm an, um ein Raupen-Starter-Set zu bekommen. Das besteht aus 50 Tieren. Die können, an der richtigen Stelle ausgesetzt, ganze Weideflächen von dem gefährlichen Kraut nahezu befreien.

Besonders dort, wo Heu für die Winterfütterung gemacht wird, ist das gelbe Wildkraut ein echtes Problem. Normalerweise fressen die Rinder und Pferde die bitter schmeckende Pflanze nicht. Gelangt es aber in das Winterfutter, verschwinden mit dem Trocknen die Bitterstoffe. In dem Futter können die Tiere die Pflanzen nicht mehr auseinander halten, fressen das Jakobskreuzkraut und sterben an dem Gift. Eine einzige Pflanze im Heu kann bereits ein Pony töten.

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Züchterin Mechtild Bening freut sich, dass die Raupen ihr die Arbeit abnehmen, die für ihre Pferde lebensgefährliche Pflanze zu vernichten.
50 Raupen auf Mission

Eine Angst, die auch Pferde- und Galloway Züchterin Mechtild Bening aus Bebensee hat. Heute bekommt sie deswegen die Start-Mannschaft von 50 Blutbär-Raupen von Züchter Frahm. Die sammelt er von seinem Feld, verpackt sie in einen Karton und dann geht es ab nach Bebensee im Kreis Segeberg. Das macht Frahm alles ehrenamtlich. Frahms einzige Bedingung für seinen natürlichen Unkraut-Vernichter ist, dass man sich von ihm erklären lässt, wie die Raupe auszusetzten ist. Und gegen eine kleine Spende für die örtliche Feuerwehr habe er natürlich auch nichts, betont Frahm.

Raupen als natürliche Unkrautvernichter

"Das Kraut zu entfernen ist eine Sisyphusarbeit"

Den Pappkarton mit den Raupen unterm Arm geht Frahm zu den Feldern von Mechtlid Bening. Unter ihrem Carport steht noch ein Sack mit vertrockneten Pflanzen. Das ist das Jakobskreuzkraut. "Wir sind seit mehrere Wochen bei der Arbeit, damit die Pflanze von unseren Feldern weg ist", erklärt die Züchterin, die bislang jede Pflanze mit einem Stecheisen entfernen musste. Dabei darf nichts von dem tödlichen Kraut auf den Feldern zurückbleiben. Sogar nach dem Schnitt wird das lose Heu noch einmal nach dem Kraut abgesucht, damit kein Risiko entsteht.

"Wenn wir irgendwo gelb sehen, reagieren wir panisch. Das ist eine echte Sisyphusarbeit", beschwert sich Züchterin Bening. Diese Arbeit sollen jetzt die Raupen übernehmen. Dort wo die Plfanzen am dichtesten stehen, werden die Raupen von Andreas Frahm ausgesetzt und dann heißt es, geduldig zu sein. Gut vier Jahre braucht es, bis die Raupen den größten Bestand eingedämmt haben. Richtig Feierabend haben die kleinen Tiere dabei nie, denn das Saatgut, welches sich fast überall in der Erde befindet, hält rund 30 Jahre.

Und auch Züchter Frahm hat in dieser Zeit keine ruhige Minute. Kaum sind die Schädlingsbekämpfer ausgesetzt, klingelt auch schon wieder sein Handy mit dem nächsten Termin.

Weitere Informationen
04:08
NDR 1 Welle Nord

Neuengörs: Andreas Frahm

12.12.2018 20:05 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Andreas Frahm hat eine besondere Leidenschaft. Er züchtet Millionen von Raupen, die das giftige Jakobskreuzkraut fressen. Im Sommer klingelt deshalb durchgängig sein Handy. Audio (04:08 min)

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 30.06.2019 | 19:30 Uhr

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