Microgreens-Gründer Frederic Laloi steht in seinem Gewächshaus und lächelt © NDR Foto: Kristin Recke

Microgreens: Volle Power mit kleinen Pflanzen

Stand: 02.01.2021 11:15 Uhr

Kurz nach dem Keimen, aber vor Ausbildung der großen Blätter, steckt in Jungpflanzen die geballte Ladung Energie, die sie zum Wachsen brauchen und die wir für uns nutzen können.

von Kristin Recke

Wer schon mal Brokkoli für eine vierköpfige Familie gekauft hat, weiß, dass die Einkaufstasche schnell voll ist. Auch der Kieler Frederic Laloi stößt beim Gemüse-Einkauf immer wieder an platztechnische und finanzielle Grenzen, als er vor zwei Jahren die Ernährung für sich und seine Familie umstellen will. Die Menge an Gemüse, die er vom Markt nach Hause trägt, sprengt regelmäßig nicht nur sein Budget, sondern auch die Kapazitäten seiner Küche.

Es kommt eben doch auf die Größe an

Der 34-jährige Sozialpädagoge fängt an, sich mit Alternativen zu beschäftigen und den Nährstoffgehalt seiner Nahrung zu hinterfragen. "70 Prozent von dem, was wir essen, ist für den Arzt und überflüssig - nur 30 Prozent sind für mich", sagt der Hobbysportler heute und stopft sich eine Handvoll Erbsenjungpflanzen in den Mund. Es sieht witzig aus, wie die kleinen Stengel wie Kraken zwischen seinen Zähnen verschwinden. Hätte er versucht, eine im Nährstoffgehalt vergleichbare Menge ausgewachsene Erbsen zu essen, hätte es bestimmt viel länger gedauert. 100 Gramm Microgreen entsprechen laut Frederic bei einigen Nährstoffen nämlich rund 100 Kilo ausgewachsenem Gemüse.

Ein amerikanischer Trend landet in Kiel

Frederic ist begeisterter Sportler und Familienvater, ernährt sich vegan und seit zwei Jahren vor allem von sogenannten Microgreens. Jungpflanzen, nicht größer als ein Zeigefinger, die mit ihren Eigenschaften als neues Superfood gehandelt werden.

Ein Trend, der sich vor circa 20 bis 30 Jahren in den USA entwickelt hat. Schlechte Erträge von verbrauchten Feldern zwangen experimentierfreudige Amerikaner zum Umdenken. Statt weiter auf weiten Feldern Energie und Saatgut zu verschwenden, probierten sie Anbauflächen im Regalsystem. Senkrecht übereinanderliegende Pflanzenschalen, klein, überschaubar und effektiv. In ihren Tests stellten sie fest, dass Gemüse im Kleinstformat sogar viel mehr Power hat.

Das Anbausystem findet schnell als sogenanntes "Urban Gardening" den Weg an ungewöhnliche Anbauorte. Die Erkenntnis, nicht nur hoch zu stapeln, sondern bei der Ernte auch klein zu denken, schwappt deutlich langsamer über den großen Teich, landet aber vor zwei Jahren erst in Frederics Kopf und dann in seiner Küche in Kiel.

Der junge Mann mit den wachen, braunen Augen beginnt, in seinem Wohnzimmer in kleinen Schalen auf der Fensterbank, Gemüse anzubauen: Brokkoli, Erbsen, Rettich, Sonnenblumen. Das geht, weil die Pflanzen nur knapp fünf bis zehn Zentimeter hoch werden. Wenn sie raus sind aus dem Keim- und Sprossenstadium, haben die Jungpflanzen die höchste Konzentration an Nährstoffen pro Kalorie, weil sie in dieser Phase ihre Kräfte bündeln, um groß zu wachsen. Deshalb toppen sie bei einigen Vitaminen das ausgewachsene Gemüse um ein Vielfaches.

