Stand: 22.01.2018 06:00 Uhr

"Mein Geld habe ich für Sprachkurse gespart"

von Christine Pilger

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Talal Al-Tarek hat es geschafft: Er hat als politisch Verfolgter Asyl erhalten und hat einen Ausbildungsplatz gefunden. Der Weg dahin war schwierig für ihn.

Talal Al-Tarek sitzt entspannt im Ausbildungsraum der Stadtwerke Kiel. Er hat Feierabend, fährt gleich mit dem Bus nach Hause, in seine Wohnung in Kiel-Hassee. Mittlerweile eine Selbstverständlichkeit für den 23-Jährigen, der im Oktober 2014 aus seiner Heimat nach Deutschland geflohen ist. Bis der gebürtige Jemenit aber die Ausbildung als Elektrotechniker in Kiel anfangen konnte, musste er sich durch viel deutsche Bürokratie kämpfen und zahlreiche Absagen hinnehmen.

Aufenthaltsgestattung: Ja. Integrationskurs: Nein.

Im Oktober 2014 ist Talal Al-Tarek im Alter von 20 Jahren - wie er sagt - aus politischen Gründen aus dem Jemen nach Deutschland geflüchtet. Damals studiert er Maschinenbau in seiner Heimat. Er kommt von München über Hamburg zunächst in Neumünster an. Dort stellt er beim zuständigen Landesamt für Ausländerangelegenheiten seinen Asylantrag und wohnt zunächst in einem Asylbewerberheim in Kiel.

Talal Al-Tarek will schnell Deutsch lernen und in eine eigene Wohnung ziehen: "Ich wollte mich direkt mit der Sprache beschäftigen, um klarzukommen. Wenn man nur mit Ausländern zusammen ist, dann kann man sich ja nicht richtig integrieren." Also geht der junge Flüchtling unter anderem zur Volkshochschule und zur AWO, um dort einen Integrationskurs zu belegen. Das Problem: Mit seiner vorläufigen Aufenthaltsgestattung darf der junge Jemenit nicht an einem solchen Kurs teilnehmen.

"Eigentlich darfst du damit nur zu Hause rumsitzen und warten", sagt Al-Tarek. Nach Angaben des zuständigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat sich das zumindest teilweise geändert. Seit Oktober 2015 dürfen auch Asylbewerber im laufenden Verfahren an den Integrationskursen des Bundesamts teilnehmen. Laut einer BAMF-Sprecherin ist das aber hauptsächlich für Menschen aus den Herkunftsländer Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Somalia vorgesehen.

Job in der Pizzeria finanziert Sprachkurse

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Talal Al-Tarek hat seine Erlebnisse in den ersten drei Jahren in Deutschland aufgemalt, um das ganze Hin und Her zu verdeutlichen.

Die Sprache nicht zu lernen, ist für den jungen Flüchtling keine Option. Bei der Zentralen Bildungs-und Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten (ZBBS) in Kiel kann Talal Al-Tarek den ersten Sprachkurs kostenlos besuchen: "Ich habe den Kurs für das Sprachniveau A1 gemacht - das ging mir aber zu langsam. Deswegen habe ich mich entschieden, mir einen Nebenjob zu suchen, um einen weiteren Kurs zu finanzieren."

Der Antrag bei der zuständigen Ausländerbehörde wurde genehmigt. Ein Jahr lang besucht der heute 23-Jährige tagsüber Sprachkurse und verkauft abends Pizza und Döner. Später kellnert er auch noch im Ratskeller in Kiel. "Ich habe mir einfach immer gesagt: 'Du kaufst Dir jetzt nicht die geilsten Schuhe, sondern sparst das Geld für die Kurse.' Das ist ja auch einfach ein gutes Gefühl, wenn ich zum Beispiel zum Amt gehe und die Sprache kann. Das ist doch wichtig."

