Stand: 16.04.2019 05:00 Uhr

Mehr Tierschutz: Ferkel impfen statt kastrieren

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Dietrich Pritschau impft einige seiner 3.000 Mastschweine gegen Ebergeruch.

Landwirt Dietrich Pritschau betritt in einem grünen Arbeitsanzug den Stall. Die jungen Schweine in den Buchten springen auf. Das Besondere an ihnen ist, dass sie nicht kastriert sind. Das ist ungewöhnlich, denn in Deutschland werden bisher den meisten Ferkeln ohne Betäubung die Hoden herausgeschnitten, um zu vermeiden, dass das Fleisch der Tiere später beim Erhitzen einen unangenehmen Ebergeruch entwickelt.

Landwirt impft gegen Ebergeruch

Schweinehalter Pritschau testet in seinem Stall östlich von Lübeck nun eine andere Methode und impft seine jungen Eber. Mit ungefähr zwölf Wochen bekämen die Tiere die erste Impfung, erklärt der Landwirt, das sei nur ein kleiner Pieks hinterm Ohr, vier Wochen vor der Schlachtung müsse die Impfung wiederholt werden.

Tierärzte: Impfung tierschutzgerechter als Kastration

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Tierärztin Inge Böhne hält die Impfung für die beste Lösung - im Sinne des Tierschutzes.

Für die Schweine ist das deutlich weniger belastend als die Kastration. Deshalb setzen sich viele Tierärzte dafür ein. Auch Inge Böhne, Fachtierärztin für Schweine und für die Bundestierärztekammer aktiv, hält die Impfung aus Tierschutzsicht für die beste Lösung. Es wäre gut, wenn man auf die Kastration verzichten könnte, wenn man also intakte Tiere ohne chirurgischen Eingriff mästen könnte, so Böhne.

Trotzdem hat sich die Impfung - die sogenannte Immunokastration - bisher nicht durchgesetzt. Auch Bauer Pritschau impft nur etwa 200 von seinen insgesamt rund 3.000 Mastschweinen. Der 58-Jährige wirbt zwar in der Branche für die tierschutzgerechte Methode, doch bislang muss er seine Kunden mühsam überreden - oft ohne Erfolg.

Handel und Schlachthöfe kaufen geimpfte Tiere nur zögerlich

Verantwortlich sei der Lebensmitteleinzelhandel, denn der signalisiere bisher nicht, in großem Maße Tiere abzunehmen, so Pritschau. Auf Anfrage des NDR, ob der Handel geimpfte Tiere tatsächlich kaum akzeptiere, antwortet der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels ohne weitere Erklärungen, man könne das "weder mit ja noch mit nein" beantworten.

Ferkel stehen dicht an dicht in einem Stall. © dpa-Bildfunk Foto: Ingo Wagner

Ferkel impfen statt kastrieren

NDR Info -

Männliche Ferkel werden nach der Geburt kastriert, damit das Fleisch keinen unangenehmen Geruch entwickelt. Ab 2021 dürfen keine Ferkel mehr ohne Betäubung kastriert werden.

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Auch die Schlachtunternehmen kaufen solches Fleisch nur zögerlich. Der Aufwand für die Verarbeitung sei höher, und man könne das Fleisch in manchen Ländern nicht verkaufen, heißt es aus der Branche.

Tierschutzexperte Lars Schrader vom Friedrich-Löffler-Institut ärgert das: "Da schiebt sich jeder den Schwarzen Peter zu." Die Tierhalter sagten, sie würden impfen, wenn die Schlachthöfe das Fleisch abnähmen, so Schrader. Die Schlachtbranche würde auf den Handel verweisen und der Handel behaupte, sie würden das Fleisch anbieten, wenn der Verbraucher es abkaufen würde.

Impfung: Keine Gesundheitsrisiken für Verbraucher

Zudem geht in der Branche immer wieder die Angst um, dass Verbraucher das Fleisch geimpfter Tiere als "Hormonfleisch" brandmarken und somit ablehnen könnten. Schrader hält dagegen, gesundheitliche Bedenken seien fachlich völlig unbegründet: "Für den Verbraucher, der sich ein Kotelett kauft, bestehen keine gesundheitlichen Risiken."

Das Friedrich-Löffler-Institut - die Bundesforschungseinrichtung für Tiergesundheit - schreibt jedenfalls in einer Stellungnahme, tierschutzfachlich sei die Impfung gegen Ebergeruch der beste Weg. Schrader weist darauf hin, dass das Impfen in anderen Ländern bereits eine akzeptierte Methode sei - beispielsweise in Belgien, Australien und Brasilien.

Ab 2021 ist Kastrieren nur noch unter Betäubung erlaubt

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Männliche Ferkel werden bislang meist ohne Betäubung kastriert. Das ist ab 2021 verboten.

In Deutschland wird das Kastrieren ohne Betäubung ab 2021 verboten sein. Spätestens dann müssen sich Landwirte zwischen drei Alternativen entscheiden. Sie können ihre Ferkel unter Narkose kastrieren lassen. Das ist verhältnismäßig teuer, denn bisher dürfen nur Tierärzte die Anästhesie der Ferkel übernehmen. Um die Landwirte zu unterstützen, möchte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gerade durchsetzen, dass die Schweinehalter in Zukunft selbst narkotisieren dürfen.

Zweitens könnten die Bauern auf die Kastration verzichten und die männlichen Tiere als Eber mästen. Allerdings gilt die Haltung von Ebern als Herausforderung, weil die männlichen Schweine aggressiver sind. Es kann zu Kämpfen und damit zu Verletzungen kommen. Außerdem müssten die Schlachtunternehmen die wenigen Tiere, die einen unangenehmen Ebergeruch entwickeln, aussortieren. Drittens könnten die Landwirte so wie Pritschau ihre männlichen Schweine gegen den Ebergeruch impfen.

Landwirt Pritschau: Der Branche läuft die Zeit davon

Pritschau hofft, dass sich das Impfen durchsetzt und engagiert sich dafür auch als Vizepräsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein. Er betont, dass der Branche für die nötigen Umstellungen die Zeit davonlaufe. Seine Vision sei, dass die Branche das Thema in den kommenden gut 600 Tagen endgültig löse, so Pritschau. Der Landwirt betont: "Der unversehrte Tierkörper ist ein Wunsch des Tierschutzes, und das ist auch nachvollziehbar."

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Ferkelkastration: Kritik an Narkose durch Bauern

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Ferkel dürfen zukünftig nur noch unter Betäubung kastriert werden. Doch Tierärzte kritisieren, dass die Narkose von den Landwirten selbst gemacht werden soll. Video (02:50 min)

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Dürfen Bauern bald Ferkel betäuben?

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Landwirtschaftsministerin Klöckner will, dass Schweinehalter ihre Ferkel künftig vor einer Kastration selbst narkotisieren dürfen. Tierärzte protestieren vehement dagegen. extern

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Der Länder-Agrarausschuss wollte es noch verhindern, doch der Bundesrat hat nun endgültig grünes Licht gegeben: Ferkel dürfen zwei weitere Jahre ohne Betäubung kastriert werden. Oda Lambrecht kommentiert. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 16.04.2019 | 08:08 Uhr

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