Landwirtschaft mitten in der Kieler City

Frederic ist gelernter Sozialpädagoge. Dinge lernen, Dinge zu hinterfragen, um sie zu verstehen, das ist sein Job und so probiert er sich zu Hause durch die verschiedensten Sorten. Erst nur für sich, dann beginnt er, die Mikrogemüse auch an Freunde weiterzugeben. Als Gastronomen auf seine kleine Gärtnerei aufmerksam werden, kann er nicht mehr anders. Im Mai 2020 verlagert er seinen Anbau aus dem Wohnzimmer in einen Laden in der Beseler Allee in Kiel und betreibt seitdem Landwirtschaft mitten in der Stadt. Er ist der erste im Norden, der nicht nur auf dem Markt, sondern auch im eigenen Geschäft frisches Mikrogrün bietet - und das täglich.

Hochstapler mit Sinn für guten Geschmack

Im Schaufenster stapeln sich recycelte Plastikschalen, in denen er erst Erde verteilt, dann Samen und etwas Wasser. Die Schalen sind nur rund doppelt so groß wie Schuhkartons. Mehr braucht es nicht, um die ersten Keimlinge zu züchten, die nach ein bis zwei Tagen schon aus den Samen wachsen. Danach stellt er die Schalen um in drei große Regale an der Wand, in denen zusätzliches Kunstlicht den Minis genug Licht spenden soll. Aus den Keimlingen werden Sprossen und dann die Jungpflanzen, die für Frederic interessant sind. Nach etwa 14 Tagen haben sie zwar meist nicht mehr als zwei Blätter, aber sie sind erntereif.

Echte Vitamine zum Naschen

Frederic bezeichnet sich selbst auch als Geschmacksgärtner. Er liebt es mit Geschmäckern zu experimentieren, kombiniert in seinen hausgemachten Smoothies Erbsen mit Hafermilch, Banane, Apfel, Salz und Kirschen, legt sich sein selbst gezüchtetes Grünfutter sogar aufs Honigbrot. Mangold, Minze, Rukkola, Zwiebeln, Karotten oder Senf im Mikroformat - gesund macht, was schmeckt. Er sagt: "Green passt zu Allem, funktioniert als Salat, als Suppe und wertet sogar die Tiefkühlpizza auf."

Das macht es vor allem für Menschen interessant, die nicht zwingend Gemüsefans sind. Microgreens liefern in ihrer geballten Form schnell die Nährstoffe, die sonst entweder gar nicht oder nur ungern gegessen werden.

Beim Brokkoli enthalten die Jungpflanzen etwa 100 mal soviel Vitamin E wie das ausgewachsene Gemüse, auch Beta Carotin ist deutlich mehr drin. Lediglich beim Vitamin C toppt der große Brokkoli das Minigemüse.

Deshalb ist klar: Auch die klassische Variante sollte nicht von unseren Tellern verschwinden. Die Jungpflanzen sind zumindest bei Frederics Töchtern ein gern genommener Snack nebenbei: "Bis meine Tochter einen Brokkoli gegessen hat, vergeht eine Menge Zeit. Dass sie aber mal eben mit einer Handvoll Jungpflanzen umgerechnet die Nährstoffe von rund 1.000 ausgewachsenen Gemüsen isst, hat das Thema für mich attraktiv gemacht", sagt der Vater.

Zukunftsmusik für Kleinstgärtner

In Zukunft möchte er am liebsten kleine Anzuchtschalen in Kindergärten verteilen, damit irgendwann nicht nur seine Töchter begeistert zuschauen, wie ihre gesunden Snacks wachsen und sich damit beschäftigen, was sie essen und wo es herkommt. Am Ende ist der Sozialpädagoge eben auch vom Mikrogärtner nicht wegzudenken und umgekehrt.

Weitere Informationen
Verschiedene Microgreens © Colourbox

Sprossen und gesunde Microgreens ziehen: So geht's

Sprossen sind gesund und verfeinern viele Gerichte. Sie lassen sich auf der Fensterbank ziehen. Worauf kommt es an? mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 02.01.2021 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Rettungskräfte verteilen Corona-Patienten aus Bayern in einem Hangar am Helmut-Schmidt-Airport auf Rettungsfahrzeuge. © dpa-Bildfunk Foto: Jonas Walzberg

Corona-Patienten aus Bayern werden in SH behandelt

Die Covid-Kranken sind mit einem Spezial-Airbus der Bundeswehr zunächst nach Hamburg transportiert worden. mehr

Videos