Zu viele Anträge 2015/16

Nach zwei Jahren in Kiel ist der junge Flüchtling mittlerweile schon beim höchsten Sprachkurs-Niveau angekommen - eine Entscheidung bezüglich seines Asylantrags gibt es weiterhin nicht. Warum dauert es so lange, bis Al-Tarek erfährt, ob er bleiben darf oder nicht? Eine BAMF-Sprecherin geht aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht auf den speziellen Fall ein, begründet längere Wartezeiten in der Vergangenheit aber allgemein mit den hohen Zugangszahlen von Asylsuchenden in 2015/16.

Damals hätte das Bundesamt zeitweise Verfahren aus bestimmten Herkunftsländern priorisieren müssen, um mehr Fälle abarbeiten zu können. Zum einen, so das BAMF, wurden Anträge aus Ländern schneller bearbeitet, bei denen die Flüchtlinge eine hohe Bleibeperspektive haben, zum Beispiel bei Menschen aus Syrien oder Eritrea. Zum anderen wurden Anträge bevorzugt bearbeitet, bei denen die Zugangszahlen extrem hoch waren und die Bleibeperspektive niedrig, etwa bei Flüchtlingen aus dem Westbalkan. Der Jemen gehört weder in die eine, noch in die andere Kategorie.

Talal Al-Tarek rutscht bei der Bearbeitung also offenbar immer weiter nach hinten. Das Bundesamt will lange Wartezeiten heutzutage so gut es geht vermeiden. Nach Angaben einer Sprecherin liegt die Gesamtverfahrensdauer aktuell bei durchschnittlich 10,7 Monaten - wenn alle Alt-Anträge abgearbeitet wurden, soll es schneller gehen.

"Alle Absagen hängen in meiner Wohnung"

Al-Tarek absolviert während der Wartezeit zahlreiche Praktika, unter anderem in Autohäusern und Supermärkten und bewirbt sich für Lehrstellen. "Ich habe 19 Bewerbungen geschickt und 18 Absagen bekommen. Aber das hat mich motiviert, weil ich gedacht habe - immer weitermachen und nicht stehenbleiben. Alle Absagen hängen immer noch in meiner Wohnung an einer Wand, weil mich das einfach motiviert."

Bei der Messe nordjob Kiel trifft der junge Flüchtling dann auf den Ausbildungsleiter der Stadtwerke Kiel. Jörg Homfeldt erzählt ihm alles zum Unternehmen und zum Beruf des Elektrotechnikers - Al-Tarek besteht die Aufnahmeprüfung und beginnt seine Lehre am 1. September 2017 in Kiel. "Es macht mir total viel Spaß, weil ich so viel Neues lerne - und das am liebsten alles auf einmal!“ Ausbildungsleiter Homfeldt freut sich umgekehrt über viele neue kulturelle Eindrücke - zum Beispiel über selbstgemachtes jemenitisches Essen seines Azubis.

Folgen der Anerkennung für Asylbewerber

Flüchtlingsschutz und politisches Asyl

  • Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
  • Niederlassungserlaubnis nach 3 Jahren
  • unbeschränkter Arbeitsmarktzugang
  • Familiennachzug von Ehepartner und minderjährigen Kindern
subsidiärer Schutz
  • Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr
  • Niederlassungserlaubnis nach 5 Jahren möglich
  • unbeschränkter Arbeitsmarktzugang
  • Familiennachzug von 1.000 Menschen pro Monat auf Antrag (seit August 2018)

Asylbescheid: Was lange währt...

Während Talal Al-Tarek bei den Stadtwerken vor seinem Ausbildungsbeginn ein zweimonatiges Praktikum macht, trudelt per Post der lang ersehnte Anhörungstermin für sein Asylverfahren ein - 31 Monate nach der Beantragung. "Der Sachbearbeiter in Neumünster (Anm. der Red.: Dort befindet sich die zuständige Regionalstelle des BAMF) sagte mir nach der Anhörung wörtlich, dass ich 'ein Herz für das Land habe'. Und so habe ich als politisch Verfolgter Asyl erhalten und habe anschließend auch eine Zusage für einen Integrationskurs erhalten. Nachdem ich das ja schon zweieinhalb Jahre gemacht habe. Ich habe das Schreiben aufgemacht und wieder zurückgeschickt. Brauche ich ja nicht mehr."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.01.2018 | 16:30 Uhr

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